Lebenswege Von der mittel- und sprachlosen Migrantin zur Blond-Ikone

Ayşe Auth wuchs bei der Großmutter in der Türkei unter einfachsten Verhältnissen auf und träumte von Schönheit und Ruhm. Als Star-Friseurin in München hat sie sich diesen Traum verwirklicht. Wie sich die Blond-Ikone ein freies Leben zwischen Deutschland und der Türkei erkämpfte.

Ayşe Auth
Als Kind träumte Ayşe Auth davon, schön und berühmt zu sein. Heute ist sie Chefin von 20 Mitarbeitern und die erste Adresse für Blond-Färbungen weit über München hinaus. - © HaarWerk

Die Lage ist ein Statement: Ein Friseursalon im alten Herzen Münchens, wenige Schritte entfernt vom weltberühmten Marienplatz, der Luxus-
Einkaufsmeile Maximilianstraße und der historischen Residenz. "HaarWerk" steht in geschmiedeten Lettern an der schlichten Fassade, türhohe Fenster ziehen die Blicke der Passanten in den weitläufigen Salon. Ein Ort, an dem die Reichen und Schönen Münchens sich die Haare machen lassen. Ayşe Auth hat es geschafft.

"Der Anfang hier war aber schwer", beginnt sie zu erzählen. Die 58-Jährige sitzt in einem Korbsessel im ruhigen Salon, montags geschlossen. Sie zupft ihren kurzen schwarzen Rock zurecht, streicht noch einmal durch die langen blonden Haare, dann erinnert sie sich zurück. Ihr riesiger Salon war der Erstbezug in dem modernen Neubau auf der Rückseite der historischen Residenz, damit fiel sie auf, aber es kamen zunächst keine Kunden. "Wir hatten noch kein Internet, Instagram war noch nicht erfunden und ich hatte all mein Geld in die Einrichtung des Salons gesteckt. Für Werbung war nichts übrig."

Sieger des Branchenoscars

2008 war das, die Friseurin hatte für den Neustart in München ihren gut gehenden Salon in Frankfurt verlassen. Gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Hatice Nazim hatte sie sich in der Mainmetropole seit 1993 einen Namen als Top-Stylistin erarbeitet, hatte mit ihr den Branchenoscar "L’Oréal Colour Trophy" gewonnen und sich über die Jahre zur ersten Adresse für finanzkräftige, an­spruchsvolle Kunden entwickelt. Doch Auth wollte es auch allein schaffen. Sie trennte sich finanziell von ihrer Schwester und sprang ins kalte Münchner Wasser. "Das war eine echte Challenge", erinnert sich Auth. Doch sie hatte schon ganz andere Schwierigkeiten gemeistert.

Auths Lebensweg startet in einem Darmstädter Krankenhaus im Jahr 1967. Ihre Mutter, eine türkische Gastarbeiterin, war zur Niederkunft dort hingegangen und reagierte schockiert, als dem erwarteten fünften Kind ein sechstes nachfolgte. "Mich hatte keiner auf der Rechnung", kommentiert Auth trocken. Der Vater am Bau, die Mutter am Fließband, beengte Wohnverhältnisse: Die Eltern sahen sich überfordert, ihre Zwillinge in Darmstadt aufzuziehen. Sie schickten sie zur Großmutter in die Türkei. Nur zwei Autostunden von Istanbul entfernt, wuchsen die Mädchen in Susurluk in einfachsten Verhältnissen auf.

Ayşe war rebellisch und freiheitsliebend, sie fühlte sich hier höchstens geduldet, nie aber geliebt. Immer, wenn die "deutsche" Familie in den Sommerferien zu Besuch kam, hoffte sie, mit ihr nach Deutschland zurückkommen zu dürfen. Jahr für Jahr wurde sie enttäuscht. Sie flüchtete sich in Tagträume: "Wenn ich groß bin, werde ich eine schöne, strahlende Frau sein. Alle werden auf mich schauen und mich bewundern. Sie werden sich darum reißen, mit mir befreundet zu sein", erinnert sie sich an ihre Vision von Schönheit und Ruhm.

Der Traum vom Blond

Schön, das hieß für Auth von Anfang an: blond. "Wer sich in der Türkei die Haare blondierte, war ein besonderer, ein reicher, ein schöner Mensch. Prinzessinnen wurden immer blond dargestellt, in Blond war immer ein Leuchten und Glitzern", versucht sie eine Erklärung. Schon als Kind experimentierte sie also mit einer Mischung aus Zitronensaft und Joghurt, um ihr dunkles Haar aufzuhellen.

Heute ist Auth für ihre perfekten, typgerechten Blondfärbungen berühmt. "Ich mache nichts anderes als blond. Eher würde ich meinen Beruf aufgeben als mit Blond aufzuhören. Das ist für mich die größte Kunst." Deswegen hat sie auch eine eigene Pflegelinie entwickelt. Vier Jahre lang suchte sie nach den perfekten Inhaltsstoffen, weitere vier Jahre tüftelte sie mit einer italienischen Firma an Rezepturen. "Shine blonde" steht auf den Flaschen und Dosen, die sie im Salon und online verkauft. Unauffälliger ist der Aufdruck AUTHentic blonde, ein Name, der demnächst Programm bei Auths neuestem Projekt sein wird: Sie will eine Holding gründen, um die schon jetzt wirtschaftlich erfolgreiche Produktlinie weiter zu vergrößern. "Ich weiß nicht, ob ich dasselbe erreiche wie L’Oréal. Aber ich habe meine Ziele", zeigt Auth, wie groß sie denkt.

>> Auf Instagram gewährt Ayse Auth Einblicke in ihre Arbeit: Sie zeigt, wie sie ihren Kundinnen zu einem neuen Look verhilft – inklusive Vorher-Nachher-Vergleiche mit dem Blondeffekt. Zum Kanal

Ohne Sprachkenntnisse nach Deutschland

Ziele und Visionen haben Auth immer angetrieben, doch nicht immer erging es ihr dabei so gut wie heute. Als Jugendliche setzte sie alles daran, endlich nach Deutschland zu dürfen. Sie revoltierte, die Familie gab widerwillig nach. Doch der Start in Deutschland war schwierig. In ihrer Familie war sie das fünfte Rad am Wagen, sie verstand noch nicht einmal die untereinander Deutsch sprechenden Geschwister. "Du bist ein halber Mensch ohne Sprache", erinnert sie sich an diese erste Zeit in "Almanya". "Wenn ich heute in Deutschland Integrationsministerin wäre, dann würde ich als Allererstes alle Migranten dazu verpflichten, die Sprache zu lernen", überlegt sie. Auch als Unternehmerin sorgt sie dafür, dass ihre Auszubildenden möglichst schnell ein gutes Sprachniveau erreichen. "Es ist leider so, wir bekommen keine anderen Mitarbeiter mehr, wir müssen uns damit auseinandersetzen und sehr viel Zeit und Engagement in die Ausbildung investieren."

Ihren eigenen beruflichen Weg hatte sich Auth anders ausgemalt. Sie wollte studieren, wäre gerne Journalistin geworden. Stattdessen erreichte sie wegen des Sprachniveaus nur den Hauptschulabschluss und wurde von den Eltern zur Friseurlehre angemeldet. "Ich ekelte mich davor, alten Leuten den Kopf zu waschen, und das Stehen strengte mich sehr an", beschreibt sie ihre ersten Ausbildungswochen. Doch die Mutter ließ sie die Lehre nicht hinschmeißen. "Also habe ich gesagt: Wenn ich das schon unbedingt machen muss, dann will ich wenigstens die Beste werden. Damit fing es an, mir Spaß zu machen."

Zwangsheirat, plötzlicher Kindstod und Krankheit

Sie genoss es, eigenes Geld zu verdienen, auch wenn sie noch bei den Eltern lebte und ihren Lohn abgeben musste. Immerhin das Trinkgeld blieb ihr. Als sie sich in einen Bosnier verliebte, sah der strenge Vater die Familienehre beschmutzt. Auth floh nach Hannover, ins Frauenhaus. Ihr Vater fand sie und verfrachtete sie in die Türkei, um sie dort zu verheiraten. Doch Auth zog eine andere Karte. Sie bat einen türkischstämmigen Freund aus Hannover, beim Vater um ihre Hand anzuhalten. Der Coup gelang, der Vater willigte ein, ihr Ticket zurück nach Deutschland war gesichert. Doch das unverhoffte Eheglück währte nur kurz. Ihr Ehemann war pleite und arbeitslos, sie musste allein für den gemeinsamen Unterhalt sorgen, auch, als sie schwanger wurde und Zwillinge gebar. Es kam noch schlimmer. Eines der beiden Babys starb am plötzlichen Kindstod, kurz darauf erkrankte Auth schwer an Nierenkrebs.

Auth brauchte vier Jahre, um sich aus dieser Zeit wirtschaftlicher, gesundheitlicher und psychischer Krisen herauszuarbeiten. Sie trennte sich von ihrem Mann, nahm ihren Sohn und zog nach Darmstadt, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. "Ich hatte verstanden, dass ich zwei Hebel habe, um erfolgreich zu sein. Fleiß plus Ausdauer und eine positive Einstellung."

"Ich hatte verstanden, dass ich zwei Hebel habe, um erfolgreich zu sein: Fleiß plus Ausdauer und eine positive Einstellung."

Ayşe Auth


Mit dieser Ausstrahlung überzeugte sie immer mehr Kunden, zunächst als angestellte Friseurgesellin, ab 1992 als selbstständige Unternehmerin im gemeinsamen Salon mit Zwillingsschwester Hatice. Den Meister machte sie im Crashkurs in zwei Monaten, sie heiratete wieder und änderte damit ihren Nachnamen in Auth – und sie versöhnte sich mit dem Teil ihrer türkischen Familie, der sich über lange Jahre von ihr abgewandt hatte.

Auth checkt kurz ihr Handy. Während sie erzählt hat, ist einiges aufgelaufen. Seit Neuestem ist sie Franchisegeberin. Einen ihrer mittlerweile drei Salons in München hat sie an eine junge Friseurin vergeben. "Ich schule und coache sie, sie ist auf unserer Webseite unter unserer Marke sichtbar, nimmt an unseren Schulungen und Reisen teil, profitiert von unseren günstigen Einkaufspreisen, aber ansonsten wirtschaftet sie selbstständig und zahlt mir eine Franchise-Gebühr dafür", freut sich Auth über diesen ersten Schritt hin zu einem größeren Franchise-System.

Nach einem ähnlichen Prinzip arbeitet sie auch mit ihrer Schwester Hatice in Frankfurt und ihrem Sohn Cenk in Berlin zusammen. Alle firmieren unter dem Namen "HaarWerk", sie organisieren Schulungen und Veranstaltungen gemeinsam, teilen sich bisweilen Werbekampagnen, sind aber jeder wirtschaftlich eigenständig. Denn jeder von ihnen hat andere Vorstellungen von der Zukunft.

Auth will noch höher hinaus. "Nach oben ist kein Limit", ist sie überzeugt. Als Franchisegeberin, als Chefin einer Holding mit eigener Produktlinie, mit Auftritten im Fernsehen, auf Events und in Social-Media, die 58-Jährige arbeitet unermüdlich an ihrem Kindheitstraum von Schönheit und Ruhm. "Solange du deinen Job liebst und die Menschen um dich herum, ist dir keine Minute Arbeit zu viel", zeigt sie keine Ermüdungserscheinungen.
Ihr vielleicht wichtigstes Ziel hat sie ohnehin schon erreicht: "Ich entscheide heute allein über mein Leben. Ich habe völlige Freiheit."