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TV-Kritik "Zur Sache Rheinland-Pfalz über handwerkliche Fähigkeiten" Was "linke Hände" mit dem Fachkräftemangel zu tun haben

Wegen jeder Kleinigkeit im Haushalt nach dem Handwerker rufen? Das SWR-Magazin "Zur Sache Rheinland-Pfalz" nahm diese Marotte bereits in der Ausgabe vom 25. April zum Anlass, einmal zu fragen, was der Mangel an handwerklichen Fähigkeiten in der breiten Bevölkerung und fehlende Schulausbildung im handwerklichen Bereich mit dem Fachkräftemangel zu tun haben – und lieferte eine erfrischend neue Sicht auf das altbekannte Thema, auch wenn Fragen offen blieben.

"Fauler Sack!" Der Herr mittleren Alters scheint diesen Ausdruck nicht dem jungen Mann, der ihm gegenüber steht, persönlich an den Kopf zu werfen, sondern vielmehr dessen ganze Generation zu meinen. Gerade hatte der Ältere dem Jüngeren gezeigt, wie man vor dem Flicken eines Fahrradschlauches den Mantel entfernt. Jener war zuvor daran krachend gescheitert. Die Szene lieferte den passenden Rahmen für einen kurzweiligen Beitrag in der SWR-Sendung "Zur Sache Rheinland-Pfalz", der sich auf die Hypothese stützte, dass viele jüngere Menschen heute "zwei linke Hände" hätten, weil sie in Schule und Erziehung keine handwerklichen Fähigkeiten mehr erlernten – und deshalb auch immer weniger im Handwerk arbeiteten.

Klingt nach einer etwas steilen These, aber bei dem erwähnten Test in der Mainzer Fußgängerzone stellten sich auch andere, wenn auch bei Weitem nicht alle jungen "Versuchskaninchen" nicht gerade meisterhaft an. Da wurde die Metallsäge am Holzbalken angesetzt – mit ohrenbetäubenden Ergebnis – oder eben der Mantel derart unelegant aus der Felge gelöst, dass der Schlauch, wenn nicht schon zuvor, danach auf jeden Fall kaputt war. Sind die "linken Hände" aber wirklich ein Grund für den Fachkräftemangel? 

Das Handwerk sagt ja, die Politik sagt nein

Vom Handwerk kommt ein klares Ja. Am Berufsbildungszentrum Kaiserslautern treffen die SWR-Redakteure auf Till Mischler, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer der Pfalz. In der Einrichtung arbeiten unter anderem Stuckateure in der überbetrieblichen Ausbildung. Die Lehrlingszahlen nicht nur in diesem Gewerk seien in den vergangenen zehn Jahren dramatisch zurückgegangen, heißt es. Für Mischler ist klar, dass Smartphone und Co. heute einen höheren Stellenwert einnähmen als Hämmern und Werken. Er sagt: "Wir sollten darüber eine Debatte führen, dass auch Talente im handwerklich-praktischen Bereich frühzeitig in der Kita und der Schule an die Kinder und Jugendlichen herangetragen werden."

Klar, dass das zuständige rheinland-pfälzische Bildungsministerium das anders sieht. Staatssekretär Hans Beckmann (SPD) gibt etwas ungelenk zu Protokoll, dass er in Kitas durchaus sehe, dass "Bauen, Basteln und Buddeln" genau wie etwa musische Erziehung dort zum Alltag gehörten, und dies auch in den Schulen fortgesetzt werde. Das bisschen Werkunterricht oder ein Wahlpflichtfach mit technischem Hintergrund als "Alltag"? Die nächste gewagte These in dem Beitrag.

Handwerkliches Schulwissen als gefährliches Halbwissen

Denn obwohl die SWR-Journalisten feststellen, dass das meiste Wissen der in der Fußgängerzone getesteten Menschen auf ihrer Schulzeit basiert, entpuppt es sich oft als gefährliches Halbwissen. Und ein Vor-Ort-Besuch in einem Baumarkt zeigt, dass dort der Großteil der Kundschaft die 50 bereits hinter sich gelassen hat und die zukünftigen Kunden deshalb mit speziellen Aktionen wie einer Art betreutem Bohren und Dübeln herangeführt werden müssen.

Der Junge, der diese Fertigkeiten beherrscht, erzählt denn auch, dass er zuhause dem Papa beim Umbau des Speichers helfe – all dies also im Umkehrschluss auch nicht in der Schule gelernt hat. Es scheint also etwas dran zu sein, dass Schulen und Kitas nicht gerade mit Feuereifer dabei sind, neue kleine Handwerker großzuziehen.

Lieber mal handwerkeln als Handy und Co.

Dass es daneben noch viel mehr Gründe für den Fachkräftemangel gibt – Abiturienten- und Studentenschwemme oder harte Arbeitsbedingungen in Verbindung mit den Marotten und Erwartungen der Generationen Y und Z, um nur wenige zu nennen – fehlte in dem Beitrag. Das könnte aber auch der relativ kurzen Zeit und dem erfreulich klaren Fokus auf die nicht unschlüssige Kernthese geschuldet gewesen sein.

Ein rundes Ende des Beitrags hatten die SWR-Journalisten dann aber doch noch parat. Während ein Reporter mit seinem Sohn zu Hause einen Stuhl anstrich, mahnte die Stimme aus dem Off: "Zu Hause in der Familie muss geübt werden." Man solle lieber mal gemeinsam handwerkeln statt Handy und Co. zu nutzen. Und das ist doch eine Aussage, die eben nicht nur für das Handwerken, sondern für viele andere Lebensbereiche einfach mal beherzigt werden sollte.

Hier können Sie die Sendung in der Mediathek des SWR anschauen. >>>  

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