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Übermüdete Chefs tun sich nichts Gutes Schlafmangel: Teuer und gefährlich

Schlafmangel ist kein kleiner Schönheitsfehlfer im Befinden, es ist ein massives Problem. Eine Studie zeigt, dass der deutschen Wirtschaft durch übermüdetes Personal jährlich 56 Milliarden Euro verloren gehen. Und: Wer im Durchschnitt weniger als sechs Stunden schläft, hat eine höhere Sterblichkeitsrate. Wie Chefs damit umgehen und was jeder für besseren Schlaf tun kann.

Zu wenig Schlaf ist laut Wissenschaftlern ein echtes Gesundheitsrisiko: Wer im Durchschnitt weniger als sechs Stunden schläft, hat eine höhere Sterblichkeitsrate. Dies zeigt eine aktuelle Studie der Denkfabrik Rand Europe. Dazu kommt: Der ungesunde Schlafmangel macht unproduktiver und kostet die deutsche Wirtschaft jährlich etwa 56 Milliarden Euro.

Schlafmangel führt zu Unproduktivität

Als gesunde, tägliche Schlafdauer werden sieben bis neun Stunden Schlaf pro Nacht genannt. Eine Person, die im Schnitt weniger als sechs Stunden pro Nacht schläft, besitzt laut Studie ein 13 Prozent höheres Sterblichkeitsrisiko als jemand, der sechs bis neun Stunden schläft, erklären die Forscher. Bei Schlafzeiten zwischen sechs und sieben Stunden täglich ist die Sterblichkeitsrate noch sieben Prozent höher.

Dass die Schlafdauer immer weiter zurückgeht, liegt laut der Studie an den Bedingungen, die mit der modernen Gesellschaft einhergehen: Psychologischer Stress, Alkoholkonsum, Rauchen, weniger Sport und exzessives Nutzen der elektronischen Medien. Dabei ist der Schlaf für die Gesundheit, die Produktivität und das gesamte Wohlbefinden des einzelnen Menschen essentiell. Ein Mangel an Schlaf wirkt sich dementsprechend auch negativ auf die Gesundheit und den Erfolg im Arbeitsleben aus.

USA Spitze im Schlafmangel

Insgesamt verliert Deutschland durch übermüdetes Personal etwa 200.000 Arbeitstage pro Jahr. Zum Vergleich: Spitzenreiter ist die USA mit etwa 386 Milliarden Euro Verlust jährlich, das sind etwa 1,2 Millionen Arbeitstage. Großbritannien verliert hingegen nur 47 Milliarden Euro und 200.000 Arbeitstage. In Kanada gibt es die geringsten Verluste mit 20 Milliarden und 80.000 Arbeitstagen.

Würden alle Person, die vorher weniger als sechs Stunden geschlafen hat, ab sofort zwischen sechs und sieben Stunden schlafen, könnte sie der deutschen Wirtschaft etwa 32 Milliarden hinzufügen.

Mit dem Schlaf werden Eindrücke des Tages sortiert

Für Wissenschaftler war lange ein Rätsel, wozu Schlaf überhaupt nütze ist. "Inzwischen wissen wir, dass Schlaf für das Gehirn wie eine Reinemachekraft wirkt. Dabei werden die Eindrücke des Tages sortiert und memoriert, gleichzeitig werden toxische Stoffe abgebaut, die im späteren Alter Demenz auslösen", sagt Natalie Dautovich, Professorin an der Virginia Commonwealth University, der "Welt". Dabei komme es nicht nur auf die Schlafdauer an, sondern auch auf die Qualität. "Schlaflose kommen in eine gefährliche Spirale. Je übermüdeter die Menschen sind, umso weniger nehmen sie die Übermüdung als Problem wahr."

Tipps, um den Schlafmangel abzubauen

Die Studienautoren geben auch Tipps, wie sich der Schlafmangel abbauen lässt. Demnach sollte man den Wecker möglichst immer zur gleichen Zeit stellen. Schädlich sei es, kurz vorm Zubettgehen das Handy oder den Computer zu nutzen. Das bläuliche Licht der Monitore würde den Körper in Aktivzustand bringen und das Schlafhormon Melatonin reduzieren. Außerdem könnten aufwühlende Inhalte die Schlafqualität beeinträchtigen. Dasselbe gilt für den Konsum von Koffein, Nikotin oder Alkohol am späten Abend.

Auch für Arbeitgeber haben die Autoren Tipps bereit. So sollten die Mitarbeiter möglichst nicht dazu angehalten werden, nach Feierabend noch Mails zu lesen oder andere Dokumente zu bearbeiten, denn Arbeitnehmer sollten auch mal Feierabend haben dürfen. Am besten wären festgelegte Zeiten, in denen keine Kommunikation stattfindet. Darüber hinaus sollten Arbeitsplätze heller gestaltet werden.

Schlafmangel durch Beruf

In manchen Berufen gehört Schlafmangel oder zumindest ein verquerer Schlafrhythmus zum Berufsbild. So bei Bäckern. Auch Karl Breu kennt sich mit Müdigkeit aus. Nachts, wenn andere schlafen, steht er in seiner Back­stube. Der Bäckermeister aus dem niederbayerischen Altdorf nimmt es mit Humor: "Ich schlafe immer in zwei Etappen. Damit komme ich meist auf sechs Stunden Schlaf. Müde bin ich trotzdem immer“, gesteht er lachend.

Ein Drittel der über 16-Jährigen in Deutschland sagt von sich selber, dass sie regelmäßig unter Ermüdungserscheinungen leiden. Was das für den Einzelnen bedeutet, ist nach wie vor Inhalt von Forschung. In einer Leitlinie hat die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (degam) genauer definiert, ab wann "normale Müdigkeit" Krankheitswert hat.

Bei den wenigsten Menschen sind ungünstige Arbeitszeiten schuld an ihrer Erschöpfung. "15 bis 20 Prozent sind stressbedingt“, erklärt Heino Lisker, leitender Arzt der Psychosomatik an der Max-Grundig-Klinik im Schwarzwald.

Dr. Heino Lisker
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17 Stunden am Stück wach wie 0,5 Promille

Wer keinen oder zu wenig Schlaf bekommt, bezahlt dies mit deutlichen Einbußen an seiner Leistungsfähigkeit: "Erinnerungsvermögen, Konzentration, Aufmerksamkeit, der gesamte Werkzeugkasten des Gehirns verlangsamt sich. Wer mehrere Tage nicht schläft, wird psychotisch, das heißt: Er verliert den Realitätsbezug“, beschreibt Lisker die Folgen.

Amerikanische Wissenschaftler haben in Studien herausgefunden, dass ein Mensch, der 17 Stunden lang nicht geschlafen hat, sich verhält, als hätte er 0,5 Promille Alkohol im Blut. Das betrifft jeden, der morgens um sechs Uhr aufgestanden und der abends um 23 Uhr noch wach ist. Nach 24 Stunden ohne Schlaf entspricht sein Verhalten 1,0 Promille.

Die unter stressgeplagten Menschen verbreitete Ansicht, Schlaf sei Zeitverschwendung und ließe sich durch ausreichend Kaffee oder sogar Aufputschmittel ersetzen, ist falsch. Die Mittel dämpfen zwar die Einschlafneigung, trotzdem ist der Mensch unkonzentriert, macht Fehler und hat ein höheres Unfallrisiko.

Zudem erkranken müde Menschen eher als Ausgeschlafene, da auch das Immunsystem nur auf Sparflamme arbeitet. Es ist also eine Investition ins eigene Unternehmen, wenn der Chef sich genügend Schlaf gönnt.

Bäckermeister Karl Breu hat in den 30 Jahren seiner Berufstätigkeit sein Schlafgleichgewicht gefunden. Mit den zwei Schlafeinheiten pro Tag bleibt er leistungsfähig, auch wenn er sich chronisch müde fühlt. Die Müdigkeit hat aber auch einen Vorteil: "Wenn ich mich ins Bett lege, dann schlafe ich ruckzuck – tief und fest.“

7 Tipps für einen besseren Schlaf

  1. Das Schlafzimmer dient ausschließlich zum Schlafen – einzige Ausnahme: Sex. Alles andere, lesen, arbeiten, streiten, nachdenken, sollte hier nicht stattfinden. Optimal zum Schlafen ist ein kühler, abgedunkelter und ruhiger Raum mit frischer Luft.
  2. Ein regelmäßiger Essens- und Schlafrhythmus, der auch am Wochenende eingehalten wird, hilft dem Körper, in den Schlaf zu finden. Wer nachts schlecht schläft, sollte sich tags besser gar nicht, im Notfall aber höchstens 20 Minuten lang und nicht nach 15 Uhr hinlegen.
  3. Grundsätzlich stören schwere Mahlzeiten am Abend den Schlaf. Übergewichtige neigen außerdem eher zu Schlafapnoe, nächtlichen Atemaussetzern, die die Schlafqualität stark beeinträchtigen.
  4. Koffein, Alkohol und Nikotin sind Wachmacher. Vier bis acht Stunden vor dem Zubettgehen sollte man ganz auf Kaffee, schwarzen oder grünen Tee und Cola verzichten und nicht mehr rauchen. Obwohl viele Menschen Alkohol trinken, um abends besser abzuschalten, beeinträchtigt er die Schlafqualität und sollte nicht als „Schlafmittel“ eingesetzt werden.
  5. Bewegung am Tage, idealerweise draußen in hellem Licht, fördert den Schlaf. Sport darf allerdings nicht überfordern, insbesondere nach 18 Uhr führt übertriebene Aktivität eher zu Schlafstörungen.
  6. Zwischen dem Schlafengehen und der Arbeit sollte ein Zeitpuffer liegen, in dem die Gedanken zur Ruhe kommen können. Gelingt dies nicht, hilft es, sich Gedanken aufzuschreiben.
  7. Licht ist ein Muntermacher. Wer nachts aufstehen muss, sollte nur gedämpftes Licht anmachen. Wer wach im Bett liegt und nicht wieder einschlafen kann, steht besser auf und sucht sich eine ruhige Aktivität in einem anderen Raum. Erst wenn man das Gefühl hat, einschlafen zu können, kehrt man ins Bett zurück.

Das passiert im Schlaf

Schlaf ist für den Menschen überlebenswichtig. Der tägliche Schlafbedarf eines gesunden Erwachsenen beträgt zwischen fünf und zehn Stunden. Er lässt sich nicht durch "Training“ reduzieren.

Während des Schlafs findet nicht nur eine körperliche Erneuerung auf Zellebene statt, sondern auch ein psychischer Prozess in der Traumphase, der für den seelischen Ausgleich wichtig ist. Erlebtes vom Tag, aber auch langfristige Themen werden in dieser Zeit bearbeitet.

Am intensivsten träumt der Mensch in der REM-Phase, die rund 25 Prozent der Schlafzeit eines Erwachsenen einnimmt. REM steht für Rapid Eye Movement und beschreibt die starke Aktivität der geschlossenen Augen in dieser Traumphase, während die restlichen Muskeln des Körpers erschlaffen.

Von Schlafstörungen spricht man, wenn ein Mensch einen Monat lang an drei Tagen in der Woche mindestens eines der drei folgenden Probleme hat: Er braucht nach dem Zubettgehen länger als 30 Minuten zum Einschlafen, er wacht überdurchschnittlich oft nachts auf und liegt dann lange wach oder er erwacht morgens zu früh und kann nicht wieder einschlafen. Es gibt auch Menschen, die objektiv schlafen, deren Schlaf aber nicht erholsam ist.

Zum Thema "nicht erholsamer Schlaf" und "Schlafstörungen" hat die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung (DGSM) eine Leitlinie herausgegeben.

bst/aro
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