Im Handwerk ist die durchschnittliche Bezahlung besser als ihr Ruf, zeigt eine Studie. Doch die Spanne zwischen Minimum und Maximum ist groß, mit entsprechenden Folgen.

Das Handwerk leidet seit Jahren unter Fachkräftemangel. Gleichzeitig hat es den Ruf, schlecht zu bezahlen. Ob das wahr ist, und welche Rolle die Vergütung beim Fachkräftemangel spielt, hat eine Befragung des Ludwig-Fröhler-Instituts (LFI) für Handwerkswissenschaften ermittelt. "Seit zwei, drei Jahren kann man das Thema Entlohnung nicht mehr wegdrücken", stellt Andrea Greilinger fest.
Die stellvertretende Geschäftsführerin am LFI hat in den vergangenen Monaten fast 20.000 Betriebe in Ostbayern angeschrieben, um zu erfahren, welche Vergütungsmodelle sie anwenden, wie viel sie bezahlen und welche Anreize sie zudem bieten, um Mitarbeiter zu finden und zu halten.
Der Schreiner und Holzbauingenieur Thomas Hierbeck ist einer von gut 1.000 Unternehmern, die Greilinger geantwortet haben. 24 Mitarbeiter hat der Obermeister der Schreinerinnung Deggendorf. Sie erhalten bei ihm Tariflohn, außerdem zusätzliche Leistungen, beispielsweise für Fahrzeiten. "Alles darüber hinaus ist verhandelbar", zeigt sich der 50-Jährige aus Schöllnach offen für Mehr – bei entsprechenden Leistungen.
Mit dieser Bezahlung steht Hierbeck innerhalb der Schreinerbranche gut da, weiß er nun dank Greilingers Auswertungen. Dennoch ist er unzufrieden. Als erster Vorsitzender der AGU Arbeitsgemeinschaft für Unternehmensführung versucht er über Gewerkegrenzen hinweg das Handwerk voranzubringen: "Es ist erschreckend, dass bei manchen Schreinerkollegen noch nicht einmal die tarifliche Lehrlingsvergütung gezahlt wird", sagt er.
Abwanderung droht, wenn Bezahlung zu niedrig ist
Im Schnitt 810 Euro Azubivergütung im ersten Lehrjahr gaben die Befragten an, im dritten Lehrjahr durchschnittlich etwa 1.000 Euro. Das liegt jeweils hundert Euro unter Tarif. Damit sei die Abwanderung aus dem Betrieb und vielleicht auch aus der Branche programmiert, befürchtet Hierbeck. Schreiner seien am Arbeitsmarkt heiß umworben, weil universell einsetzbar. Theoretisch habe zwar der seit April gültige Tarifvertrag das Gehaltsniveau im Schreinerhandwerk auf ein angemessenes Niveau gehoben. "Die Frage ist nur: Wer hält sich daran?", überlegt Hierbeck.
Greilingers Befragungen bestätigten eine gewaltige Lohndifferenz über alle Qualifikationsstufen hinweg. Manche Schreinergesellen erhalten laut der Studie 3.500 Euro brutto, andere ganze 1.000 Euro weniger. Bei Meistern liegen fast 2.000 Euro zwischen dem Minimalverdienst von 3.000 und dem Maximalverdienst von 4.950 Euro.
Noch extremer ist die Spanne im Kfz-Handwerk. Schlechter verdienende Gesellen in der Kraftfahrzeugtechnik lagen bei 1.920 Euro brutto, die Bestverdiener bei 4.600 Euro. Die Spanne in den Meistern lag zwischen 2.500 Euro und 6.000 Euro.
Im Durchschnitt, so eine wichtige Botschaft der Studie, stehen die Vergütungen im Handwerk anderen Wirtschaftszweigen nicht nach. "Pauschalaussagen, der Verdienst im Handwerk wäre ungenügend, kann ich nicht zustimmen. Es kommt auf den individuellen Arbeitgeber und dessen Zahlungsbereitschaft an", verweist Andrea Greilinger auf die starken Spreizungen in den Löhnen. Wegen des Fachkräftemangels böten viele Handwerksbetriebe ein sehr attraktives Vergütungsniveau, gerade für Azubis und frisch Ausgelernte. Das wirke sich nachweislich auf die Personalsuche aus. "Mit steigendem Stundenlohn verringert sich die durchschnittliche Vakanzzeit", bestätigt Greilinger nach Auswertung der Antworten.
Jobwechsel meist wegen Bezahlung
Zwar zeigt eine frisch von der Managementberatung McKinsey veröffentlichte Studie, dass infolge der Wirtschaftsflaute die Arbeitsplatzsicherheit aktuell wieder schwerer wiegt als das Gehalt; nur noch 18 Prozent der Beschäftigten erwägen für das kommende Jahr einen Jobwechsel, halb so viele wie noch 2023. Aber: Die Vergütung bleibt mit 42 Prozent weiter der Hauptgrund, den Arbeitgeber zu verlassen.
Auch deswegen zahlt Hierbeck freiwillig übertariflich. Er warnt seine Kollegen, sich bei der Fachkräftesuche nur auf den Reiz des Materials und der schönen Arbeit zu verlassen. Zwar erfreue sich sein Gewerk seit Jahren großer Beliebtheit, die Ausbildungszahlen bei den Schreinern in Ostbayern seien erfreulich stabil. "Aber auch das Geld und die Arbeitsbedingungen müssen passen", ist der Obermeister überzeugt. "Die Leute entscheiden sich bewusst für einen Betrieb. Sie schauen, ob er interessante Aufträge hat, wie das Betriebsklima ist, welchen Führungsstil der Chef hat, ob zum Beispiel eigenes Werkzeug und Firmenkleidung zur Verfügung gestellt werden und letztendlich, was bezahlt wird", zählt Hierbeck Faktoren der Arbeitgeberattraktivität auf.
Schon im Berufsgrundschuljahr stattet der Familienunternehmer deswegen seine angehenden Azubis mit Firmenshirt und Meterstab aus, sodass sie sich ihm zugehörig fühlen, noch ehe sie überhaupt im Betrieb anfangen. "Natürlich arbeiten wir Handwerksunternehmer alle, um Geld zu verdienen und damit die Firma prosperiert", verweist er auf die betriebswirtschaftliche Rentabilität. "Aber die Mitarbeiter müssen mitgenommen werden."