Krisenzeiten bieten Gründern im Handwerk handfeste Vorteile. Eine Studie zeigt sogar: Produkte, die in Rezessionen starten, erzielen langfristig höhere Marktanteile. Was jetzt für eine Gründung spricht – und welche Strategie das Risiko senkt.

"Verschwende nie eine Krise; sie gibt uns Gelegenheit, große Dinge zu tun." Das Zitat wird dem früheren britischen Premierminister Winston Churchill (1874–1965) zugeschrieben – und es lässt sich gut auf die heutige Zeit der multiplen wirtschaftlichen Krisen übertragen. Denn eine Krise kann genau die richtige Zeit sein, um ein Unternehmen zu gründen – zumindest, wenn man es richtig angeht.
Auch wenn eine Unternehmensgründung in Zeiten wankender Märkte und steigender Unsicherheit auf den ersten Blick riskant wirkt: "Krisen schaffen Marktlücken, und es gibt weniger Konkurrenz", erklärt Maximilian Schreiber, Wirtschaftsjurist, Business-Coach und einer der führenden Gründungsberater und Fördermittelexperten im deutschsprachigen Raum. "Krisen sind der Moment, in dem Gewinner gemacht werden." Wissenschaftliche Untersuchungen geben ihm recht: So sind Produkte, die in Rezessionen auf den Markt kommen, langfristig erfolgreicher als Produkte, die in Boom-Phasen eingeführt werden, zeigt eine Studie der Northeastern University in den USA. Demnach erzielten neue Produkte in wirtschaftlichen Abschwüngen höhere Marktanteile, unter anderem weil weniger konkurrierende Produkte eingeführt wurden und Marketing-, Personal- sowie Beschaffungskosten niedriger waren.
Hinzu kommt: In Abschwüngen verbessern sich häufig die Rahmenbedingungen für Unternehmer, denn die Preise für Büro- und Werkstatträume, Rohstoffe und Dienstleistungen sinken. Der Wettbewerb um Fachkräfte ist geringer und motivierte Arbeitskräfte sind häufiger bereit, sich auf neue Projekte einzulassen. Auch die Finanzierungskosten können niedriger ausfallen, weil Förderkredite zur Stützung der Wirtschaft aufgelegt werden. "Ein weiterer Punkt ist die Vorbereitung auf den Aufschwung: Wer in der Krise startet, hat Strukturen aufgebaut, wenn die Konjunktur wieder anzieht", erläutert Schreiber.
Einer, der das Wagnis einer Gründung mitten in einer Krise eingegangen ist, ist Sebastian Düll. Der Bäckermeister aus Würzburg hat 2021 während der Corona-Zeit die Brotbäckerei Düll gegründet – und hebt sich mit einem besonderen Konzept von den großen Bäckereiketten ab, die ansonsten den Markt in der unterfränkischen Universitätsstadt unter sich aufgeteilt haben. Denn Düll und sein Team bieten weder Brötchen noch süße Teilchen, Kuchen oder Snacks, sondern ausschließlich Brot an – sieben Sorten an der Zahl, davon sechs fest im Sortiment und ein weiteres im Wechsel. "Brot wurde lange nicht genügend geschätzt, sondern verramscht", sagt er. Düll legt Wert auf höchste Qualität: Neben biologischen Rohstoffen setzt er bei der Herstellung auf einen traditionellen Steinbackofen und eine besonders lange Fermentation von über 24 Stunden. So entstehen schmackhafte und vor allem bekömmliche Brote. Damit traf Düll den Nerv der Kundinnen und Kunden, die sich in der Corona-Zeit auf hochwertige, regionale Lebensmittel zurückbesonnen hatten.
Den Markt beobachten, Geschäftspläne anpassen
Michael Seebröker und Timo Mouret wiederum gründeten mitten in der Energiekrise 2022 die Dachdeckerei Seebröker und Mouret in Oberursel. Nach langjähriger Erfahrung als angestellte Dachdecker sahen die beiden in der Krise die Chance, mit energetischen Dachsanierungen und der Installation von Photovoltaikanlagen bei den Kunden zu punkten – und lagen damit goldrichtig.
"In turbulenten Zeiten ist es wichtig, Geschäftspläne bei Bedarf anzupassen, den Markt zu beobachten und Kurskorrekturen vorzunehmen", erklärt Gründungsberater Schreiber. Ebenso zentral seien Finanzplanung und Cash-Flow-Management: "Realistische Umsatz- und Kostenprognosen, Rücklagen und konservatives Liquiditätsmanagement verringern das Risiko." Zudem würden Fördermittel finanzielle Risiken reduzieren und Investitionen unterstützen.
"Gerade in Krisenzeiten kommt Gründerinnen und Gründern eine große Bedeutung zu", erklärt Simone Chlosta, Professorin für Entrepreneurship und Mittelstand an der FOM-Hochschule für Oekonomie und Management in Essen. "Von ihnen hängt es unter anderem ab, ob und wie schnell sich die Wirtschaft nach der Krise erholen kann." Hierfür müssten neue Firmen entstehen, die den veränderten wirtschaftlichen Herausforderungen entgegentreten, so die Expertin. So könnten Wirtschaftskrisen für Gründungen Herausforderung und Chance zugleich sein: "Einerseits führen sie zu großer Unsicherheit, andererseits ergeben sich auch neue Möglichkeiten und Geschäftsmodelle."
Neue Prioritäten der Kunden erkennen
Strategisch beginnt eine Gründung mit einer Markt- und Wettbewerbsanalyse: Kundenbedürfnisse, Preisniveau und Konkurrenz im lokalen und regionalen Umfeld werden analysiert, danach folgt der Businessplan mit Zielgruppe, Leistungsangebot, Marketingstrategie, Organisation, Investitionen und Finanzierung. Wichtig ist eine Finanzierungsstrategie mit Kapitalbedarfsrechnung, Liquiditätsplanung und passenden Bausteinen aus Eigenkapital, Bankkrediten und Fördermitteln, inklusive Rücklagen. Dazu kommen Rechtsform, Anmeldung und Eintragung in die Handwerksrolle sowie Netzwerke und Kooperationen.
Im Krisenumfeld verschieben sich dabei die Prioritäten der potenziellen Kunden – und genau diese Verschiebung gilt es zu erkennen, um mit seiner Unternehmensgründung Erfolg zu haben. Aktuell biete sich ein Fokus auf Wachstumssegmente wie Infrastruktur-, Energie- und Tiefbauprojekte sowie Heizungs- und Wärmepumpeninstallationen an, sagt Gründungsberater Schreiber. "Ein Lean-Start-up-Ansatz hilft, Fixkosten zu minimieren und das Angebot schrittweise zu erweitern. Digitalisierung sollte von Anfang an genutzt werden – sowohl beim Auftragsmanagement, der Zeiterfassung, der Rechnungsstellung als auch bei der Kundenkommunikation." Zudem brauche es agiles Marketing und Vertrieb sowie konsequentes Risikomanagement mit Krisenreserven und Szenarien, so der Experte.
So mag eine Gründung während einer Krise zwar risikoreich wirken – sie bietet aber bei guter Vorbereitung auch erhebliche Chancen. "Die schwache Konjunktur 2025/26 geht mit strukturellen Veränderungen, Investitionsprogrammen und starker Nachfrage nach klimafreundlichen Technologien einher", erläutert Schreiber. "Wer diese Veränderungen nutzt, flexibel bleibt und Fördermittel effektiv einsetzt, positioniert sich für den Aufschwung." Und gegenüber etablierten Betrieben lässt sich durch die Agilität und Innovationskraft, die viele neu gegründete Unternehmen mit sich bringen, punkten. Um es mit Winston Churchill zu sagen: "Lasst uns an die Stelle von Zukunftsängsten das Vordenken und Vorausplanen setzen."