Drechsler leiden als kleine Branche unter mangelnder Aufmerksamkeit, denn der Nachwuchs entdeckt den Beruf eher selten für sich. Die Betriebe suchen nach Strategien.
Frank Muck
Wolfgang Miller müsste froh sein – eigentlich. Weil es zwei junge Leute aus Norddeutschland gibt, die sich für den Beruf des Drechslers interessieren. Der stellvertretende Bundesinnungsmeister und Fachoberlehrer an der der Berufsfachschule in Bad Kissingen erhält des Öfteren Anfragen von Jugendlichen. Deren Suche nach einer Lehrstelle veröffentlicht er dann auf der Webseite des Bundesinnungsverbandes, in der Hoffnung, dass sich ein Betrieb meldet, der einen freien Platz hat. Auch den Betrieben selbst müssten diese Anfragen willkommen sein, suchen die Drechslereien doch zum Teil händeringend nach Nachwuchs. Doch noch konnte Miller die beiden Jungs nicht vermitteln.
Fragt man Miller nach den Gründen, ist es das von vielen Betrieben beklagte Dilemma, dass sie zwar Lehrlinge suchen, der interessierte Nachwuchs aber oft nicht die nötige Vorbildung mitbringt. Von sozialen Kompetenzen erst gar nicht zu reden. "Im Grunde kann sich ein Betrieb in Zeiten des Fachkräftemangels diese Haltung nicht leisten", gibt Miller zu. So schlecht, wie die Betriebe die jungen Leute sehen, seien sie außerdem oft gar nicht: "Wenn man einem Lehrling im ersten Jahr richtig etwas beibringt, dann hat man in den folgenden Jahren auch was von ihm." Verschärft wird das Problem noch dadurch, dass der Beruf ein Nischendasein führt und bei Jugendlichen nicht sonderlich bekannt ist. Selbst Berufsbildungsmessen, auf denen sich Firmen präsentieren und bewerben sollen, rücken einen Beruf wie den Drechsler nicht unbedingt in besseres Licht.
Bei der Industrie winkt bessere Bezahlung
Hans Georg Weiss zum Beispiel geht schon gar nicht mehr hin, sagt er, weil er sich sonst gegen all die Technologiefirmen behaupten müsse, die dort ihre ausgeklügelten Ausbildungskonzepte vorstellen. Im Zweifel winkt bei denen eine bessere Bezahlung und eine schnellere Karriere. Der Drechslermeister aus dem bayerisch-schwäbichen Sontheim bekommt zwar immer wieder Bewerbungen von interessierten Jugendlichen, weil der Beruf durchaus ankommt, wenn er etwa auf Handwerkermärkten präsentiert wird. Folgt dann aber der Hinweis auf die Produktionsweise, die zum Großteil eben nicht nur schöne kunsthandwerkliche Produkte, sondern vielfach automatisierte Serienherstellung beinhaltet, machen viele Jugendliche einen Rückzieher. Denn viele Drechslereien leben von der Zulieferung für Industriebetriebe. Bekommt Weiss keinen Lehrling, greift er auf Aushilfen zurück oder stellt – wie zuletzt – auch mal einen Schreiner ein.
Warum Qualität ein Teil der Lösung ist, lesen Sie auf der nächsten Seite.
Björn Köhler hat es in dieser Hinsicht einfacher. Der Drechslermeister aus Eppendorf im Erzgebirge stellt bildschöne Figürchen zur Dekoration her – und noch dazu nur in Handarbeit. Über Nachwuchssorgen kann er sich nicht beklagen. Bis jetzt bekommt er problemlos alle drei Jahre einen neuen Lehrling, doch auch ihm ist klar, dass diese komfortable Situation nicht Bestand haben wird. Auch wenn erzgebirgisches Kunsthandwerk oder auch die verwandten Holzspielzeugmacher von vornherein für Jugendliche interessanter sind. Nach Köhlers Ansicht gibt es zwei Trends, die die Drechslerbetriebe überlebensfähig machen: Massen- und Serienproduktion für die Zulieferung auf der einen sowie qualitativ und gestalterisch hochwertige Arbeit auf der anderen Seite. Dazwischen sei kaum etwas möglich, weil es in Fernost billiger herzustellen ist.
Präsenz in den Schulen ist wichtig
Er selbst setzt auf Qualität. Und das nicht nur beim Produkt, sondern auch bei der Außendarstellung. Neben seinem streng durchgehaltenen Design seiner Figuren hat Köhler auch für seine Webseite und die Drucksachen ein Corporate Design entwickelt. Präsentationen auf Ausstellungen müssen deswegen ebenso zum Unternehmen passen wie alles andere. Bei der Nachwuchswerbung sei der Qualitätsaspekt ebenso wichtig, denn die Freude an einer anspruchsvollen Tätigkeit an hochwertigen Produkten müsse für den Jugendlichen den Wunsch nach viel Geld und Karriere kompensieren.
Christoph Beck, Drechsler aus Dettingen in der Nähe von Stuttgart, setzt verstärkt auf Praktika und den Kontakt zu Schulen. Zuletzt hat er einen neuen Lehrling gewinnen können, der sich nach zwei Praktika in seinem Betrieb für eine Lehre bei Beck entschieden hat. Als Handwerker vor Ort macht er in den Schulen Werbung für sich. Seine Lehrlinge bekommt er nicht ohne Eigeninitiative, denn Anfragen von Jugendlichen bekomme er so gut wie gar nicht mehr. Was letztlich zähle, ist der persönliche Kontakt. Wolfgang Miller kann das bestätigen. Die Präsenz in den Schulen sieht er als ganz entscheidenden Schritt, um sich als Betrieb bekannt zu machen. Gleichzeitig bittet der stellvertrentende Innungsmeister die Betriebe, den Nutzen einer Verbandsmitgliedschaft nicht zu unterschätzen, weil sich in einer Gemeinschaft mehr erreichen lasse und die Unternehmer vom gegenseitigen Austausch profitieren. Dass der Verband politisch wirksam ist, habe er zur Reform der Handwerksordnung 2003 bewiesen, als verhindert werden konnte, dass der Drechsler seine Anerkennung als Ausbildungsberuf verliert. Ohne dieses Engagement hätte die Branche heute ein noch viel größeres Nachwuchsproblem.
| Drechsler |
| Die korrekte Berufsbezeichnung ist Drechsler (Elfenbeinschnitzer) und Holzspielzeugmacher. Der Drechsler stellt gedrehte Einzelelemente (z.B. Treppenstäbe, Schalen, Dosen) sowie komplexe Artikel her (etwa Treppengeländer, Tische, Schemel, Garderobenständer). Er nutzt dabei einfachste Technik und Werkzeuge bis hin zu computergesteuerten Vollautomaten. Im Beruf des Drechslers gibt es verschiedene Fachrichtungen wie zum Beispiel Reifendreher, Bernsteindrechsler, Horndrechsler, Elfenbeindrechsler. Derzeit gibt es in Deutschland etwa 1.000 Betriebe. Das Drechslerhandwerk wurde im Zuge der Reform von 2003 in die Anlage B1 der Handwerksordnung verlegt und ist seitdem ein zulassungsfreies Handwerk. drechslerverband.de |