Unternehmensführung -

Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen Unsichtbare Behinderungen: Das bedeutet Inklusion in der Praxis

Die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen in Unternehmen hat durch den Fachkräftemangel an Bedeutung gewonnen. Doch nur mit gutem Willen ist es nicht getan. Wie sich Arbeitgeber auf Mitarbeiter oder Azubis mit Behinderungen einstellen und was nötig ist, damit Inklusion für alle Seiten ein Vorteil ist.

Lukas Wild weiß, was er will. "Dass man mich wie jeden anderen behandelt", sagt er. Und auch beruflich hat er klare Vorstellungen: "Ich werde jetzt Metzger. Das ist mein Traumberuf.“

Lukas Wild hat das Asperger-Syndrom. Diese Form des Autismus sieht man den Menschen nicht unbedingt an. Sie zeigt sich vielmehr im Verhalten. Die Betroffenen können Gesten, Mimik, Tonfall oder Blicke ihrer Mitmenschen nicht deuten. Sie nehmen Äußerungen sehr wörtlich und ecken durch ihr Verhalten immer wieder an. Manche wirken körperlich ungeschickt oder langsam.

Mit Behinderung in den regulären Arbeitsmarkt

Das sind keine Ausschlussgründe für eine Ausbildung, genauso wenig wie bei vielen anderen Behinderungen. Dennoch fällt es Betroffenen schwer, am Arbeitsmarkt unterzukommen. Laut Statistischem Bundesamt leben in Deutschland 7,8 Millionen Menschen mit Schwerbehinderung, davon 3,25 Millionen im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 65 Jahren.

Von allen Schwerbehinderten hatten laut Bundesagentur für Arbeit zuletzt nur eine Million eine reguläre Beschäftigung. Für die Betroffenen heißt das, nicht am normalen Leben teilhaben zu können. Für Betriebe bedeutet es, in Zeiten des Fachkräftemangels eine große Menschengruppe außer acht zu lassen.

Hartnäckig um Ausbildungsplatz beworben

Lukas Wild ist insofern eine Ausnahme: Mit seinen 21 Jahren macht er bereits seine zweite Lehre. Als er vor knapp vier Jahren bei Metzgermeister Xaver Paulus aus Beratzhausen wegen einer Ausbildung anfragte, lehnte dieser zunächst ab. "Ich habe mir das damals nicht zugetraut, außerdem brauchte ich gerade keinen Azubi", erklärt er.

Als sich Wild eine volle Maurerlehre später wieder um einen Ausbildungsplatz als Metzger bewarb, ließ sich Paulus überzeugen; die Hartnäckigkeit des jungen Mannes hatte ihn beeindruckt. Nach den ersten Monaten der Ausbildung kennt er inzwischen die Schwächen von Lukas Wild, aber auch dessen besondere Stärken: "Er ist sehr gewissenhaft und er steht voll hinter seiner Ausbildung.“

Hilfe bei der Inklusion im Betrieb

Nicht alle Behinderungen haben Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit im Betrieb. Dennoch ist es gut, wenn sich Unternehmer vorab informieren, was sie erwartet und auch mit dem Betroffenen ganz offen darüber sprechen.

Folgende Fragen sind wichtig:

  1. Wie wirkt sich das Handicap aus?
  2. Beeinträchtigt das die Arbeitsfähigkeit?
  3. Wie kann das kompensiert werden?
  4. Trägt das Team die Belastung mit?
  5. Werden räumliche oder technische Veränderungen nötig?
  6. Welche Unterstützungsmöglichkeiten gibt es (finanziell und organisatorisch)?
Hilfe bekommen Handwerker hier:

  • Inklusions- beziehungsweise Betriebsberater der zuständigen Handwerkskammer. Sie informieren auch über die Möglichkeiten besonderer Ausbildungs- und Prüfungsregelungen für Menschen mit Behinderungen oder über theoriereduzierte Fachpraktikerausbildungen.
  • Bundesagentur für Arbeit: Subventioniert die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung über den Eingliederungszuschuss. Dieser beträgt bis zu 70 Prozent des Arbeitsentgelts für 24 bis 60 Monate, bei über 55-Jährigen bis zu 96 Monate; allgemeine Informationen zur finanziellen Hilfe bei der Einstellung, Ausbildung und Weiterbildung von Menschen mit Behinderungen hier. Die Broschüre "Schwerbehinderte Menschen im Betrieb“ berät Arbeitgeber umfassend, worauf sie bei der Einstellung von Menschen mit Behinderungen achten müssen.
  • Integrationsfachdienste: Sie bewerten die Fähigkeiten der Betroffenen und begleiten während der Ausbildung, auch bei Problemen. Sie unterstützen Betriebe außerdem bei der Suche und den Anträgen nach finanzieller Förderung und helfen durch den Dschungel der verschiedenen Fördereinrichtungen.
  • Unternehmen-Netzwerk Inklusion: Das Projekt der Bundesarbeitsgemeinschaft ambulante berufliche Rehabilitation berät kostenlos und deutschlandweit.
Nützliches zum Nachlesen:

Normale Beschäftigung plus zusätzliche Stolpersteine

Wer Menschen mit Behinderungen ausbildet oder beschäftigt, begegnet allen Herausforderungen klassischer Beschäftigungen – plus zusätzlichen Stolpersteinen. Das mussten Aaron Schacht und Konditormeisterin Angelika Schwob erfahren. Die Ausgangslage bei Schacht ist ähnlich wie bei Wild: Auch er ist 21 Jahre alt, auch er hat das Asperger-Syndrom, auch er weiß genau, was er werden will: Konditor. In einem ersten Betrieb war die Ausbildung gescheitert und der junge Mann hoffte, im Aachener Café Esser von Angelika Schwob seine Ausbildung fortführen zu können. Doch nach einigen Monaten kam es auch hier zu Reibungen. Der Termin für einen Jobcoach, der hätte Lösungen suchen sollen, kam zu spät.

Henning Sybertz bedauert das: "Hätten die Beteiligten rechtzeitig ein Signal gegeben, hätte man noch etwas tun können“, vermutet der Inklusionsberater der Handwerkskammer Aachen. Auch Schwob erkennt: "Wir hätten am besten gleich von Anfang an einen Jobcoach einschalten sollen. Noch ehe Probleme auftauchen."

Jobcoaches können bei Problemen helfen

Jobcoaches kommen von den Integrationsfachdiensten. Es sind Fachleute, die die Behinderungen einschätzen können und gemeinsam mit Betrieb und Betroffenen nach Lösungen für Probleme suchen.

Oft liegt die Ursache für Reibungen in der Kommunikation. Daniela Zeiler vom Unternehmens-Netzwerk Inklusion beobachtet, dass sich viele Arbeitgeber zwar vorab über potenzielle Probleme informieren. "Aber im Alltag vergisst man das, gerade, wenn man viel um die Ohren hat und vor allem, wenn die Behinderung nach außen nicht sichtbar ist." Verhaltensweisen des Betroffenen würden dann nicht mehr als Teil der Erkrankung, sondern als Teil der Persönlichkeit, als Provokation oder als Verweigerung gesehen. Nur durch klärende Gespräche könnten solche Unstimmigkeiten ausgeräumt werden. Bei diesen Gesprächen müsste immer das ganze Team einbezogen werden, rät Inklusionsberater Sybertz. "Auch die Gesellen draußen auf der Baustelle brauchen Hilfe. Sie sind es, die letztlich ausbilden.“

Vielleicht sieht auch deswegen Lukas Wilds erster Lehrherr Wolfram Lindner die Ausbildung positiv, obwohl Wild ihn nach der Gesellenprüfung wieder verließ. Er hatte sein Team von vier Mitarbeitern in die Entscheidung, Lukas Wild auszubilden, von Anfang an einbezogen. Alle zogen an einem Strang, Probleme wurden immer direkt angesprochen. "Und ich würde das jederzeit wieder so machen."

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