Leitartikel Wacklige Prognosen

Ökonomen sagen für 2012 gravierende Auswirkungen der Schuldenkrise auf die Wirtschaft voraus

Lothar Semper

Wacklige Prognosen

Herbstzeit ist auch Prognosenzeit. Alljährlich veröffentlichen im Oktober und November führende Wirtschaftsforschungsinstitute, der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage und die Bundesregierung ihre Prognosen für das nächste Jahr. Den Anfang machen traditionell die Institute. Doch so wie im Herbst die Blätter fallen, so überdauern auch oft die Vorhersagen nur wenige Wochen oder bestenfalls Monate.

Seit 2008, als die Finanzmärkte ins Trudeln kamen, haben sich bei allen Prognosen viele Annahmen und Aussagen als grundlegend falsch erwiesen. Ökonomen müssen sich daher nicht selten die Frage gefallen lassen, inwieweit sich ihre Prognosen überhaupt noch von der (mangelnden) Zuverlässigkeit mittel- und langfristiger Wetterprognosen unterscheiden.

Unterstellt man der gerade vorgelegten Prognose eine gewisse Trefferwahrscheinlichkeit, so belastet die europäische Schuldenkrise die deutsche Konjunktur erheblich. Und die Wissenschaftler lassen durchklingen, dass sie sich auch noch schlimmere Szenarien vorstellen können. Unter Ausschluss weiterer Fehlentwicklungen wird für 2012 ein reales Wachstum von 0,8 Prozent erwartet – immerhin nicht einmal ein Drittel des Wertes für 2011. Für den privaten Verbrauch wird noch eine Zunahme von 0,9 Prozent vorhergesagt.

Die Binnennachfrage bleibt demnach eine Konjunkturstütze. Aktuelle Umfragen lassen zumindest für das Handwerk noch keinen Konjunktureinbruch erwarten – dazu mehr in der nächsten Ausgabe dieser Zeitung. Deutliche Einbußen gibt es nach dem Herbstgutachten im kommenden Jahr bei Bau- und Ausrüstungsinvestitionen; beim Bau von 5,8 auf 1,3 Prozent und bei den Ausrüstungen von 9,6 auf 3,3 Prozent. Für das Handwerk dürfte wichtig sein, dass die Rückgänge bei Bauvorhaben weniger den privaten Wohnungsbau betreffen werden.

Zu den Auseinandersetzungen in der EU äußern sich die Institute eindeutig: Ihrer Meinung nach hat sich die Politik bisher zu sehr darauf konzentriert, die Insolvenz eines Euro-Staats mit aller Macht zu verhindern. Stattdessen sollte Voraussetzungen für einen Insolvenzmechanismus für Staaten und für eine geordnete Insolvenz von Banken geschaffen werden.

So weit geht allerdings die Diskussion vor dem mit Spannung erwarteten EU-Gipfel nicht. Bis jetzt lauten die Stichworte: Stabilisierung von Griechenland und Stützung der Banken. Gerade dagegen sträuben sich die Banken, weil sie größeren Einfluss des Staates fürchten. Dringend zu warnen ist vor dem Rezept der letzten Krise, dass der Steuerzahler Geld gibt und die Aktionäre dabei verdienen.

Für die Wirtschaft ist wichtig, dass die Kreditvergabe gesichert bleibt. Ansonsten würde es schwer werden, aus der Konjunkturdelle wieder herauszukommen. Für die Finanzminister bedeutet das minimale Wachstum, dass die Steuereinnahmen wieder schwächer werden. Es ist zu befürchten, dass damit schon angekündigte Entlastungen wieder zur Disposition stehen oder gar Erhöhungen gesucht werden.

Dies wären allerdings die falschen Signale für Unternehmen und Verbraucher. Dringend notwendig ist jetzt auch, dass für die energetische Gebäudesanierung endlich eine verlässliche Regelung gefunden wird.