Gesundheit Umfrage: Viele Soloselbstständige durch Arbeit stark belastet

Unsichere Auftragslage, Zeitdruck und Arbeiten bis spät in die Nacht – Soloselbstständige sind bei ihrer Tätigkeit großen Herausforderungen ausgesetzt. Zudem gönnen sich viele kaum Erholungstage und wenig Urlaub. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Umfrage. Doch wie lässt sich das ändern?

Gestresste Maßschneiderin: Auch im Handwerk arbeiten viele Soloselbstständige. Laut einer Umfrage leiden vor allem jüngere Freiberufler unter einer hohen Arbeitsbelastung. - © Alliance - stock.adobe.com

Vor allem junge Soloselbstständige fühlen sich durch ihre Arbeit stark belastet. Das ist das Ergebnis einer Umfrage aus dem Frühjahr 2020 unter mehr als 800 Soloselbstständigen – also Freiberuflern ohne eigene Angestellte. Durchgeführt wurde die Studie vom Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IAG) für die Initiative Gesundheit und Arbeit (iga).

In der iga arbeiten gesetzliche Kranken- und Unfallversicherung zusammen. Ziel es ist, Präventionsansätze für die Arbeitswelt weiterzuentwickeln. In der aktuellen Studie wurde ausführlich das Thema Soloselbstständigkeit betrachtet. Demnach hängt die Arbeitsbelastung bei Soloselbstständigen auch mit der Dauer der Tätigkeit zusammen. Erfahrene Soloselbständige arbeiten zwar insgesamt länger. Die Jüngeren neigen aber oft zu extremen Arbeitszeiten und gestalten diese besonders flexibel.

Soloselbstständige nehmen deutlich weniger Urlaubstage

Hinzu kommt, dass Soloselbstständige laut der Umfrage deutlich weniger Urlaub nehmen als Festangestellte. Im Mittel nehmen Soloselbstständige 22,6 Urlaubstage im Jahr. Das ist deutlich unter dem Durchschnitt der Beschäftigten in Deutschland. Dieser lag laut Statistischem Bundesamt bei 30,9 Tagen im Jahr 2019, so die Studienmacher.

Fast jede zehnte befragte Person gibt zudem an, überhaupt keinen Urlaub zu nehmen. Die Anzahl der Urlaubstage nimmt mit den Jahren zu und ab dem 35. Lebensjahr wieder ab.

Viele Soloselbstständige können nach der Arbeit nicht abschalten

Auch in der Freizeit ist die Selbstständigkeit für die Befragten ein Thema. So denken die meisten zumindest gelegentlich an ihre Arbeit, was jedoch von zwei Dritteln nicht als belastend empfunden wird. Anders verhält es sich bei den jüngeren Selbstständigen. Etwa die Hälfte der 25- bis 34-Jährigen nehmen belastende Gedanken an die Arbeit mit in den Feierabend.

Bei der Mehrheit der Soloselbstständigen ist den Umfrageergebnissen zufolge trotzdem ein Bewusstsein für die eigene Gesundheit vorhanden. Im Alltag legen Soloselbstständige Wert auf eine gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung und die Pflege sozialer Kontakte. Ältere sind zwar nicht ganz so gesundheitsbewusst wie Jüngere, aber offenbar aktiver. Nur bei 18 Prozent der über 55-Jährigen fehlt nach der Arbeit die Energie für weitere Unternehmungen. Dagegen gibt fast jeder zweite der 19- bis 24-Jährigen an, sich nach dem Job nicht mehr zu Freizeitaktivitäten aufraffen zu können.

Die Ergebnisse der Studie im Überblick:

  • Arbeitstage und-stunden: Laut der Umfrage arbeiten Soloselbstständige durchschnittlich 5,4 Tage pro Woche. 42 Prozent der Soloselbsständigen arbeiten 41 Stunden und mehr.
  • Pausen: Für knapp zwei Drittel gibt es an einem durchschnittlichen Arbeitstag keine regelmäßigen Pausen.
  • Geschlechter: Soloselbstständige Männer arbeiten häufig mehr als Frauen. So ist der Anteil der Frauen, die weniger als fünf Tage in der Woche arbeiten, mit 19 Prozent doppelt so hoch wie der Anteil bei den Männern (neun Prozent).
  • Belastung: Die Arbeitszeitbelastung nimmt mit zunehmender Dauer der Soloselbstständigkeit zu. Befragte, die seit über 20 Jahren soloselbstständig sind, arbeiten am häufigsten mehr als 40 Stunden pro Woche (61 Prozent).
  • Erholungzeiten: Soloselbstständige nehmen sich weniger als einen Tag in der Woche Zeit für Erholung (0,62 Tage). Für 64 Prozent gibt es keine regelmäßigen Erholungstage. In ihrer Erholungszeit denken 84 Prozent der Befragten zumin-dest gelegentlich an ihre Arbeit, jede fünfte befragte Person tut dies sogar in mehr als der Hälfte der eigentlich freien Zeit
  • Urlaub: Im Durchschnitt nehmen Soloselbstständige nur 22,6 Urlaubstage im Jahr.
  • Gesundheit: Gesundheit spielt für Soloselbstständige während der Ausübung ihrer Tätigkeit eine wichtige Rolle: Mehr als die Hälfte gibt an, bei der Arbeit auf die eigene Gesundheit zu achten.
  • Herausforderungen: Die meisten Soloselbstständigen (84 Prozent) beschreiben Herausforderungen ihrer Tätigkeit, die sie als stressig erleben. Am häufigsten werden verschiedenste finanzielle Aspekte genannt (20 Prozent).
  • Krankheit: 86 Prozent der Umfrageteilnehmer geben an, schon einmal trotz Krankheit gearbeitet zu haben.

Quelle: iga.Report zum Thema Soloselbstständigkeit

Wie lassen sich die Belastungen für Soloselbstständige vermindern?

Als belastend empfinden viele Soloselbstständige auch das Thema Zeiteinteilung. Stress durch erschwertes Zeitmanagement und Termindruck stellt häufiger für diejenigen über 45 Jahre eine Herausforderung dar (durchschnittlich 22 Prozent) als für die Jüngeren im Alter von 19 bis 44 Jahren (durchschnittlich 13 Prozent), heißt es im Report. Insgesamt berichte jeder Fünfte von Schwierigkeiten beim Zeitmanagement. Zudem bestehe eine wichtige Herausforderung für diese Gruppe auch in der finanziellen Unsicherheit.

Als Schlussfolgerung der Ergebnisse schlagen die Studienmacher deshalb etwa Maßnahmen vor, die speziell auf die Besonderheiten Soloselbstständiger eingehen: "Die erschwerte Planbarkeit führt immer wieder zu Phasen mit hoher Arbeitsmenge, die ungewöhnliche und lange Arbeitszeiten erforderlich machen. Deshalb sollten Fortbildungen zum Thema Zeitmanagement und Organisation für alle Altersgruppen angeboten werden. Auch die Aufrechterhaltung oder das Erlangen einer guten Work-Life-Balance könnten thematisiert werden", heißt es im iga.Report.

Weitere Studienergebnisse und mögliche Präventionsansätze finden Interessierte im vollständigem iga.Report zum Thema Selbstständigkeit.

Wie viele Soloselbstständige gibt es im Handwerk?

Im Handwerk hat die Zahl der Soloselbstständigen stark zugenommen. Das zeigen Untersuchungen des Statistischen Bundesamtes, auf die der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) in einer gemeinsamen Mitteilung aus dem Jahr 2020 verweisen. Demnach ist die Zahl der Soloselbstständigen von 77.000 im Jahr 1994 auf 312.000 im Jahr 2017 angewachsen. Für einen starken Anstieg in diesem Bereich sorgte etwa die Novellierung der Handwerksordnung 2004, bei der für 53 Gewerke die Meisterpflicht wegfiel.