Handwerker treten immer wieder an, um Rekorde aufzustellen. Jüngstes Beispiel war der traditionsreiche Zimmererklatsch auf einem schwebenden Dachstuhl. Es gibt jedoch noch viele weitere, teils skurrile Rekorde, die Handwerker aufgestellt haben. Dazu gehören Riesen-Zimtschnecken, der längste Stuckzug der Welt und die wahre Liebe für den Beruf.

Man nehme einen hölzernen Dachstuhl, der mittig auf einer Holzstütze aufliegt und dessen Unterkante sich 50 Zentimeter über dem Boden befindet, sowie 42 Zimmerleute in traditioneller Kluft, die sich darauf platzieren. Diese wenden sich dann paarweise zueinander und beginnen, den traditionellen Zimmererklatsch auszuführen. So geschehen Mitte Mai anlässlich des Jahrestreffens der Online-Plattform "Der Zimmerer-Treffpunkt" im niederbayerischen Landau an der Isar. Begleitet von der Stadtkapelle Landau sangen die Teilnehmenden dazu das für diesen Anlass leicht umgedichtete Lied "Darum aufgeschaut". Über sechs Minuten verbrachten die Zimmerleute klatschend und singend auf der freischwebenden Konstruktion und stellten damit einen neuen Weltrekord für den "größten Zimmererklatsch auf schwebendem Dachstuhl" auf.
Lasse Philippeit, Rekordrichter beim Rekord-Institut für Deutschland (RID) in Hamburg, hat den Rekord genau dokumentiert. "Um in dieser Rekordkategorie erfolgreich zu sein, muss das Gewicht der Zimmerleute so auf dem Dachstuhl verteilt werden, dass dieser weiterhin in der Waage bleibt", erklärt er. "Für eine erfolgreiche Durchführung mussten die Handwerkerinnen und Handwerker Positionen einnehmen, die präzise nach ihrem individuellen Körpergewicht festgelegt waren." So konnten sie die Konstruktion über sechs Minuten erfolgreich in der Waagrechten halten – für den Weltrekord hätten jedoch bereits mehr als zwei Minuten ausgereicht.
Handwerker glücklich mit ihrer Arbeit
Handwerker brennen für ihren Job – zumindest mehrheitlich. Das zeigt eine Studie der IKK Classic: Demnach bezeichnen sich 80 Prozent als glücklich mit ihrer Arbeit. In der Gesamtbevölkerung sind es nur 55 Prozent. Laut der Studie sind Selbstverwirklichung, Sinnempfinden, Wertschätzung und Gemeinschaft die ausschlaggebenden Faktoren dafür. Das könnte auch eine Ursache dafür sein, dass Handwerker immer wieder versuchen, Rekorde aufzustellen – darunter mitunter durchaus skurrile.
Weltrekorde aus dem Lebensmittelhandwerk
Da war etwa der Bäcker aus Medford im US-Bundesstaat Oregon, der vor einigen Jahren die größte Zimtschnecke der Welt kreierte: Mit 521,5 Kilogramm brachte sie auf die Waage, sie wurde über Gasflammen in einer extra angefertigten Pfanne gebacken. Oder eine chinesische Konditoren-Vereinigung, die auf die Idee kam, den längsten Früchtekuchen der Welt herzustellen – 60 Konditoren und 120 Assistenten produzierten das 3,18 Kilometer lange Monstrum. Und auch der Italiener Dimitri Panciera hält einen Weltrekord: Er schaffte es, 125 Kugeln seiner handwerklich hergestellten Eiscreme in einer nur 9,5 Zentimeter breiten Waffel zu balancieren.
Weltrekorde aus dem Uhrmacherhandwerk
Auch das Uhrmacherhandwerk ist immer wieder für Rekorde gut: Lediglich 52 Gramm wiegt die leichteste Taucheruhr der Welt – von Ulysse Nardin, die Diver Air. Erreicht wurde der Rekord durch ein skelettiertes Uhrwerk und ein Gehäuse aus Kohlefaser. Das Springdrive-Uhrwerk 9RB2 im Modell SLGB003 von Grand Seiko wiederum weicht lediglich 20 Sekunden pro Jahr von der regulären Zeit ab. Sie ist damit die genaueste Serienuhr der Welt. Und lediglich 1,85 Millimeter hoch ist das Gehäuse des flachsten fliegenden Tourbillons der Welt, der Octo Finissimo Ultra von Bulgari. Was die Rekorduhren eint, ist ihr stolzer Preis: Mittlere fünfstellige Beträge werden dafür aufgerufen.
Hobel-, Stuckzug- und Rasierrekord
Den größten funktionierenden Hobel der Welt wiederum hat die Schreinerei Fust aus der Schweiz angefertigt: Er ist 7,13 Meter lang, 4,37 Meter hoch und 2,10 Meter breit. Das deutsche Nationalteam der Stuckateure hat wiederum hat mit mehr als 104 Metern den längsten Stuckzug der Welt hergestellt. Und der Friseur Furkan Yakar aus Berlin hält den Solo-Rasierrekord: Innerhalb einer Stunde rasierte er am 31. Oktober 2018 in Berlin 69 Gesichter.
Was ist die Motivation?
Doch was treibt Menschen an, derartige Rekorde aufzustellen? Der Sportpsychologe Markus Gretz aus Ulm sieht drei Motive, die menschliches Verhalten allgemein ausmachen – und die aus psychologischer Sicht ausschlaggebend für Rekordversuche sind: Macht, Anschluss und Leistung. "Bei Höchstleistungen wie neuen Rekorden können alle drei Motive bedient werden, da wir mit mehr Einfluss rechnen können, wenn wir einen Rekord vorweisen oder von anderen durch den Rekord mehr gemocht und wertgeschätzt werden. Aber vor allem, dass wir und andere stolz auf eine vollbrachte Anstrengung und ein erreichtes Ziel sind", so der Experte.
Die Motivation aufzubringen, einen Rekord aufzustellen, hänge dabei stark mit dem menschlichen Belohnungssystem zusammen: "Nach der Belastung ist durch die Bewunderung Lob sicher und das ist als soziales Wesen die größte Währung für uns Menschen", erläutert Gretz. "Aber auch unser eigener Stolz, eine körperliche Grenze überschritten zu haben, lässt unseren Körper Hormone und Neurotransmitter ausschütten, die ähnlich wie Drogen wirken und uns in einen rauschähnlichen glücklichen Zustand versetzen können." Für diese Gefühle würden viele Menschen vorher bis an die Schmerzgrenze gehen. Für Unternehmen kommt noch der Werbeeffekt hinzu – den von einem Weltrekordhalter kauft ein Kunde natürlich besonders gerne.
Das schwerste Stahlseil und der älteste aktive Friseur
Es gibt aber auch Rekorde, die einen direkten Nutzen entfalten: Das schwerste Stahlseil der Welt etwa stammt von einem österreichischen Metallbau-Betrieb: Es ist 495 Tonnen schwer, mehr als vier Kilometer lang und hat einen Durchmesser von 160 Millimeter. Das Riesen-Stahlseil, das auch seinen Platz im Guiness Buch der Rekorde hat, ist für anspruchsvollste Unterwasseranwendungen ausgelegt – einschließlich Offshore-Transport, -Abwurf und -Bergung. Und auch der Friseur Anthony Mancinelli aus New Windsor im US-Bundesstaat New York brachte mit seiner Leistung einen großen Nutzen für die Menschen: Bis kurz vor seinem Tod am 19. September 2019 stand der 1911 geborene Mancinelli in seinem Salon "Fantastic Cuts", fünf Tage die Woche von 12 bis 20 Uhr. Mit 108 Jahren war er der älteste Friseur im Dienst. Er habe es nicht übers Herz bringen können, seinen Job aufzugeben, sagte er einmal der Lokalzeitung – aus Respekt vor seinen Kunden, die teilweise schon seit Jahrzehnten seinen Salon besuchten. Das ist wohl nichts anderes als wahre Leidenschaft fürs Handwerk – eine echte Berufung.