Reifenwechsel 8 Irrtümer über runderneuerte Reifen

Von Oktober bis Ostern ist einem bekannten Merksatz zufolge Winterreifenzeit. Wer beim anstehenden Wechsel neue Sommerreifen braucht, muss dieses Jahr deutlich mehr bezahlen. Doch es gibt eine unterschätzte Alternative.

Der halbjährliche Reifenwechsel steht an. Doch Hersteller haben die Preise für neue Reifen deutlich erhöht. Eine günstige Alternative könnten runderneuerte Altreifen sein.

Wer diesen Frühling auf neue Sommerreifen wechseln will, muss deutlich tiefer in die Tasche greifen. Hohe Kosten für Herstellung und Transport sowie Materialengpässe treiben die Preise in die Höhe, wie der Bundesverband Reifenhandel und Vulkaniseur-Handwerk (BRV) erklärt. So seien angesichts des Ukraine-Krieges weitere Erhöhungen angekündigt, die "teilweise im zweistelligen Bereich liegen".

Hersteller geben steigende Produktionskosten weiter

Die Reifenhersteller hätten ihre Preise bereits in den vergangenen Monaten wegen der stark gestiegenen Kosten für Rohstoffe, Energie und Transport sukzessive erhöht, sagt der BRV-Geschäftsführer Technik, Michael Schwämmlein. "Durch Versorgungsengpässe bei einigen Rohstoffen, wie Ruß oder synthetischem Kautschuk, hat sich die Beschaffungssituation noch verschlechtert." Das würden auch die Kunden zu spüren bekommen: Allein aus betriebswirtschaftlichen Gründen müssten die Händler ihre Preise anpassen.

Eine Auswertung der Plattform Alzura Tyre24 ergab für die Einkaufspreise der Reifenhändler und Kfz-Werkstätten im Februar und März im Schnitt eine Steigerung von 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Dabei hatten die Preise schon vergangenes Jahr durchschnittlich um rund 6,5 Prozent zugelegt.

Die Alternative

Angesichts dieser Zahlen mag mancher Autofahrer nach günstigen Alternativen suchen. Eine Möglichkeit sind runderneuerte Reifen. "Was in der Nutzfahrzeug- und Flugzeugbranche längst zur guten Ökobilanz beiträgt, könnte auch bei Autoreifen greifen – die Runderneuerung. Sprich: Abgefahrene Reifen werden mit neuem Profil versehen", sagt Schwämmlein. Der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe räumt mit den häufigsten Irrtümern zu runderneuerten Reifen auf:

8 Irrtümer über runderneuerte Reifen

1. Runderneuerte Reifen sind nicht sicher.

Falsch! Seit 2006 dürfen runderneuerte Reifen nur verkauft werden, wenn sie nach der UN/ECE R 108 produziert und getestet wurden sowie das entsprechende Typgenehmigungs-Prüfzeichen "E" tragen. So ist garantiert, dass sie die Sicherheitsstandards erfüllen und im gesamten ECE-Raum zugelassen sind. Zu erkennen sind die Pneus auf der Reifenflanke am "Retread"-Schriftzug.

Ein Großteil der Runderneuerten rollt zudem im Motorsport. Daher sollten sie für die Straße ebenso geeignet sein.

2. Runderneuerte Reifen haben gebrauchte Karkassen, könnten somit beschädigt sein.

Falsch! Für runderneuerte Reifen kommen ausschließlich Karkassen ausgesuchter Premiumhersteller zum Einsatz. Neben der Sichtprüfung werden sie mit hochmodernen Verfahren, wie Druckprüfung, Shearografie, Röntgen und Hochspannungsprüfung, zur Nagellochdetektion gecheckt. Außerdem dürfen die Reifen im Vergleich zu Lkw- und Flugzeugreifen, die bis zu vier- beziehungsweise siebenmal eine neue Lauffläche erhalten können, nur einmal runderneuert werden.

3. Auf runderneuerte Reifen gibt es keine Gewährleistung.

Falsch! Wie bei Neureifen gilt in der Regel die zweijährige gesetzliche Gewährleistung.

4. Runderneuerte Reifen haben außer ihrem günstigen Preis keine weiteren Vorteile.

Falsch! Der größte Vorteil liegt in ihrer Nachhaltigkeit und Klimabilanz. Altreifen haben die Chance auf einen zweiten Lebenszyklus. Damit sinkt die jährliche Menge von rund 570.000 Tonnen Altreifen deutlich. Für die Produktion werden im Vergleich zu Neureifen nur 30 Prozent des Materials und 70 Prozent weniger Energie benötigt. Kommen dann noch erneuerbare Energien ins Spiel – noch besser.

5. Die Nachfrage ist dennoch mit deutlich unter einem Prozent am Ersatzmarkt in Europa verschwindend gering. So wenig Kaufinteressenten können doch nicht irren.

Falsch! In vielen Köpfen stecken die klassischen Vorurteile: Runderneuerte sind alt, minderwertig, Notbehelf. Ein Image aus alten Zeiten. Da ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig. Hinzu kommt die große Billigkonkurrenz aus Asien. Das Netzwerk Allianz Zukunft Reifen (AZuR) rechnet mit einem möglichen Marktanteil von zehn Prozent, bei Nutzfahrzeugen langfristig sogar von 50 Prozent. Bereits heute rollt fast jeder dritte Reifen an Bussen und Lastkraftwagen runderneuert.

6. Runderneuerte Reifen werden nicht getestet.

Falsch! Allerdings stehen sie aufgrund des geringen Marktanteils nur selten auf dem Prüfstand von Fachzeitschriften, Automobilclubs oder Sachverständigenorganisationen. Interessenten können sich an den Tests der Hersteller orientieren. Die Firma Reifen Hinghaus – einziger Runderneuerer von Autoreifen in Deutschland – prüft weit über die gesetzlichen Normen hinaus. Mittlerweile erleichtern auch Reifenlabel-Daten den Vergleich zu Neureifen.

7. Wirtschaft und Politik haben kein Interesse an Runderneuerten.

Falsch! Das Thema Nachhaltigkeit ist längst im Reifengeschäft angekommen. Ein Beispiel: AZuR erstellt derzeit mit dem Fraunhofer Institut Umsicht eine Ökobilanz-Studie für eine nachhaltige Altreifenverwertung. Sie soll Grundlage für ein Öko- und Qualitätslabel werden. Gefördert wird das Projekt fachlich und finanziell von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt.

8. Premium-Hersteller halten sich aus dem Altreifen-Geschäft raus.

Falsch! Im Bereich der Runderneuerung von Lkw- und Flugzeugreifen sind Premium-Hersteller seit langem bestens aufgestellt. Markenproduzenten wie Continental prüfen jetzt die Produktion runderneuerter Autoreifen. Aktuell werde untersucht, wie nah man an die Eigenschaften eines Neureifen herankommen kann. Wichtige Dimensionen sind Rollwiderstand sowie generelle Höchstgeschwindigkeitseigenschaften. Ein entsprechendes Label für runderneuerte Reifen soll dann im Rahmen der Europäischen Regulierung eingeführt werden. Bis spätestens 2050 will Continental auf 100 Prozent nachhaltig erzeugte Materialien in der Reifenproduktion umstellen. Die Runderneuerung wird dabei eine wichtige Rolle spielen. dpa/rk