Interview "Weniger reden und totdenken"

Die Konditormeisterin und Vorsitzende der Handwerksjunioren Sara Hofmann über den wünschenswerten Mutterschutz für Selbstständige, die verhängnisvolle EU-Entwaldungsverordnung und verkrustete Prüfungsausschüsse. Und welche Regelungen aus Brüssel sie aus Sicht junger Handwerker für absurd hält.

Drei Menschen, EU-Parlament der Unternehmer. von links Tischlermeister Franz Vogel EU-Kommissar Eric Mamer und Konditormeisterin Sara Hofmann
Handwerk und EU-Politik auf einem Bild: Konditormeisterin Sara Hofmann und Tischlermeister Franz Vogel nahmen Eric Mamer, Generaldirektor Ökopolitik in der EU-Kommission, in die Mitte. - © Hajo Friedrich

Anlässlich des "Europäischen Parlaments der Unternehmen" in Brüssel, bei dem über 700 Unternehmerinnen und Unternehmer aus 43 Ländern ihre Anliegen an die EU-Politik richteten, war auch Sara Hofmann Teil der deutschen Delegation. Als frisch gewählte Bundesvorsitzende der Junioren des Handwerks und Konditormeisterin nutzte sie die Gelegenheit, um auf die Herausforderungen für junge Handwerksbetriebe aufmerksam zu machen.

Frau Hofmann, Sie sind Bundesvorsitzende der Handwerksjunioren. Nun haben Sie am Europäischen Parlament der Unternehmen in Brüssel teilgenommen. Was waren Ihre wichtigsten Anliegen, die Sie dort vertreten haben?

Meine konkreten Forderungen waren unter anderem, das Entwaldungsgesetz zu stoppen und neu zu bedenken und mit Praxis-Checks zu fundieren. Außerdem müssen die Energiepreisregelungen mehr im Hinblick auf die KMU ausgerichtet werden.

Was hatten Sie persönlich von einer Veranstaltung wie dem Parlament der Unternehmer erwartet?

Zum einen habe ich mir einen besseren Einblick in den Gesetzgebungsprozess der EU erhofft und wie diese Gesetze dann nach Deutschland gelangen. Ebenso ist es wichtig für die jungen Menschen herauszufinden, wie sie sich einbringen können, um das Feedback der praktischen Umsetzung weitergeben zu können.

EU-Entwaldungsverordnung, diverse Berichtspflichten, die Green-Claims-Richtlinie – die Liste belastender EU-Regelwerke ist lang. Welche dieser Vorschriften trifft junge Betriebsübernehmer wie Sie am härtesten?

Die Entwaldungsverordnung ist momentan die, die uns im Gewerk am härtesten trifft. Der Grundgedanke ist ja richtig und wichtig. Aber es wurde sich viel zu wenig damit beschäftigt, wie es ein kleiner Betrieb stemmen soll in der Umsetzung. Und wer kontrolliert, wie viele Bäume für die Dokumentationspapiere gefällt werden mussten? Dieses Konzept ist in sich so absurd, dass ich nur noch mit dem Kopf schütteln kann. Die Produkte müssen an der Grenze einmalig kontrolliert und kategorisiert werden und dann darf der Betrieb nicht mehr mit dieser Verordnung in Berührung kommen. 

"Die Entwaldungsverordnung ist momentan die, die uns im Gewerk am härtesten trifft."

Der Zentralverband des Deutschen Handwerks fordert eine 35-prozentige Reduktion von Berichtspflichten. Ist das realistisch – oder müsste man noch radikaler rangehen?

Mit Blick auf eine realistische Umsetzung sind 35 Prozent schon gut angesetzt. Im Verhältnis zur gesamten Berichtspflicht ist es ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber klein anfangen ist besser als gar nicht. Aus meiner Sicht müssen mindestens 50 Prozent weg, um eine wirklich spürbare Entlastung zu bekommen.

Wie soll ein junger Meister oder eine junge Meisterin, die gerade einen Betrieb übernommen hat, all diese Dokumentationspflichten stemmen?

Keiner muss oder sollte die Dokumentation allein stemmen. Jeder sollte von Anfang an klare Strukturen, digitale Werkzeuge und verlässliche Standards direkt einführen. Ein Teil der Aufgaben sollten sinnvoll ins Team, wenn vorhanden, oder an externe Fachleute delegiert werden, während die Meisterperson nur das Wesentliche überwacht. Mit festen Routinen schrumpft der Aufwand schnell auf ein handhabbares Maß. Bei manchen Pflichten kann sich sogar ein pragmatischer Ansatz lohnen.

Sie sind junge Mutter und erleben gerade, welche Herausforderungen die Vereinbarkeit von Familie und Selbstständigkeit mit sich bringt. Was würden Sie sagen, wie unterscheiden sich die Anliegen junger Handwerkerinnen und Handwerker von denen der etablierten Generation?

Ich glaube der Hauptunterschied liegt darin, dass junge Handwerkerinnen und Handwerker mehr noch zukunftsorientiert sind und Angst haben, was auf uns zukommt. Etablierte Generationen haben so ziemlich ihre Schäfchen im Trockenen und weniger Sorgen. Damit meine ich nicht nur die Sorgen um die Rente, sondern schon angefangen bei laufenden Existenzen, die sich "in Gefahr" fühlen oder sogar Hemmungen, sich auf Grund der zu vielen Hindernisse überhaupt in die Selbstständigkeit zu trauen.

"Etablierte Generationen haben so ziemlich ihre Schäfchen im Trockenen und weniger Sorgen."

Sie setzen sich besonders für junge Frauen im Handwerk ein. Welche Hürden begegnen jungen Frauen im Handwerk heute noch – trotz aller Gleichstellungsbemühungen?

Frauen werden im Handwerk leider oftmals noch unterschätzt und als das "schwächere Geschlecht" angesehen. Hinzu kommt, dass Familienplanung immer noch als Hindernis gesehen wird für Frauen, da sie ja nicht alles gleichzeitig machen können. Dass es aber ein Zusammenspiel aus partnerschaftlicher Unterstützung und Job ist, sehen viele gar nicht, da bei älteren Generationen das klassische Familienbild noch steht – leider.

Ein weiterer großer Punkt ist der fehlende Mutterschutz für Selbstständige. Das erschwert natürlich die Selbstständigkeit immens. Wenn eine Frau sich zwischen Selbstständigkeit bzw. Beruf und Muttersein entscheiden muss, ist das keine schöne Entscheidung. Und eigentlich eine, die gar nicht getroffen werden dürfte. Da muss sofort etwas in Deutschland passieren, da wir sonst auch da eine große Nische an Unternehmerinnen verlieren könnten. Ganz zu schweigen vom gesundheitlichen Aspekt. Eine angestellte Schwangere kann per sofort ein Arbeitsverbot bekommen ab Schwangerschaftsbekanntgabe, aber eine selbstständige werdende Mutter soll bis einen Tag vor Entbindung körperlich arbeiten, da sonst die Existenz gefährdet ist? Da läuft ganz schön was schief.

Der Mutterschutz für Selbstständige muss dringend eingeführt werden, damit Frauen sich nicht zwischen Familie und Existenzgründung entscheiden müssen. Er muss sofort greifen, sobald eine selbstständige Frau schwanger ist – gesichert und ohne große bürokratische Hürden, zusätzliche Voraussetzungen oder Bedingungen.

"Da läuft ganz schön was schief."

Was muss sich noch ändern, damit mehr Frauen den Weg in Führungspositionen im Handwerk finden?

Qualität muss Priorität haben. Damit meine ich, dass es egal sein muss, welches Geschlecht das Know-How weitergibt, sondern der Inhalt muss stimmen. Sprich, es darf nicht darauf geachtet werden, wer etwas sagt, sondern was gesagt wird.

Wie haben Sie persönlich die Zeit als junge Mutter im eigenen Betrieb erlebt – was hat gefehlt?

Ich persönlich kann mich absolut nicht beschweren, da ich vollen Rückhalt hatte von meinem Mann und meinen Schwiegereltern. Wir sind betrieblich aber auch so aufgestellt, dass meine Arbeit temporär auf mehrere Schultern verteilt werden konnte, was Luxus war für mich. Dadurch konnte ich mich voll auf die Schwangerschaft und alles konzentrieren. Ich habe trotzdem so lange gearbeitet, bis es nicht mehr ging.

Glauben Sie, dass das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf junge Frauen davon abhält, ins Handwerk zu gehen oder einen Betrieb zu übernehmen?

Ich glaube, dass die falsche Vorstellung davon bestimmt Einfluss nimmt. Aber auch da wieder das Thema: zu wenig Informationsfluss, zu wenig spürbare Unterstützung seitens des Staates und zu wenig Absicherung. Andererseits spielt, glaube ich, auch immer die Sorge eine Rolle, wie es nach einer Schwangerschaft im Handwerk weitergeht. Ich glaube aber auch da, dass das Handwerk teilweise sogar mehr Flexibilität bietet als manch andere Branchen. Eher bezogen natürlich auf die Arbeitszeiten, Handwerk kann nicht im Homeoffice ausgeübt werden.

Sie haben in der Vergangenheit bisweilen von "verhärteten Strukturen" in Betrieben und Organisationen gesprochen. Können Sie ein Beispiel nennen, wo Sie selbst gegen solche Strukturen ankämpfen mussten?

Bei mir im Prüfungsausschuss der Konditoren tatsächlich. Da war mit unserem vorherigen Obermeister nicht an eine Änderung oder einen Wandel mit der Zeit überhaupt zu denken. Auch wenn die Umstände nicht schön sind, wir haben jetzt aber die Chance, das Gewerk bei uns weiter nach vorne zu bringen und gewisse Dinge zu erneuern und zu modernisieren, weil unser jetziger Obermeister den Geist der Zeit erkannt hat und anpacken möchte.

Wo konkret soll dieser Wandel beginnen?

Der Selbstverwaltungsapparat im Handwerk besteht aus einem hohen Altersdurchschnitt. Positionen sind schon sehr lange von den gleichen Personen besetzt und dadurch wird man – auch im (Ehren-)Amt – irgendwann betriebsblind. Dann kommt hinzu, dass viele gar nicht mehr im eigenen Betrieb (mit-)arbeiten und somit von vielen Problemen und Themen gar nicht mehr viel mitbekommen oder betroffen sind. Da müssen einfach die jungen Leute an Ämter herangeführt werden, um die Perspektive mal zu wechseln und andere Ideen und Ansätze mitzubringen.

"Der Selbstverwaltungsapparat im Handwerk besteht aus einem hohen Altersdurchschnitt."

Das Thema Betriebsnachfolge liegt Ihnen besonders am Herzen. Was sind aus Ihrer Sicht die größten Stolpersteine für junge Menschen, die einen Handwerksbetrieb übernehmen wollen?

Ich finde, dass die Unterstützung in rechtlichen Dingen und Fragen zu gering ist. Es muss so viel beachtet werden, das meiste hat man gar nicht auf dem Schirm, weil es so viel ist. Da sollte seitens der Organisationen mehr rechtlicher Beistand am Anfang vor allem erfolgen. Aus finanzieller Sicht sollten auch Übernahmebedingungen erleichtert werden. Beispielsweise wenn ein Betrieb von der Infrastruktur veraltet ist, sollte es nicht nur an demjenigen hängen bleiben – finanziell – der den Betrieb übernimmt. Es sollte viel mehr Förderungen geben für das Instandsetzen oder Modernisieren übernommener Betriebe, die an die heutige oder aktuelle Gesetzgebung angepasst werden müssen. Das darf nicht zur Negativbelastung des Nachfolgers werden, denn auch das schreckt ab -wie rentabel ist es noch einen Betrieb zu übernehmen, wenn erstmal Summe X reingesteckt werden muss? Da müsste es viel mehr finanzielle Entlastung geben zum Beispiel über Steuerentlastung.

Wie können Handwerksorganisationen junge Nachfolger besser unterstützen – was fehlt heute?

Ich finde leider, dass die Vorbereitung in gewissen Bereichen nicht realistisch genug ist – oft wird die Selbstständigkeit als etwas ausschließlich Positives dargestellt. Nicht falsch verstehen – ich finde es super mein eigener Chef zu sein, ich kann es mir nicht anders vorstellen. Aber trotzdem sollten die Infos realistischer sein, was an Aufgaben alles auf einen zukommt.

"Wenn man den Meister nicht machen möchte, wenigstens den Ausbilderschein, um den Nachwuchs zu sichern und sein Gewerk weitergeben zu können."

Was würden Sie einem 25-jährigen Gesellen raten, der über eine Betriebsübernahme nachdenkt?

Er sollte auf jeden Fall seinen Meister machen und sich betriebswirtschaftliches Know-how aneignen. Zudem sollte er definitiv immer seine Zahlen kennen und das nicht einfach nur dem Steuerberater überlassen. Falls er den Meister nicht machen möchte, ist zumindest der Ausbilderschein essenziell, um den Nachwuchs zu sichern und sein Gewerk weitergeben zu können.

Sie engagieren sich seit Jahren ehrenamtlich bei den Handwerksjunioren. Was treibt Sie an – und was möchten Sie als Bundesvorsitzende bewegen?

Ich möchte es schaffen, dass mehr junge Menschen und Frauen ins Handwerk und Ehrenamt kommen und die jungen Menschen, die vielleicht schon engagiert sind oder es möchten und nicht gelassen werden, bei uns die Chance bekommen, mitzumachen.

Was können junge Handwerkerinnen und Handwerker vom ehrenamtlichen Engagement in den Junioren konkret für ihren Betrieb mitnehmen?

Infos, das Netzwerken und den Austausch mit anderen Gewerken und die eigene Stimme einbringen, um Themen und Probleme dort anzubringen, wo sie platziert werden müssen.

"Nicht unterkriegen lassen davon, sondern sich dafür einsetzen und die Stimme nutzen, um die Bedingungen besser zu gestalten."

Was ist Ihre wichtigste Botschaft, die Sie aus Brüssel mit nach Deutschland genommen haben?

Weniger reden und totdenken, mehr fundiert handeln und auf die Verbände hören.

Was würden Sie jungen Handwerkerinnen und Handwerkern sagen, die frustriert sind von Bürokratie und Regelungswut?

Nicht unterkriegen lassen davon, sondern sich dafür einsetzen und die Stimme nutzen, um die Bedingungen besser zu gestalten. Solange der Beruf Spaß macht, ist der wichtigste Grundstein gelegt.

Wie optimistisch sind Sie, dass sich in den nächsten Jahren wirklich etwas zum Besseren ändert für das junge Handwerk?

Das ist nicht einfach zu beantworten. Ich glaube, dass es weniger darum geht, dass sich überhaupt etwas ändert, sondern in welchem Ausmaß. Änderungen hat es unter Habeck schon gegeben, allerdings nicht ausreichend und nicht in Bereichen, die bei KMU wirksam spürbar waren. Ich glaube, dass es noch länger dauert, als es eigentlich sollte, aber eigentlich schneller gehen müsste, um weitere Konsequenzen zu vermeiden wie Abwanderung oder Schließungen.