Kolumne Warum das Handwerk seine besten Frauen verliert

Sie gewinnen Innungswettbewerbe, schließen Ausbildungen mit Bestnoten ab – und verlassen trotzdem den Beruf. Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg analysiert in ihrer DHZ-Kolumne, woran das liegt, und gibt drei konkrete Impulse, mit denen Betriebe gegensteuern können.

Konzentriert bei der Arbeit: Frauen im Handwerk überzeugen durch Leistung – doch viele verlassen den Beruf, weil Anerkennung und Chancen fehlen. - © contrastwerkstatt - stock.adobe.com

In vielen Betrieben erleben wir gerade etwas, das kaum jemand offen anspricht: Wir verlieren Frauen auf ihrem Weg ins Handwerk. Sie beginnen motiviert, bringen Talent mit, zeigen Leistung. Und trotzdem bleiben sie zu selten im Beruf. Das wäre schon für sich genommen ein Problem. Doch angesichts des Fachkräftemangels wird es zu einer echten Not.

Leistung allein reicht nicht

Denn fest steht: Wer Frauen nicht gewinnen und halten kann, verzichtet auf Menschen, die nachweislich hervorragende Handwerkerinnen werden. Viele von ihnen gehören zu den Besten: Sie gewinnen Innungswettbewerbe, schließen Ausbildungen mit Spitzenleistungen ab und gehen mit einer Ernsthaftigkeit an den Beruf, die beeindruckt. Dieses Potenzial zu verschenken, kann sich das Handwerk nicht mehr leisten. 

Trotzdem passiert etwas Merkwürdiges. Sobald wir über Frauen im Handwerk sprechen, rutschen Gespräche reflexartig ab in Themen wie Kinderbetreuung oder Teilzeit. Dabei geht es hier nicht nur um Vereinbarkeit. Es geht vor allem um berufliche Entwicklung, um Respekt, um Akzeptanz und um die Frage, ob Frauen dieselben Chancen erhalten wie Männer.

Warum die Debatte oft am Kern vorbeigeht

Der Begriff, der in dieser Debatte oft fällt, klingt fremd und führt oft zu Ablehnung: Female Empowerment. Doch dahinter steckt nichts Kompliziertes. Es beschreibt die Frage, ob Frauen im Betrieb wirklich gleichwertig behandelt werden. Ob sie gefördert werden. Ob sie Verantwortung übernehmen dürfen. Ob der Betrieb eine Umgebung bietet, in der sie sich entwickeln können, ohne sich permanent beweisen zu müssen. 

Mehr beweisen, weniger bekommen

Und genau hier liegt der wahre Knackpunkt. Viele Frauen berichten, dass sie sich mehr anstrengen, mehr zeigen und mehr Sprüche wegstecken müssen, um dieselbe Anerkennung zu erhalten wie ein Mann. Nicht nur im Team, sondern auch im Kundenkontakt. Wer das ignoriert, verliert Menschen, die eigentlich bleiben wollen. 

Kathrin Post-Isenberg
Die Steinmetzmeisterin und Bildhauerin Kathrin Post-Isenberg leitete früher einen eigenen Betrieb in Siegburg. Mit ihrer Praxiserfahrung berät sie heute Handwerksunternehmen dabei, sich erfolgreich als Arbeitgebermarke zu etablieren. - © Markus Zielke

Damit wir nicht weiter Potenzial verlieren, braucht es eine Führungsarbeit, die klarer ist als früher. Wegsehen kostet echte Fachkräfte – und zwar gute.

3 Impulse für Betriebe

Die folgenden drei Impulse helfen Ihnen, die eigene Haltung und die Kultur im Betrieb zu prüfen.

1. Machen Sie Frauen den Weg frei, statt ihn schwerer zu machen. 

Schauen Sie hin, wer anspruchsvolle Aufgaben bekommt und wer Weiterbildungsmöglichkeiten erhält. Prüfen Sie, ob Frauen dieselbe Chance haben, Verantwortung zu übernehmen. Nicht theoretisch, sondern praktisch. Talent zeigt sich schnell, wenn es Raum bekommt. 

Tipp 2: Sprechen Sie mit Ihrem Team über Respekt und Umgangsformen. 

Handwerk lebt von Gemeinschaft. Es lebt aber nicht von Sprüchen, die Frauen abwerten. Wenn Teammitglieder oder Kunden der Meinung sind, Frauen müssten sich erst beweisen, dann braucht es eine klare Führungsaussage. Kultur entsteht nicht von selbst. Sie entsteht durch Haltung. 
Und als Führungsperson sind Sie das Vorbild. 

Tipp 3: Machen Sie Ihr Unternehmen attraktiv für Frauen, bevor Sie über fehlende Fachkräfte klagen. 

Frauen wählen das Handwerk bewusst. Wenn sie im Betrieb erleben, dass sie gefördert werden und ernst genommen werden, dann bleiben sie. Wenn sie erleben, dass ihre Arbeit zählt und ihre Stimme gehört wird, dann entwickeln sie sich. Das ist kein Zusatz. Das ist die Basis für Fachkräftesicherung. 

Ich sage das als Steinmetzmeisterin und als Kolumnistin dieser Zeitung. Ich habe mit vielen Frauen gearbeitet, sie begleitet und ihre Entwicklung erlebt. Und ich habe gesehen, wie sehr ein Betrieb profitieren kann, wenn Frauen nicht nur dabeibleiben dürfen, sondern wachsen können. 

Fazit

Wer im Fachkräftemangel immer noch so tut, als könne das Handwerk unter Männern bleiben, verschließt die Augen vor der Realität. Wir brauchen Frauen. Wir brauchen ihre Stärke, ihre Leistung, ihre Perspektiven. Female Empowerment bedeutet deshalb nicht nur, Familienmodelle zu diskutieren. Es bedeutet vor allem, Frauen im Beruf ernst zu nehmen und ihnen dieselbe Chance zu geben wie Männern. Die Frage lautet also: 
Wie viel Mut bringt Ihr Betrieb auf, um dieses Potenzial wirklich zu nutzen?

Die Kolumne "Aus dem Handwerk, für das Handwerk" von Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg erscheint jeden Donnerstag exklusiv in der Deutschen Handwerks Zeitung (DHZ). Melden Sie sich für den kostenlosen DHZ-Newsletter an, um keine Ausgabe zu verpassen.