Die Zahl der Existenzgründungen ist deutlich zurückgegangen. Neugründungen sind außerdem oft Ein-Mann-Unternehmen, die ohne Geschäftsidee starten. Die Analyse zeigt: Nur solide Qualifikation hat Zukunft.
Lothar Semper
Die KfW und das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) melden, dass es 2012 in Deutschland weniger Existenzgründungen gegeben hat als im Vorjahr. Beide Einrichtungen arbeiten zwar mit etwas unterschiedlichen Zahlen, aber kommen letztlich zum selben Ergebnis: einem satten Rückgang um mehr als zehn Prozent. Die KfW führt das auf geringere Gründungen im Nebenerwerb zurück.

Das Förderpaket ist umfangreicher denn je
Insgesamt zeigen beide Analysen, dass das Umstellen des Gründungszuschusses der Agentur für Arbeit zwar weniger negativ zu Buche geschlagen hat als erwartet, aber doch Spuren hinterlässt. Wenn man die Liquidationen den Gründungen gegenüberstellt, so ergibt sich laut dem Institut für Mittelstandsforschung ein negativer Saldo – erst der zweite übrigens seit Mitte der 70er Jahre. Fast 45 Prozent der Einzelunternehmen wurden 2012 von Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit gegründet.
Noch eine Feststellung der KfW: Der Anteil der Gründer, deren Hauptmotiv die Umsetzung einer Geschäftsidee ist und die von Anfang an Mitarbeiter beschäftigen, ist gering. Neugründungen sind also überwiegend Ein-Mann-Unternehmen. So weit die zahlenmäßige Bestandsaufnahme. Was aber sind die Schlussfolgerungen aus der Statistik? Gewiss nicht die, dass sich die Rahmenbedingungen für Gründungen verschlechtert hätten. Das Förderpaket ist umfangreicher denn je und die Zinsen sind historisch niedrig. Die finanziellen Bedingungen sind gut – sofern bei den Gründungswilligen überhaupt Eigenkapital vorhanden ist.
"Man muss sich ferner die Frage stellen, ob zahlreiche neue Unternehmen per se ein wirtschaftspolitisches Ziel sein müssen.“
Man muss sich ferner die Frage stellen, ob zahlreiche neue Unternehmen jeweils per se ein wirtschaftspolitisches Ziel sein müssen und können. Auch hier sollte Qualität vor Quantität gehen. In Deutschland haben wir dafür mit der Novelle der Handwerksordnung aus dem Jahr 2004 ein sehr treffendes Beispiel. Durch die Herausnahme von 53 Berufen aus der Anlage A in die Anlage B1 (zulassungsfreie Handwerke) stieg im Verbund mit der EU-Osterweiterung die Zahl der Handwerksbetriebe zwar deutlich an; aber – wie von den Handwerksorganisationen prognostiziert – handelt es sich zu einem großen Teil um Betriebe, die weder Mitarbeiter beschäftigen, noch Lehrlinge ausbilden.
Auch die Nachhaltigkeit dieser Existenzgründungen ist nicht gegeben. Ohne Meisterbrief eingetragene Betriebe sind zu fast 60 Prozent fünf Jahre nach der Gründung schon wieder in der Versenkung verschwunden. Dies liegt auch an fehlenden kaufmännischen Kompetenzen. Es ist eben nicht jeder zum Unternehmer geboren. Da hilft es auch nicht – wie die EU nun plant –, Unternehmern über gelockerte Insolvenzvorschriften eine zweite Chance zu geben.
Es ist nicht jeder zum Unternehmer geboren
Überhaupt die EU: Sie wird Deutschland angesichts rückläufiger Gründungen ins Stammbuch schreiben, es gäbe zu viele reglementierte Berufe. Sorge macht auch, dass Brüssel sich vermehrt im KMU-Bereich nur noch auf Mikrounternehmen fokussiert, also solche mit weniger als zehn Mitarbeitern und einer Jahresbilanz von unter zwei Millionen Euro. Das ist gewiss nicht der richtige und auf die Zukunft eines Unternehmens gerichtete Blickwinkel.
Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist in Europa besorgniserregend. Sie mit massiv beförderten Existenzgründungen lösen zu wollen, wird aber nur Scheinerfolge liefern. Existenzgründungen sind unbestritten wichtig, auch für das ständige Erneuern einer Volkswirtschaft. Aber für den Erfolg von jungen Unternehmern sind deren persönliche und fachliche Qualifikationen mit ausschlaggebend. Auch Unternehmer sein will gelernt sein. Die beste Unternehmerschulung ist anerkanntermaßen die Meisterprüfung. Daran sollte sich auch die EU ausrichten.