Zwischen Boomer-Soli, Generationenkonflikt und Work-Life-Balance: Die Renten-Debatte bei "hart aber fair" war ein Spiegelbild des Systems selbst – verworren, unstrukturiert und ohne echte Lösungen. Nur eine Unternehmerin brachte Klarheit ins Chaos und hielt der Politik den Spiegel vor.

An einer Stelle des "hart aber fair"-Talks, die Zeit war schon ein wenig vorangeschritten, platzte Clara Hunnenberg ein klein wenig der Kragen. Wo eigentlich all die Politiker seien, die uns die Rentenmisere eingebrockt hätten, fragte die Chefin eines Betriebs für Bodenbeläge und Teppich-Kettelei aus Düsseldorf erbost. Und legte nach: "Die werden gar nicht in Verantwortung gezogen. Es geht darum, wie können wir es auf die jungen Leute umlegen oder wie können die alten Leute es untereinander verteilen. Gleichzeitig wurde schon benannt, dass schon seit mehreren Jahren und Jahrzehnten bekannt ist, dass dieses Problem auf uns zukommt." Damit hatte sie einen großen Punkt gesetzt, denn die Debatte um die Rente schwelt seit Langem.
Schon in den 1990er-Jahren warnte man landauf landab vor den Zeiten, in denen die Babyboomer in Rente gehen würden. Also dem Problem, welches nun unmittelbar bevorsteht. Doch geschehen ist bislang wenig, was die Rente wirklich zukunftssicher aufgestellt hätte. "Wenn bei uns ein Problem ist, dann müssen wir dafür geradestehen", ergänzte Hunnenberg noch. "Wenn wir am Ende des Jahres keine Gewinne erwirtschaften, dann bekommen wir keine Kredite mehr, dann zahlen wir uns keine Tantieme aus", beschrieb sie die Lage in der freien Wirtschaft. "Das fehlt mir so ein bisschen in der Politik, zu sagen: wo können wir eigentlich mal bei uns gucken, wie wir dazu beitragen, dass die Bevölkerung nicht so stark belastet wird." Ein Appell an die – auch persönliche – Verantwortung der Politik, der aber in der Runde nur wenig Spuren hinterließ.
Jung gegen Alt: Wenn Angst vor Wählerverlust regiert
Denn die Rentendebatte ist wie kaum eine zweite eben nicht von verantwortlichem Handeln, sondern von der Angst der Politik geprägt, es sich mit einer der verschiedenen Anspruchsgruppen mit ihren unterschiedlichen Interessen zu verscherzen. Dass dabei meist die Rentner, eine große und an der Wahlurne aktive Gruppe, besser davonkommen als die Jungen, gehört auch zur Wahrheit. Und so war auch die Diskussion bei "hart aber fair" geprägt von der Auseinandersetzung zwischen "den Jungen" und "den Alten". Letztere vertrat, ganz im Duktus der SPD, der Bremer Bürgermeister Andreas Bovenschulte. Dabei versuchte er, sich den Anschein des neutralen Mittlers zu geben. Für die jüngere Generation saßen zwei Vertreter auf dem Podium: der Bundestagsabgeordnete und Enkel von Helmut Kohl, Johannes Volkmann (CDU), Mitglied der Jungen Gruppe der Unionsfraktion, und Quentin Gärtner, Grünen-Mitglied und Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz.
Oft ging es zwischen Bovenschulte und Volkmann hin und her, allerdings mit den bekannten Argumenten. Bovenschulte konzentrierte sich darauf, eine auskömmliche Rente zu fordern, also die Haltelinie von 48 Prozent zu verteidigen. Volkmann forderte, den sogenannten Nachhaltigkeitsfaktor beizubehalten, der dafür sorgt, dass die Renten nicht so schnell oder sogar noch schneller als die Erwerbseinkommen steigen, und den Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) mit ihrer Reform durch die Einführung der Haltelinie ausschalten will. Ein wenig dazwischen saß Gärtner, der für seine junge Generation einforderte, dass der Staat sie fördern solle, dann würde sie auch all die Probleme meistern, die ihr aufgebürdet würden. So engagiert und beredt Gärtner auf dem Podium war, seine Argumente wurden allerdings durch die Schwerpunktsetzung gerade der jungen Generation auf Themen wie Viertagewoche und Work-Life-Balance von der Realität ein wenig konterkariert.
Boomer-Soli: Umverteilung aus der Mottenkiste
Zwischendurch ging es dann noch um die Vorschläge des Ökonomen Marcel Fratzscher. Der hatte jüngst mit seiner Forderung nach einem sogenannten Boomer-Soli, also einer Sonderabgabe für die sogenannten Babyboomer, für Aufsehen gesorgt. Sein Vorschlag: einkommensstarke Babyboomer sollen damit einkommensschwächere Rentner unterstützen, ohne Mehrbelastung für die junge Generation. Er verteidigte seine Idee im Wesentlichen mit den Argumenten, die Jungen nicht noch mehr belasten zu wollen und stattdessen damit, dass Menschen mit hohen Renteneinkünften mehr Verantwortung übernehmen sollen. Da kamen schnell wieder die alten Sprüche aus der Umverteilungs-Mottenkiste zur Sprache. Dass es in vielen Fällen durchaus einen Grund hat, warum Menschen höhere oder niedrigere Renten beziehen – von beizeiten begonnener privater Vorsorge bis zum teils entbehrungsreichen Erwerb einer Immobilie – blendete Fratzscher dabei erneut aus. Mit Umverteilung lässt sich in Deutschland schließlich immer argumentieren. Aber auch dieses Thema wurde nur gestreift, wie so viele andere in der etwas unstrukturierten Talkshow eben auch.
Aktivrente im Realitätscheck

Beim Thema Aktivrente gab es dagegen weitgehend Einigkeit. Der Großteil der Runde hielt es für eine gute Idee, dass Menschen jenseits des Renteneintrittsalters einen Anreiz haben, durch einen großzügigen Steuerfreibetrag weiterzuarbeiten. Wasser in den Wein goss ausgerechnet Unternehmerin Hunnenberg, die aus der Praxis berichtete. Teppiche zu ketteln sei eine Arbeit, die viel Know-how benötige, erklärte sie. Man müsse hinsichtlich eines Renteneintritts mit 67 oder später realistisch sein: "In einem handwerklichen Beruf, den die Leute im Normalfall nach der zehnten Klasse mit der Ausbildung beginnen, ist es schon eine sehr harte körperliche Belastung, zusätzlich so lange zu arbeiten." Man müsse vielmehr gucken, wie man die Belastung mit zunehmendem Alter reduzieren könne, etwa indem man aus jemandem, der täglich mit anpackt, jemanden mache, der junge Leute schult.
Sollte heißen: Quereinsteiger können nicht mal schnell mit Mitte 60 anspruchsvolle handwerkliche Tätigkeiten erlernen – und diejenigen, die seit Jahrzehnten diesen körperlichen Tätigkeiten nachkommen, können schwerlich über die Altersgrenze hinaus arbeiten. Letztlich war das der Praxischeck für die Aktivrente aus Sicht des Handwerks und aus Sicht von Berufsbildern, in denen körperlich gearbeitet wird – und er fiel nicht gerade positiv aus. Weil zudem häufig Menschen aus gutbezahlten Berufen ohne körperliche Belastung die vorgezogene Rente mit 63 oder bald 65 in Anspruch nehmen, schien das ganze System plötzlich verworren angesichts dieses Eintauchens in die Realität. Wahrscheinlich war dies aber auch der Eindruck, der den Zustand der Rente am treffendsten wiedergibt.
Jung gegen Alt – wer noch einen Beweis wollte, dass dies die Konfliktlinie bei der Rente ist, der bekam ihn in dieser "hart aber fair"-Sendung. So respektvoll der Streit ausgetragen wurde, so sachlich die Probleme angesprochen wurden – am Ende wird wohl irgendeine Anspruchsgruppe in den sauren Apfel beißen müssen. Die Junge Gruppe der Unionsfraktion hat angekündigt, im Bundestag gegen Bas‘ Rentenreform stimmen zu wollen. 18 Stimmen hat die Gruppe, nur zwölf Stimmen beträgt die Mehrheit der Koalition. Rechnerisch könnte die Gruppe also die Reform blockieren, doch dass es wirklich zum Showdown kommt, ist eher unrealistisch.
Am Ende fehlt es dann doch, ganz wie es Unternehmerin Hunnenberg ausgedrückt hatte, an der persönlichen Verantwortung der Politik. Und der Wille zur Macht dürfte sich auch hier durchsetzen.
>> Zur Sendung von "hart aber fair": Aufstand der Jungen: Wird die Rente unbezahlbar?