Als Digital Natives bringen junge Auszubildende viele Fähigkeiten mit, die Betriebe im Zuge der Digitalisierung dringend benötigen. Zugleich haben sie einen frischen Blick auf die Vorgänge im Unternehmen. Wie sich Betriebe diese Fähigkeiten zunutze machen.

Beim Autohaus Russ Jesinger in Esslingen läuft das Fuhrparkmanagement für die Ersatz- und Mietfahrzeuge seit einiger Zeit vollständig digital ab. Ein Mitarbeiter des Mercedes-Benz-Betriebs trägt etwa Tankdaten auf einem Tablet ein und diese fließen dann automatisch ins System. Plausibilitätsprüfungen sind dadurch einfacher möglich – und Fehler am Fahrzeug fallen rascher auf. Dieses Digitalisierungsprojekt geht nicht etwa auf externe Berater zurück, sondern auf eine Initiative der Auszubildenden des Autohauses. Diese nahmen am Projekt Digiscouts des RKW-Kompetenzzentrums teil – und brachten ihren Arbeitgeber in Sachen Digitalisierung voran.
Betriebe entfalten Potenziale junger Talente
Ob bei der Bedienung von Software, bei der Formulierung von Social Media-Posts oder im Umgang mit Cloud, IoT und KI: Junge Menschen sind mit digitalen Medien aufgewachsen und können sich die Arbeit ohne digitale Technik gar nicht mehr vorstellen. Sie bringen nicht nur technische Fähigkeiten mit, sondern stellen als Neulinge im Betrieb auch Fragen, die langjährige Mitarbeitende sich nicht mehr zu stellen trauen.
Digitale Medien macht Ausbildung für junge Menschen attraktiver
Dieses Potenzial, das junge Auszubildende mitbringen, machen sich mittlerweile immer mehr Handwerksbetriebe zunutze: Mehr als die Hälfte der Ausbildungsbetriebe im Handwerk (54 Prozent) lässt sich bei der Digitalisierung von ihren Azubis helfen, zeigt eine aktuelle Studie im Auftrag des Digitalverbands Bitkom, für die 504 Handwerksunternehmen in Deutschland befragt wurden.
Zudem setzen 44 Prozent der Betriebe digitale Technologien gezielt ein, um Nachwuchskräfte zu gewinnen. Dazu werten sie ihre Ausbildungsplätze digital auf und gestalten sie so attraktiver. "Zur Gewinnung junger Talente führt für Handwerksbetriebe kein Weg an digitalen Medien vorbei", sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder.
Projekt bringt Mehrwert für Betriebe und Nachwuchs zugleich
Aus Sicht von Thomas Gebhardt, Berater für Innovation und Technologie bei der Handwerkskammer Stuttgart, ermöglicht die Sichtweise der jungen Generation eine "unvoreingenommene Diskussion über neue Ideen und Technologien".
Genau an diesem Punkt setzt das Projekt Digiscouts an: Gemeinsam mit erfahrenen Coaches suchen die Auszubildenden nach Digitalisierungspotenzial im eigenen Betrieb, entwickeln daraus Ideen und setzen die Aufgabe in bis zu sechs Monaten um – so etwa im Autohaus Russ Jesinger und in vielen anderen Handwerksbetrieben. "Das Projekt ist eine tolle Win-win-Situation", meint Gebhardt. "Im Handwerksbetrieb werden wichtige Digitalisierungsmaßnahmen umgesetzt und die Azubis sammeln wertvolle Erfahrungen im Bereich Projektmanagement." So gewinnen die Unternehmen an digitaler Reife und profitieren vom Kompetenzzuwachs ihrer Auszubildenden – und diese wiederum können in eine Expertenrolle hineinwachsen – sie werden zu Wissensträgern, die andere anleiten.
Betriebe sehen noch Entwicklungspotenzial bei Mitarbeitern
Dass es vielerorts an Digitalkompetenz mangelt, ist dabei der Bitkom-Studie zufolge den meisten Handwerksbetrieben durchaus bewusst: Drei Viertel der Betriebe (76 Prozent) sind demnach der Ansicht, dass ihre Mitarbeitenden mehr Digitalkompetenz bräuchten.
Gezielt in Fort- und Weiterbildung der Mitarbeitenden zu Digitalthemen investieren allerdings erst 4 von 10 Unternehmen (43 Prozent). Immerhin mehr als ein Drittel setzt zu Weiterbildungszwecken zumindest digitale Systeme und Plattformen ein (38 Prozent), beispielsweise in Form von Webinaren.
Handwerk kämpft mit IT-Sicherheit und Datenschutz
Digitalisierung (62 Prozent) und IT-Sicherheit (60 Prozent) stellen bei fast zwei Dritteln aller Handwerksbetriebe eine Herausforderung für das eigene Unternehmen dar. Das zeigt eine aktuelle Studie im Auftrag des Digitalverbands Bitkom. Mit Blick auf die Hemmnisse der Digitalisierung in der Handwerksbranche im Allgemeinen nennen fast alle Betriebe Bedenken hinsichtlich IT- und Datensicherheit sowie Datenschutz (96 Prozent), 69 Prozent sehen die Digitalisierung durch hohe Investitionskosten gebremst.
57 Prozent geben außerdem an, dass ihr eine mangelnde Praxisreife der Technologien im Weg stünde. Auch die mangelnde Digitalisierung von Behörden und Verwaltung identifizieren knapp zwei Drittel (63 Prozent) der Handwerksunternehmen als Hürde für die Digitalisierung der Branche.
Digitalisierung – ein Plus für Unternehmen
89 Prozent der Handwerksbetriebe sehen die Digitalisierung dabei als Chance und versprechen sich davon große Mehrwerte: Insbesondere für eine flexiblere Arbeitsorganisation ist sie von Vorteil (80 Prozent), jeweils drei Viertel sehen außerdem positive Effekte mit Blick auf eine mögliche Zeitersparnis (76 Prozent) sowie eine erhöhte Sichtbarkeit gegenüber der Kundschaft (75 Prozent).
Die Digitalisierung im Handwerk kann zudem zur Sicherung eines Qualitätsstandards (73 Prozent), zu optimierter Lagerung und Logistik (64 Prozent), zu einer höheren Arbeitsplatzattraktivität (58 Prozent) sowie zur körperlichen Entlastung (51 Prozent) beitragen. Wichtig ist sie der Studie zufolge für rund die Hälfte der Betriebe (54 Prozent) zudem, um im Wettbewerb um Fachkräfte nicht ins Hintertreffen zu geraten.
Digitalisierungspotenzial von kleinen Unternehmen noch ungenutzt
"Jedes vierte Unternehmen tut sich noch schwer mit der Umsetzung der Digitalisierung im eigenen Betrieb", sagt Harm Wurthmann, Vorstandsvorsitzender des RKW-Kompetenzzentrums. Hier müsse angesetzt und geholfen werden, denn es nütze nichts, wenn die großen Unternehmen davonziehen. "Wir brauchen die Digitalisierung in der Breite, und dafür müssen wir auch die kleinen und mittleren Unternehmen abholen", so Wurthmann.
Dabei haben kleine und mittelständische Unternehmen eigentlich die besten Voraussetzungen, um auf den Zug der Digitalisierung in Deutschland aufzuspringen. Sie haben eher flache Hierarchien und sind flexibel genug, um zu experimentieren. Das wiederum kann es den Auszubildenden ermöglichen, ihre bereits vorhandenen Digitalkompetenzen einzubringen – es muss eben nicht immer die Führungsmannschaft sein, welche die Digitalisierungsprozesse in Gang bringt. Zumal auch kleine Schritte der Digitalisierung im Betrieb eine große Wirkung entfalten können.
Azubis von heute – Gestalter der Zukunft
Bei der Westermann GmbH & Co. KG aus Denkendorf, einem Innenausbaubetrieb mit rund 80 Beschäftigten, gehört das Digiscouts-Projekt daher mittlerweile fast schon zum regulären Ausbildungsgeschehen. Ob eine digitale Ladeliste, ein digitales Kantenlager, eine digitale Werkzeugverwaltung oder die Einführung des Intranets im Unternehmen – diverse Digitalisierungsprojekte wurden in dem Unternehmen in den vergangenen Jahren von Auszubildenden umgesetzt. "Dabei spüren die Azubis, dass sie in der Ausbildung nicht nur vorgefertigte Aufträge abarbeiten, sondern dass ihnen Vertrauen geschenkt wird", betont Westermann-Ausbildungsleiter Raphael Knecht. Sie könnten eigene Projekte verfolgen und damit die Zukunft des Unternehmens mitgestalten.