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TV-Kritik: NDR - "Die Reportage" über Naturstein aus China Was hinter dem billigen Naturstein aus China steckt

Ein beachtlicher Teil des Natursteins auf dem deutschen Markt stammt heutzutage aus China, auf vielen Terrassen sind die Produkte zu sehen. Da stellte sich für den NDR die Frage, wie denn die Arbeits- und Produktionsbedingungen hinter den schönen Steinen so aussehen. Die Redakteure fuhren ins Reich der Mitte - und kamen mit schlechten Nachrichten wieder.

Es staubt in der Halle, und zwar kräftig. Menschen bearbeiten Naturstein, machen aus ihm teils mit modernem, teils mit eher antiquiertem Werkzeug Fliesen für Terrassen oder kleine Blöcke, die als eine Art Pflaster genutzt werden können. Doch Arbeitsschutz wird in der Fabrik in China, die der NDR für seine Reihe "Die Reportage" besuchte, um festzustellen, wie die Bedingungen sind, unter denen die Menschen dort arbeiten, nicht gerade großgeschrieben. Manche Arbeiter tragen überhaupt keinen Atemschutz, manche maximal einen Mundschutz, wie er im Zuge des jüngsten Ausbruchs des Coronavirus in China wieder alltäglich war. Gesund, so viel zeigen die Bilder, kann diese Art der Arbeit nicht sein.

Der NDR zog den Bericht über die Herkunft vieler Natursteine auf deutschen Terrassen aus journalistischer Sicht ziemlich klassisch auf. Er schuf Relevanz durch die Tatsache, dass die Steine aus dem Land einen immer größeren Anteil am deutschen Markt hätten, und befragte anschließend einen deutschen Großhändler, der meinte, dass die Hersteller in China zertifiziert und somit die Produktionsbedingungen im Großen und Ganzen in Ordnung seien. Dann ging es - mit derlei Fallhöhe versehen - mit dem Flieger direkt nach China.

Wenig Geld, viel und gefährliche Arbeit

Mehrere Betriebe, die den Naturstein verarbeiten, wurden in dem Film gezeigt, und in allen dreien sah es recht ähnlich aus. Wenig Arbeitsschutz - teils liefen die Arbeiter mit halboffenen Schuhen durch die Fabrikhallen, in denen tonnenschwere Steinplatten bewegt werden -, auch wenig Geld für die harte Arbeit, dafür aber sehr viel davon. Teils arbeiten die Menschen nach eigenen Aussagen sieben Tage die Woche für einen Monatslohn von umgerechnet 300 bis 600 Euro - was allerdings fairerweise immer im chinesischen Vergleich gesehen werden muss und nicht mit hiesigen Gehältern verglichen werden darf. Viel, das kam heraus, ist es dennoch nicht.

Getarnt als mögliche Geschäftspartner aus Deutschland, die für ihren zuhause gebliebenen Chef die Zustände in den Fabriken vor Ort mit der Kamera festhalten müssten, ließen sich die NDR-Journalisten von einem Mittelsmann mit den chinesischen Geschäftsleuten in Kontakt bringen und sahen sich dann vor Ort um - und zwar auch in den Behausungen, in denen die Arbeiter nach Feierabend untergebracht sind. Diese beengt zu nennen, wäre untertrieben, die hygienischen Verhältnisse, das legten die Bilder nahe, dürften ebenfalls nicht die besten sein. Solche Zustände würden jedenfalls in Deutschland auf keinen Fall durchgehen, auch wenn so mancher chinesische Betriebsleiter, der in der Reportage vorkam, sichtlich keinerlei Verständnis hatte für derlei europäische Ansichten - wie auch, bei derart großen Unterschieden und einem derart großen Wohlstandsgefälle.

Chinesische Preise gegen deutsche Standards

Schließlich begaben sich die vermeintlichen Geldgeber aus Deutschland mit den Chefs einer Stein-Fabrik zum Abendessen - und einer von ihnen sprach unverblümt aus, dass die Deutschen natürlich nur des günstigen Preises wegen in China kauften und dieser mit den deutschen Standards einfach nicht derart tief zu halten sei. An dieser Stelle gelang es der Reportage, die Kurve weg von der teils redundanten und sehr ausgiebigen Darstellung der Missstände in den Fabriken, hin zu deren tieferen Ursachen zu schlagen. Denn wenn Naturstein aus China hierzulande nicht mehr als die Hälfte des Preises kostet, der für Stein aus Deutschland fällig wäre, ist klar, woher der Wind weht. Naturstein, so die Stimme aus dem Off, sei lange Zeit ein absolutes Luxus-Produkt gewesen, den Reichen vorbehalten - doch heute, eben durch die billige Herstellung unter schwierigen Bedingungen, könnten sich deutlich mehr Menschen diese Art des Bodenbelags etwa auf der Terrasse leisten, und somit habe der Markt derart an Umfang gewonnen, dass auch eine Belieferung alleine aus heimischen Vorkommen schwierig bis unmöglich sei.

Schwierige Frage ausgeblendet

Nun könnte man einwerfen, dass die Arbeitsbedingungen in China in großen Teilen des produzierenden Gewerbes - etwa auch im Bereich der (Unterhaltungs)elektronik eher schwierig sein dürften - und das Geschäft mit dem Naturstein somit zumindest kein Einzelfall. Das stimmt, die Bilder aus den Fabriken würden dadurch allerdings nicht weniger eindringlich. Schade allerdings, dass sich der Filmautor am Ende des Films seine eigene Terrasse vor laufender Kamera zwar mit teurerem, heimischen Stein belegen ließ - ein ziemlich unnötiger, recht moralisierender Teil einer insgesamt gelungenen Reportage -, aber an dieser Stelle die Frage außen vor ließ, wie sich Länder wie China denn außer über den Preis im Handel mit den entwickelten Industrieländern derzeit positionieren könnte - und wie dies mit der Anwendung höherer Standards vereinbar wäre. Diese Frage stelle sich nämlich nicht nur im Bereich des Natursteins, sondern eben auch in anderen Bereichen. Sie ist sicherlich nicht leicht zu beantworten - geht es doch um das Wohlergehen von Menschen - hätte dem Film aber noch einmal deutlich mehr Tiefe beschert, da eine rein moralische Sichtweise wohl zu kurz greifen würde.

Der Preis entscheidet

Aufgeworfen wurde hingegen die Frage nach der Verantwortung des Verbrauchers, der sich im Baumarkt die günstigen Produkte kauft und wenig bis kein Interesse daran hat, unter welchen Bedingungen sie hergestellt werden. Und genau Letzteres bestätigte schließlich auch ein Handwerker, der im Film zu Wort kam. Beim Thema Naturstein, sagte er, sei neben der Verfügbarkeit der passenden Formen und Farben vor allen Dingen der Preis das wichtigsten Kaufkriterium - ganz einfach.

Link zur Sendung: https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/die_reportage/China-Importe-Terrasse-aus-Billigstein,sendung873718.html

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