Trotz Krisenstimmung wirbt der Unternehmer Matthias Henze für den Schritt in die Selbstständigkeit – ohne sie schönzureden. In seinem neuen Buch erklärt der Mitherausgeber des Jimdo-ifo-Geschäftsklimaindex, was Gründer für den Erfolg benötigen.

Matthias Henze verfolgt die wirtschaftliche Situation von Soloselbstständigen und Kleinstunternehmen genau. Als Mitgründer und CEO des Softwareunternehmens Jimdo veröffentlicht er gemeinsam mit dem Münchner ifo Institut monatlich den Jimdo-ifo-Geschäftsklimaindex – speziell für diese oft übersehene Erwerbsgruppe.
Henze weiß: In den vergangenen Monaten hatten viele von ihnen allen Grund zur Sorge, die Stimmung ist geprägt von Pessimismus. Genau deshalb hat er ein Buch geschrieben, das bewusst nicht vor den Herausforderungen der Selbstständigkeit warnt oder mit düsteren Zukunftsszenarien abschreckt.
Im Gegenteil: "Das Unternehmen bist du" ist ein leidenschaftliches Plädoyer für den Schritt in die Selbstständigkeit – ehrlich, motivierend und ohne falsche Versprechungen.
Warum es sich aus seiner Sicht gerade jetzt lohnt, den Sprung ins Unternehmertum zu wagen? Das erklärt er im Interview.
Herr Henze, beim Lesen des Buchs spürt man direkt Ihre große Begeisterung für die Selbstständigkeit, fürs Unternehmersein. Wenn man sich derzeit aber Konjunkturprognosen anschaut, kann einem eher angst und bange werden. Wie passt es zusammen, dass Sie gerade jetzt dieses Buch veröffentlichen?
Matthias Henze: Unsichere Zeiten bieten auch Chancen. Viele Angestellte sehen jetzt, dass ihre Jobs vielleicht doch nicht so krisensicher sind, wie sie denken. Aber sie sind abhängig. Als Selbstständiger oder Kleinunternehmer hat man es dagegen in der Hand, direkt aktiv zu werden. Die eigenen Chancen erkennt, wer nah an seinen potenziellen Kunden ist. Man muss seine Zielgruppe kennen, um zu verstehen, was aktuell gefragt ist. Das ist für Selbstständige und Kleinunternehmer generell wichtig – besonders aber in den aktuellen, sich rasant verändernden Zeiten. So kann man oftmals auch flexibler reagieren als große Firmen. Handwerker sind immer nah an ihren Kunden und können so auch schnell erkennen, was diese jetzt brauchen. Dafür sollten sie offen sein. Wer diese Entwicklungen erkennt und beobachtet, kann auch in Krisenzeiten ein erfolgreicher Unternehmer sein und werden.
Krisenzeiten bieten Chancen
Kann man es auch anders formulieren? Braucht es gerade jetzt Mutmacher?
Unbedingt. Wir brauchen mehr echte Geschichten von Menschen, die den Schritt gewagt haben – und heute sagen können: Es war richtig. Gerade in Krisenzeiten ist es entscheidend, nicht nur auf Risiken zu schauen, sondern auch auf Chancen und auf diejenigen, die sie nutzen. Unternehmer sind Menschen mit Ideen und diese müssen sie nach außen bringen, um Erfolg zu haben. Das heißt aber auch, sie in einem Netzwerk mit anderen Unternehmern zu teilen. Zum Lernen voneinander gehört es, Inspirationen zu erhalten und sich in schwierigen Zeiten gegenseitig mit Tipps und Hilfe zu unterstützen. Dieses Lernen kann von den 3,6 Millionen Kleinstunternehmen in Deutschland, den Beispielen aus meinem Buch oder den Selbstständigen im eigenen Netzwerk ausgehen. Ich möchte die Selbstständigkeit nicht schönreden, denn Krisen und Durststrecken gehören auch dazu. Aber wenn sich ein einzelner Unternehmer aus einer Krise herauskämpft, motiviert das auch andere. Es geht nicht immer nur um Wettbewerb. Das möchte ich zeigen.
Wen möchten Sie mit Ihrem Appell vor allem erreichen? Geht es Ihnen ausschließlich um Gründer, oder auch um langjährige Unternehmer, die vor der Herausforderung stehen, weiterzumachen oder die Nachfolge zu regeln?
Deutschland ist ein Land der Angestellten. Ich möchte mit meiner Begeisterung fürs Selbstständigsein andere anstecken, den Schritt zu wagen. Wir hinken bei diesem Thema anderen Ländern hinterher. Gründer schaffen Innovationen und das bringt Fortschritt. Innovationen kommen aber auch aus etablierten Unternehmen, die sich weiterentwickeln – oft im Zuge eines Generationenwechsels. Deshalb richten sich die Argumente genauso an diejenigen, die ihre Firma zukunftsfähig erhalten, motiviert weiterführen oder an die nächste Generation übergeben möchten.
Unternehmer werden, weil "Selbstwirksamkeit" Zufriedenheit bringt
Welche Argumente sind dabei zentral?
Das Arbeiten als Selbstständiger bzw. in der eigenen kleinen Firma bringt eine große Zufriedenheit mit sich. Ein wichtiges Stichwort lautet dabei "Selbstwirksamkeit". Hinzu kommt: Viele erfahrene Selbstständige oder Betriebsinhaber merken im Alltag, wie viel Kompetenz, Wissen und Gestaltungskraft in ihrem Lebensmodell steckt – und wie sinnvoll es ist, dieses Lebenswerk weiterzuentwickeln oder weiterzugeben. Gerade im Handwerk ist das oft mehr als ein Job – es prägt die eigene Identität. Wenn es gelingt, diese Werte an die nächste Generation zu vermitteln und ihr dabei zu zeigen, dass sie mit neuen Ideen und digitalen Tools ihre eigene Handschrift einbringen kann, entsteht etwas sehr Kraftvolles: eine Verbindung aus Erfahrung und Aufbruch.
Klar, gibt es viele Hürden und Schwierigkeiten, aber man darf sich davon nicht abhalten lassen. Auch wenn das Makroklima heute immer wieder als schwierig beschrieben wird, muss man sein eigenes Mikroklima, also die Menschen, Kunden, Mitarbeiter, Entwicklungen und das eigene direkte Umfeld im Blick haben und Entscheidungen daran ausrichten. Heute ist es anders, Unternehmer zu sein oder ein Unternehmen zu gründen, aber nicht zwingend schwieriger. Denn gleichzeitig vereinfachen KI und digitale Tools viele Prozesse radikal.
Warum ist der Schritt in eine Selbstständigkeit dennoch eine große Hürde für viele Menschen? Welche Faktoren halten die meisten vor diesem Schritt ab? Warum geben Unternehmer auf?
Die größte Hürde ist die ja bereits viel kritisierte Bürokratie. Sie lähmt Unternehmen und verursacht Kosten. Die Politik ist dabei jetzt in einem Handlungszwang und die neue Bundesregierung hat auch schon einiges angekündigt, was sie angehen möchte. Jetzt müssen wir aber den Druck aufrechterhalten, dass die Versprechen auch wirklich in Gesetzen münden und Erleichterungen bringen. Hierzulande wird grundsätzlich eher eine Politik für Konzerne gemacht, nicht für Mittelständler. Selbstständige und Kleinstunternehmer brauchen endlich eigene Ansprechpartner, damit sie ernst genommen werden. Sie sind ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und das wird immer noch ignoriert.
"Man muss Durststrecken einplanen"
Immer wieder erwähnen Sie, dass es zwischenzeitlich Krisen oder Durststrecken gibt, mit denen man rechnen muss – und es wird über Resilienz gesprochen. Wie baut man Resilienz auf und haben Sie Tipps dazu, wie man sich als Unternehmer in Krisenzeiten motiviert?
Krisen gehören dazu. Umso wichtiger ist es, für sich selbst klar zu definieren, warum es sich lohnt, weiterzumachen. Das hilft beim Durchhalten. Krisen haben selten nur eine Ursache, sondern meist mehrere Auslöser. Diese gilt es zu analysieren, schrittweise anzugehen und zu beheben. Man sollte sich bewusst machen: Jeder durchlebt solche Phasen, Unternehmertum ist ein ständiger Prozess und Veränderungen sind notwendig. Wenn man versucht, einen starren Zustand zu schaffen, scheitert man. Motivation kommt dann, wenn man diesen immerwährenden Prozess akzeptiert und die Herausforderungen als Aufgabe annimmt.
Muss man aus Ihrer Sicht als Selbstständiger – vielleicht schon vor dem Schritt zu gründen – mehr vorsorgen, in dem man Strukturen aufbaut, die einen in Krisenzeiten schützen?
Ja, das ist der Punkt, der viele scheitern lässt. Die finanzielle Absicherung und ein fehlendes Netzwerk, das wichtig ist, wenn Krisen auftauchen. Man braucht nicht nur Startkapital, sondern auch Rücklagen für die angesprochenen Durststrecken. Es ist nun mal so, dass man sich als Selbstständiger ein eigenes Sicherheitsnetz schaffen muss. Das darf man nicht verschweigen oder ignorieren.
So sieht eine zukunftssichere Nachfolgeplanung aus
Was gehört Ihrer Meinung nach zu einer zukunftssicheren Nachfolgeplanung – ob aus der Familie oder durch einen langjährigen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin?
Mit der Nachfolgeplanung muss man früh genug anfangen. Man muss die richtige Person finden. Dass es in der Familie jemanden gibt, der die Firma übernimmt, ist nicht mehr selbstverständlich. Wenn es einem wichtig ist, was man aufgebaut hat, sollte man auch der- oder demjenigen, der übernimmt, eine Identifikation mit den Werten ermöglichen, die im Zentrum stehen. Was macht die Firma aus? Wer sind die Kunden? Für welche Produkte oder Dienstleistungen steht der Betrieb? Gleichzeitig muss man als Unternehmer dann aber auch lernen, loszulassen und Veränderungen lernen zu akzeptieren und neue Ideen zuzulassen.