Viele Chefs investieren immer mehr Energie, um ihre Leute bei Laune zu halten – und erzeugen damit genau das Gegenteil: sinkende Eigenverantwortung im Team und eigenes Ausbrennen. Die Positive Psychologie zeigt einen anderen Weg. Drei konkrete Hebel, mit denen Führungskräfte intrinsische Motivation fördern, ohne sich zum Dauer-Animateur zu machen.

Viele Führungskräfte sind der Meinung, sie müssten ihr Team stets neu motivieren, damit dessen Leistung nicht sinkt. Im Team entsteht so das Gefühl, "Es ist die Aufgabe meiner Führungskraft, meine Motivation zu fördern und zu bewahren." Und mit dieser Erwartungshaltung konfrontieren sie – direkt oder indirekt – auch ihre Vorgesetzten. Und damit beginnt ein Teufelskreis, der letztlich zu
- einer immer geringeren Eigenverantwortung und -initiative der Mitarbeiter und
- einem allmählichen Ausbrennen der Führungskraft führt.
Ein solches Führungsverhalten und -verständnis ist fragwürdig, denn bei ihm wird
- die Arbeit primär als Last gesehen und
- Motivation weitgehend als die Abwesenheit von Demotivation definiert.
Doch Motivation ist mehr – ebenso wie seelische Gesundheit mehr als die Abwesenheit von psychischen Störungen ist.
Perspektivwechsel durch die Positive Psychologie
Das zeigt die Positive Psychologie, die Ende des 20. Jahrhunderts von dem US-amerikanischen Psychologieprofessor Martin Seligman begründet wurde. Zuvor befasste sich Psychologie vor allem mit der Behandlung psychischer Störungen. Seligman und sein seinem Team an der University of Pennsylvania hingegen untersuchten,
- was das Leben lebenswert macht,
- warum Menschen glücklich sind und
- wie sich ihr Wohlbefinden steigern lässt.
Aus den Ergebnissen leitete er das PERMA-Modell ab, das die fünf Säulen eines erfüllten Lebens beschreibt:
- Positive Emotionen,
- Engagement (Stärken kennen, nutzen),
- Relationships (gute Beziehungen),
- Meaning (Bedeutung/Sinn) und
- Accomplishment (Leistung/Erfolg).
Das PERMA-Modell zeigt Wege auf, wie man die Zuversicht und Lebenszufriedenheit von Menschen steigern kann, statt nur Defizite bei ihnen zu bekämpfen. Übertragen auf Führung bedeutet das: Statt von einem grundsätzlichen Motivationsmangel der Mitarbeiter auszugehen, wäre es zielführender, Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen ihre intrinsische Motivation, also Eigenmotivation, wächst und gedeiht.
Intrinsische Motivation systematisch fördern
Die beiden US-amerikanischen Wissenschaftler Edward L. Deci und Richard M. Ryan beschreiben in ihrer "Selbstbestimmungstheorie" drei zentrale menschliche Wachstumsbedürfnisse, die der Motor für eine persönliche Entwicklung von Menschen und deren Wohlbefinden sind. Diese sind
- Autonomie,
- Kompetenz und
- Beziehung.
Diese Bedürfnisse sind nie endgültig befriedigt. Sie treten vielmehr im Verlauf unseres Lebens situations- und kontextabhängig stets erneut auf. Also müssen sie auch stets aufs Neue befriedigt werden.
Doch wie können Führungskräfte hierzu einen Beitrag leisten, ohne zu "Dauer-Motivatoren" zu werden? Indem sie ein Führungsverhalten zeigen, das es ihren Mitarbeitern erleichtert bzw. ermöglicht, ihre Wachstumsbedürfnisse zu befriedigen.
Hebel 1: Die Autonomie stärken
Autonomie entsteht, wenn die Mitarbeiter in die Zieldefinition einbezogen werden und sie innerhalb eines definierten Rahmens eigenständig über ihr Vorgehen entscheiden können. Entscheidend ist dabei weniger der tatsächliche Handlungsspielraum als die empfundene Entscheidungsfreiheit.
Führungskräfte sollten daher stärker auf die Problemlösekompetenz ihrer Mitarbeiter vertrauen. Statt einzugreifen, können sie diese zum Beispiel fragen: "Wie möchtest Du diese Hürde überwinden?" So bleibt Verantwortung bei den Mitarbeitern – und ihre Autonomie wird gestärkt.
Hebel 2: Die Selbstwirksamkeit fördern
Menschen wollen erleben, dass ihr Handeln Wirkung zeigt. Führungskräfte stärken dieses Gefühl durch ein wertschätzendes Feedback. Dabei bewirkt ein pauschales "Gut gemacht" weniger als eine präzise Rückmeldung:
- Was genau wurde beobachtet?
- Welche Stärken kamen zum Einsatz?
- Welche Wirkung wurde hiermit erzielt?
Indem Mitarbeiter erkennen, welche Fähigkeiten – etwa Erfahrung, Kreativität und Ausdauer – zu ihrem Erfolg beigetragen haben, wächst ihr Vertrauen in die eigene Kompetenz. Das fördert ihre intrinsische Motivation nachhaltig.
Hebel 3: Bindung aufbauen
Mit der Haltung "Sie haben die Lösung in sich" stärken Führungskräfte auch das Wachstumsmotiv Bindung bei ihren Mitarbeitern. Denn durch das Gefühl "Ich werde als Individuum wahr- und ernstgenommen" entsteht menschliche Nähe. Erlebt ein Mitarbeiter sich hingegen primär als ein Werkzeug zum Erreichen der Ziele der Führungskraft bzw. des Unternehmens, entsteht keine Bindung.
Anders ist dies bei einer Begegnung, die von der Haltung geprägt ist "Ich schenke Dir Aufmerksamkeit, weil ich Dich als Arbeitskraft und Mensch schätze". Sie fördert den Zusammenhalt und die emotionale Bindung.
Von den Erkenntnissen der Positiven Psychologie profitieren
Intrinsisch motivierte Menschen engagieren sich eigeninitiativ voller Leidenschaft. Sie haben eine höhere Leistungsfähigkeit und größere Ausdauer beim Lösen von Problemen. Zudem gehen sie Aufgaben kreativer an.
Das belegen auch Studien der US-amerikanischen Forscherin Barbara Frederickson, die die "Broaden-and-Build-Theory" entwickelt hat. Sie zeigen, dass positive Gefühle unser Gedanken- und Handlungsrepertoire erweitern; außerdem unsere Energie, Ausdauer und Überzeugungskraft steigern. Sie erhöhen also unsere Leistungsfähigkeit und -bereitschaft. Ein Phänomen, das Sie vermutlich aus eigener Erfahrung kennen: Wenn Sie voller positiver Emotionen bzw. in einem positiven Flow sind, haben Sie auch das Gefühl, (fast) jedes Problem lösen zu können.
Ebenso verhält es sich bei Ihren Mitarbeitern. Wenn sie ihre Arbeit mit positiven Gefühlen verrichten, meistern sie auch leichter Schwierigkeiten. Also müssen Sie als Führungskraft seltener unterstützend eingreifen. Das entlastet Sie. Auch deshalb lohnt sich für Sie als Führungskraft eine Beschäftigung mit den Themen Positive Leadership und Intrinsische Motivation bzw. mit der Positiven Psychologie.
Zu den Autoren: Elke Katharina Meyer, Frank Nesemann und Thomas Achim Werner bilden gemeinsam das Führungsteam der Unternehmensberatung Positivity Guides, Berlin/Braunschweig. Sie haben gemeinsam das Buch "Positiv führt! Mit Positive Leadership Teams und Organisationen empowern" geschrieben. Dieses ist im Verlag BusinessVillage erschienen.