Dr. Walter Kunz hat mit 77 Jahren die Gesellenprüfung im Geigenbauer-Handwerk bestanden – und das mit der Note 2. Nach einem langen Berufsleben als Kinderarzt erfüllte sich der promovierte Mediziner einen Herzenswunsch und tauschte das Stethoskop gegen den Wölbungshobel. Seine Geschichte zeigt eindrucksvoll, dass es nie zu spät ist, neue Wege zu gehen.

Es gibt viele Möglichkeiten, die Gesellenprüfung nachzuholen, und zahlreiche Menschen haben dies bestimmt erfolgreich getan, oft auch im späten Alter. Wie man aber mit 77 Jahren sehr erfolgreich die Gesellenprüfung im Geigenbauer-Handwerk abschließt, das ist wirklich beeindruckend!
Entschlossenheit und Durchhaltevermögen
Es zeigt, dass es nie zu spät ist, sich neuen Herausforderungen zu stellen und persönliche Ziele zu erreichen. Menschen, die im hohen Alter Prüfungen bestehen, beweisen oft außergewöhnliche Entschlossenheit und Durchhaltevermögen. So eine inspirierende Geschichte hat der 1947 in Teterow, einer Kleinstadt im Herzen Mecklenburg-Vorpommerns, geborene Walter Kunz mit dem Abschluss der Gesellenprüfung im Geigenbauhandwerk geschrieben.
Medizinstudium in Rostock
Die Urkunde der Handwerkskammer für Mittelfranken, welche ihm die Fähigkeit bestätigt, Streichinstrumente zu bauen, ist nicht das einzige Zertifikat in seinem Besitz. Walter Kunz hat an der Universität Rostock Medizin studiert. Von 1975 bis 1981 betätigte er sich als Assistenzarzt an der Universitätskinderklinik Erlangen. In dieser Zeit promovierte er und legte seine Facharztprüfung zum Kinder- und Jugendarzt ab.
Anschließend unterhielt er zusammen mit einem Kollegen in Forchheim 30 Jahre lang eine Kinderarztpraxis. Wie kommt nun ein Mediziner, welcher Jahrzehnte die körperlichen Beschwerden seiner Patienten behandelte, dazu, das Stethoskop wegzulegen und gegen den Wölbungshobel auszutauschen?
Lieblingsinstrument Geige
Walter Kunz hat bereits in jungen Jahren Geige gespielt und sein Lieblingsinstrument auch nicht zur Seite gelegt. Im Gegenteil, er liebäugelte mit einer Meistergeige, welche er in der Bubenreuther Werkstatt des Innungsobermeisters Günter Lobe auch fand. Bei diesen Besuchen faszinierte ihn der Weg vom unbehandelten Holz zum klingenden Instrument und er stellte dem Meister die Frage, ob er eine Woche in seiner Werkstatt schnuppern dürfe. Aus der einen Woche wurde eine weitere und aus den folgenden Praktikumswochen sind schließlich 11 Jahre geworden.
Externenprüfung
In all diesen Jahren hat der Geigenbaumeister Lobe seinen Schützling begleitet, ihn von der Wahl des Holzes bis hin zum letzten Lackanstrich unterrichtet und dabei festgestellt, dass Kunz sich recht geschickt anstellte. Aus diesem Grund schlug Lobe dem 77-Jährigen vor, die von der Handwerkskammer ermöglichte "Externenprüfung" mit dem Abschluss eines Gesellenbriefes abzulegen.
Die Externenprüfung, auch "Ausnahmsweise Zulassung" genannt, ist für Personen, die länger in einem Handwerksberuf tätig sind. Sie müssen eine Beschäftigungszeit von mindestens dem 1,5-Fachen der regulären Ausbildungszeit des Berufs vorweisen können, in dem sie arbeiten und in dem sie die Gesellenprüfung ablegen wollen. Bei einer dreijährigen Lehrzeit sind also mindestens viereinhalb Jahre Berufserfahrung nötig.
Innung nahm die Gesellenprüfung ab
All dies reizte den im Ruhestand befindlichen "Geigenbauer" und er bat seinen Lehrmeister, ihn bei der Handwerkskammer anzumelden. Die Gesellenprüfung bezieht sich auf die vorgeschriebenen Prüfungsinhalte des Berufes und reicht von der Fachtheorie und den Prüfungsarbeiten bis hin zur Anfertigung eines Gesellenstückes.
Jetzt war es dann so weit, die Innung der Streich- und Zupfinstrumentenmacher Erlangen erhielt eine Ermächtigung der Handwerkskammer, die Prüfung abzunehmen. So waren der Geigenbau- und Prüfungsmeister Christopher Ebersberger und sein Prüfungsbeisitzer Stefan Kohlert einen Tag beschäftigt, die theoretische Prüfung abzunehmen. Dies beinhaltete die angefertigte Zeichnung, die Arbeitsproben und das Gesellenstück, eine unlackierte spielfertige Geige nach dem Modell Stradivari mit dem Namen Hubermann zu begutachten.
Ergebnis: Der 77-jährige Dr. Walter Kunz hat die Gesellenprüfung im Geigenbauhandwerk mit Note 2 bestanden! Auf die Frage, wie es denn nun weitergeht, antwortete der frischgebackene Geselle: "Den Meister werde ich wohl nicht mehr machen, aber für meine sechs Enkelkinder möchte ich weiterhin Geigen bauen."