Derzeit empfehlen sich die Klassiker Lebens- und Rentenversicherung als Altersvorsorge nicht mehr für alle. Worauf Sie achten müssen.
Sabine Hildebrandt-Woeckel

Jahrzehntelang galten sie als Königsweg der Altersvorsorge: die Kapitallebensversicherung oder die private Rentenversicherung. In letzter Zeit mehren sich jedoch die schlechten Nachrichten. Die niedrigen Zinsen führen nicht nur dazu, dass die Gewinnbeteiligungen der Versicherten schrumpfen und der Garantiezins für Neuverträge ab 2015 von 1,75 auf 1,25 Prozent sinkt. Sie bringen auch die Versicherer selbst so in die Bredouille, dass jetzt sogar die Bunderegierung ein "Hilfspaket" auf den Weg bringen will. Die Beteiligung der Versicherten an den Bewertungsreserven, erst vor ein paar Jahren eingeführt, soll nun wieder gestrichen oder zumindest vorübergehend ausgesetzt werden.
Erneute Zinssenkung: Neuabschluss lohnt nicht
Viele Kunden sind verunsichert. Was heißt das eigentlich für die künftige Altersvorsorge? Sollen wir keine Lebensversicherungen mehr abschließen? Was passiert mit den Altverträgen? Und was sind die Alternativen? Wer hierzu Experten befragt, bekommt keine einfachen Antworten. "Es kommt immer auf die Einzelfallbetrachtung an", so Versicherungsberater Thorsten Rudnik.
Tendenziell lässt sich allerdings sagen, dass die meisten Verbraucherschützer und auch viele freie Berater Normalkunden bei einer erneuten Zinssenkung vom Neuabschluss abraten. "Wenn man die Garantiewerte zugrunde legt", erläutert Rudnik, "liegt die Rendite kaum über der Tagesgeldverzinsung." Nur diese Garantiewerte sind aber letztlich relevant. "Die Gewinnbeteiligung dagegen steht gänzlich in den Sternen" und darf darum auch niemals Entscheidungsgrundlage sein.
Garantierte Leistungen gravierend unterschiedlich
Dennoch, schränkt Rudnik ein, gäbe es durchaus Personengruppen, für die Lebensversicherungen auch heute noch erste Wahl seien: Arbeitnehmer beispielsweise, die in den Genuss einer betrieblichen Altersvorsorge und den damit verbundenen Steuervorteilen kommen. Und auch für Selbständige kann aus steuerlichen Gründen ein Rürup-Vertrag Sinn machen. Ganz wichtig sei es jedoch, auch in diesen Fällen sich vor Abschluss genau zu informieren: "Die garantierten Leistungen können nämlich gravierend unterschiedlich sein." Und gerade bei langen Laufzeiten machen sich kleine Renditeunterschiede am Ende massiv bemerkbar.
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Eine Einschätzung, die auch Evelyn Pickard von der Münchner Finanzberatung Svea Kuschel + Kolleginnen teilt. Anders als Rudnik spricht sich Pickard nicht grundsätzlich gegen den Neuabschluss von Lebens- und Rentenversicherungen aus – auch sie mahnt allerdings eine genaue Information und Beratung an. Lebensversicherungen haben für sie vor allem den Vorteil der sicheren Anlage.
Andere Standbeine sind wichtig
Wer sich stattdessen für zwar besser verzinste, aber riskante Anlageformen entscheidet, geht ein hohes Risiko ein. Zudem wird im Alter letztlich immer auch Liquidität benötigt. Mietfreies Wohnen, wie immer wieder von Versicherungsgegnern postuliert, nützt alleine also auch nichts. Allerdings, so ihr dringender Rat, sollte die Versicherung ohnehin immer nur eine Säule der Altersvorsorge sein. Als weitere Standbeine sind die selbstgenutzte Immobilien und das Vermögen im Depot "selbstverständlich zu empfehlen."
Einig sind sich die Experten bei der Frage, was mit bestehenden Verträgen passieren soll. Kündigungen, so auch Verbraucherschützer, sind allenfalls sinnvoll, wenn die Policen erst kürzlich abgeschlossen wurden und der garantierte Zinssatz unter 3 Prozent liegt. Langlaufende Verträge, vor allem wenn vor dem Jahr 2005 abgeschlossen wurde, sollten dagegen weitergeführt werden, denn sonst geht die für diese Policen noch geltende komplette Steuerfreiheit verloren. Wer das Geld dennoch anders investieren möchte, sollte dann lieber den alten Vertrag beitragsfrei stellen.
Erst Schulden tilgen – dann vorsorgen
"In meiner Beratung stelle ich immer wieder fest, dass versucht wird, Altersvorsorge zu betreiben, obwohl auf der anderen Seite Schulden bestehen. Deshalb mein dringender Rat, zunächst diese Schulden zu tilgen. Dann sollte vor der Altersvorsorge auch immer der notwendige Versicherungsschutz im Mittelpunkt stehen. Erst wenn alle existenzbedrohenden Risiken abgedeckt sind, sollte und darf an Altersvorsorge gedacht werden." Versicherungsberater Thorsten Rudnik
Risiko und Altersvorsorge trennen
"Wer eine private Renten- oder Lebensversicherung abschließt, sollte die Policen zur Altersvorsorge von der Risikoabsicherung für Angehörige trennen. Dies reduziert die Kosten für die Altersvorsorge und hat den Vorteil, dass die Risikolebensversicherung immer an die Gegebenheiten angepasst werden kann. Gibt es beispielsweise bei einer Betriebsgründung hohe Schulden, kann zunächst eine Versicherungssumme gewählt werden, die dann im Laufe der Jahre reduziert wird." Finanzberaterin Evelyn Pickard

