EU-Kommission stellt Pläne für umfassende Fischereireform vor "Weitermachen ist keine Option"

Die EU zieht angesichts schwindender Fänge in europäischen Gewässern die Reißleine und will ihre Fischereipolitik umkrempeln. Am Mittwoch stellte die zuständige EU-Kommissarin Maria Damanaki in Brüssel ihre lang erwarteten Reformpläne vor. Zentraler Punkt dabei ist, dass künftig langfristige wissenschaftlich basierte Managementpläne festlegen sollen, wie viel Fisch gefangen werden darf.

"Weitermachen ist keine Option"

Brüssel (dapd-nrd). Die EU zieht angesichts schwindender Fänge in europäischen Gewässern die Reißleine und will ihre Fischereipolitik umkrempeln. Am Mittwoch stellte die zuständige EU-Kommissarin Maria Damanaki in Brüssel ihre lang erwarteten Reformpläne vor. Zentraler Punkt dabei ist, dass künftig langfristige wissenschaftlich basierte Managementpläne festlegen sollen, wie viel Fisch gefangen werden darf.

Bislang handelten die Agrarminister jedes Jahrs aufs neue untereinander die Fangmengen aus. Dabei überschritten sie regelmäßig von Wissenschaftlern gesetzte Höchstmengen, was viele Bestände bereits an den Rande des Kollaps führte.

Die Lage ist ernst: Fast drei Viertel aller Bestände in Europa sind überfischt. Im Mittelmeer sind es sogar vier von fünf Beständen. Viele Fischer stellt diese Situation bereits vor ernste wirtschaftliche Probleme. Viele haben schon aufgegeben - eine ganze Reihe weitere könnten folgen.

"Weitermachen ist keine Option", stellte Damanaki klar, die die bisherige EU-Politik für gescheitert erklärte. "Wenn wir es tun, werden unsere Kinder Fisch nicht mehr auf dem Teller sehen, sondern nur noch Bilder davon", sagte sie. Der Verlust eines Fischbestands nach dem anderen sei die Folge.

Auch mit dem ungewollten Beifang soll nun Schluss sein. Schätzungen zufolge wird derzeit fast jeder vierte gefangene Fisch wieder zurück ins Wasser geworfen - die meisten davon tot oder fast tot. In manchen Gebieten sind sogar 60 Prozent der Fische in den Netzen ungewollter Beifang. Damit sich hier etwas bewegt, will die EU-Kommissarin die Fischer künftig zwingen, alle Fische - auch die unerwünschten - mit an Land zu nehmen. Sie sollen dann bei anderen Fischern in ihrem Land Lizenzen kaufen können, mit denen sie zu viel gefangene Fische noch auf den Markt bringen können. Auch bessere Ausrüstung soll helfen, das Beifangproblem zu lösen.

Der Lizenzhandel soll die Fischer flexibler machen und ihnen Grund geben, auch aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten schonender mit den Ressourcen des Meeres umzugehen. "Fische sind ein öffentliches Gut", begründete Damanaki diesen Vorschlag, der bei Umweltorganisationen und Europaparlamentariern allerdings umstritten ist.

Um zusätzliche Härten für die Fischer zu vermeiden, soll die Reform von umfangreichen Hilfen für die Branche flankiert werden. Subventionen, die der Überfischung Vorschub leisten, sollen aber abgeschafft werden. Große Hoffnung setzt Damanaki in den Ausbau von Aquakulturen, den die EU unterstützen will. Hier erhofft sich die Kommissarin viele neue Jobs.

Auch die Kunden sollen künftig besser informiert werden. So soll beim Kauf künftig klar nachvollziehbar sein, wo der Fisch herkommt, wie er gefangen wurde und ob er frisch ist oder gefroren wurde. Auch die Fischerei außerhalb der EU soll nachhaltiger werden: So soll künftig bei allen Fischereiabkommen sichergestellt werden, dass diese nicht die Lebensgrundlage der dortigen Bevölkerung gefährden.

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europaparlament, Rebecca Harms, gehen die Vorschläge nicht weit genug. Die Umweltorganisation Greenpeace forderte erneut die Fischfangflotten deutlich einzudampfen.

Die Länder und das Europaparlament müssen der Reform, die nach dem Willen der Kommission bereits im Januar 2013 in Kraft treten soll, noch zustimmen. Hier dürfte es zähe Verhandlungen geben. Vor allem seitens der Fischfangnation Spanien wird massiver Widerstand erwartet.

Schon die ersten Reaktionen aus einigen EU-Ländern zeigten, wie zäh das Ringen um die Fischereireform wohl werden wird. So begrüßte Bundesagrarministerin Ilse Aigner Damanakis Vorstoß, verwies allerdings auf deutsche Vorschläge einer "schrittweisen Einführung von Rückwurfverboten". Auch der britische Fischereiminister Richard Benyon meldete schon einmal Vorbehalte gegen das geplante Rückwurfverbot an: Man dürfe ein Problem auf der See nicht zu einem Problem auf dem Land machen, kritisierte er.

dapd