Die Bayreuther Festspiele sind der Höhepunkt des Richard Wagner-Jahres. Auf sämtlichen Opernbühnen wird derzeit das Werk des Komponisten mit Sonderaufführungen und Konzerten gefeiert, an denen unterschiedliche Handwerksberufe entscheidend mitwirken.

Am 13. August 1876 hatten Zwerge, Riesen und Götter erstmals um ein magisches Erzeugnis handwerklicher Wertarbeit gekämpft: den "Ring des Nibelungen". Auch im Wagnerjahr 2013 werden die Fantasiegestalten des Rings und andere Figuren aus Wagner-Opern das auf dem "Grünen Hügel" gelegene Festspielhaus in Bayreuth in einen magischen Ort verwandeln.
Doch nicht nur auf der Bühne, sondern vor allem hinter den Kulissen der Bayreuther Festspiele geht es ordentlich zur Sache. Bei den Bayreuther Festspielen sorgen vor allem Handwerker für einen reibungslosen Ablauf.
Allein 120 Handwerker aus über fünfzehn unterschiedlichen Gewerken arbeiten allein in Bayreuth vor und hinter den Kulissen. Aber auch über die Grenzen des Festspielortes hinaus arbeiten zahlreiche Handwerksbetriebe daran, das künstlerische Erbe Richard Wagners aufrecht zu erhalten.
Entstehung des Wagner-Klangs
Einer davon ist Martin Ecker aus dem bayerischen Neumarkt-Sankt Veit. Der Metallblasinstrumentenmacher fertigt die "Wagnertuba" – eines der seltensten Instrumente weltweit. Das hauptsächlich in der "Ring des Nibelungen" erscheinende Blasinstrument hat Wagner 1860 höchstpersönlich anfertigen lassen. Vier bis acht Instrumente pro Jahr mit jeweils 80 Arbeitsstunden fertigt der Handwerksmeister an. Die Instrumente gehören jedoch nicht zur Familie der Tuba, sondern sind eng mit den Waldhörnern verwandt.
"Der Klang ist viel dunkler als der einer echten Tuba", erläutert Ecker. Zur Herstellung der Wagnertuba gehört neben Geschick in der Metallverarbeitung vor allem ein gutes Gespür für Tonalität. "Schon als Kind habe ich Horn gespielt und mein Hobby zum Beruf gemacht", erzählt Ecker leidenschaftlich weiter.
Mit seinem speziellen Handwerk führt er die Tradition seines Vorgängers Dieter Otto fort, der im Jahr 1975 seine erste Wagnertuba nach Bayreuth geliefert hat. Sie verleihen den Kompositionen Wagners ihren ganz besonderen Klang.
Bühne frei für das Handwerk
Neben den Musikinstrumentenbauern sorgen Theater- und Ausstattungsmaler, Vergolder, Requisiteure, Theaterplastiker, Raumausstatter, Tischler und Metallbauer für die einzigartigen Kulissen der Bayreuther Festspiele. Darüber hinaus tragen Elektroniker für den perfekten Bühnensound Sorge und lassen Sänger, Schauspieler, Chöre und Statisten im richtigen Licht erscheinen.
Theaterkostümnäher, Maßschneider, Maskenbildner, Modisten und Schuhmacher verwandeln die Sänger und Darsteller während der Festspielzeit in die unterschiedlichsten Figuren. Darüber hinaus sorgen Gebäude- und Textilreiniger während der Festspiele für einen sauberen Auftritt.
Seite 2: Interview mit Karl-Heinz Matitschka zur Rolle des Handwerks bei den Bayreuther Festspielen
Die Inszenierungen der Wagner-Opern lebt also nicht nur von der Dramaturgie selbst, sondern erst im Zusammenspiel mit den verschiedenen Handwerksberufen. Einer, der es noch mehr auf den Punkt bringt, ist Karl-Heinz Matitschka. Seit 1982 ist der gelernte Tischler als Technischer Direktor Chef über die 120 Handwerker der Bayreuther Festspiele. Im Interview erläutert er, warum ohne das Handwerk in Bayreuth nichts laufen würde.
Herr Matitschka, im Wagner- Jahr 2013 wird wieder einmal eine Neuinszenierung des "Ring" auf die Bayreuther Bühne gebracht. Die Berliner Theater-Legende Frank Castorf führt Regie – welche Aufgabe übernehmen Sie bei dem Spektakel?
In diesem Jahr werden wir den technisch aufwändigsten „Ring“ in der Geschichte der Festspiele auf der Bühne haben. Ich werde den vorgestellten Ringentwurf umsetzen. Schon lange im Voraus habe ich mich hierfür mit Regisseur, Bühnenbildner und Festspielleitung zusammengesetzt. Meine Aufgabe ist es dabei, festzustellen, ob die Vorhaben der Regie technisch überhaupt umgesetzt werden können – und die dafür nötigen Schritte einzuleiten.
Klingt so, als ob dann recht bald auch Ihre Handwerker ins Boot geholt würden?
Mit dem Bau der Kulissen wird in der Tat recht früh begonnen. Generell sind auf dem "Grünen Hügel" ganzjährig 20 Bühnenhandwerker fest angestellt. In der heißen Vorbereitungsphase kommen jeden Sommer noch einmal 116 Handwerker hinzu. Mit Tischlern, Elektronikern, Mechatronikern, Maßschneidern und Maskenbildnern beläuft sich die Gesamtzahl der Handwerker bei den Festspielen 2013 sogar auf 136.
Und die verwirklichen in wenigen Wochen die Pläne des Regisseurs
Genau. Die Bühnenhandwerker bewerkstelligen den sicheren Auf- und Abbau der bis zu 35 Tonnen schweren Bühnenteile, während die Elektroniker in der Tonabteilung zum Einsatz kommen. Alle Solistenkostüme werden von Maßschneidern vor Ort gefertigt und im Verl auf der Proben an die Bedürfnisse der Darsteller angepasst – damit es den Sängern bei ihren anstrengenden Darbietungen nirgendwo kneift und zwickt.
Sie kennen sich mit den verschiedenen Handwerksberufen gut aus?
Auch ich bin ein gelernter Handwerker: Möbeltischler, wie das damals noch hieß. Zudem habe ich eine Ausbildung als Maschinenbauer abgeschlossen und als Bühnentechniker beim Theater angefangen. Über den zweiten Bildungsweg habe ich dann Bühneningenieur studiert, was mir schließlich die Arbeit als Technischer Direktor in Bayreuth ermöglichte.
Was in vielerlei Hinsicht ein Theater der Superlative ist?
Auf jeden Fall. Es sind nicht nur die weltberühmten Sänger und Regisseure, die diesen Ort besonders machen. Während der Festspielzeit sind auf dem Hügel bis zu 840 Personen beschäftigt. Alles in allem bekommen die Zuschauer mehr als 700 Kostüme in nur einer einzelnen Chor-Oper zu sehen und gerade in diesem Jahr eine gigantische, riesengroße, bunte Kulisse, die alles bis jetzt da gewesene übertreffen wird.
Das Erlebnis Bayreuth scheint nicht nur für die Mitwirkenden auf der Bühne eine Ehre zu sein?
Auch unsere Handwerker sind stolz, in Bayreuth zu arbeiten. Deshalb kommen 90% auch jedes Jahr wieder. Nur mit diesem festen Stamm an treuen Mitarbeitern können wir diese hochwertige künstlerische Arbeit in so knapp bemessener Zeit jährlich abliefern.
Bayreuth ist also auch Festspiel des Handwerks?
Ohne das Handwerk wären die Bayreuther Festspiele nichts.
Die diesjährigen Wagner-Festspiele in Bayreuth beginnen am 25. Juli und enden am 28. August. Neben dem vierteiligen "Ring des Nibelungen" werden unter anderem Wagners "Meistersinger von Nürnberg" und "Der fliegende Holländer" aufgeführt. cle/ZDH