Im Saudi-arabischen Mekka steht die größte Turmuhr der Welt. Gebaut hat sie Perrot Turmuhren und Läuteanlagen aus dem schwäbischen Calw.
Von Christina Geimer
Die islamische Pilgerfahrt Haddsch nach Mekka unternehmen jedes Jahr Millionen Muslime. Ihre täglichen fünf Gebete wollen sie an der Großen Moschee sprechen – und zwar pünktlich. Wie spät es ist, lesen sie an einer Turmuhr des Handwerksbetriebs Perrot aus Calw in Baden-Württemberg.
In 426 Meter Höhe ragt die Turmuhr über einer der drei heiligen Stätten des Islam. Der Uhrenturm des volumenmäßig größten Gebäudes der Welt ist mit 601 Meter fast doppelt so hoch wie der Eiffelturm.
Mit einem Projekt dieser Dimension hatte der Mittelständler Perrot bis zu dem Auftrag aus Saudi-Arabien keine Erfahrung. Obwohl er seine Uhren bereits in 40 Länder exportiert. Seine größte Konstruktion in der 150-jährigen Firmengeschichte war eine Turmuhr mit einem Durchmesser von zwölf Metern in Brasilien. Doch ein anderer Baden-Württemberger, der Architekt Bodo Rasch aus Leinfelden-Echterdingen, der das Gebäude für die King-Abdul-Aziz-Stiftung plant, setzte Vertrauen in ihn.
Als Rasch 2006 Perrot für den Auftrag gewinnen wollte, ging es noch um eine Uhr in der Größe von 16 Metern. Doch mit dem Turm des 5-Sterne-Hotels „Makkah Clock Royal Tower“ der Fairmont-Kette wuchs auch die Dimension, die die Uhr an der Spitze haben sollte. Schließlich konstruierten die Schwaben eine Turmuhr mit Ziffernblättern von 43 Metern Länge. Das ist mehr als fünfmal so viel wie die größte deutsche Turmuhr am Hamburger Michel. Zehn der 30 Mitarbeiter von Perrot haben zwei Jahre lang an der Uhr gearbeitet.
Mehr als 100 Jahren...
...soll die Turmuhr funktionieren, so wünschen es sich die Bauherren des saudischen Königshauses. „Die saudischen Kunden verbinden mit ,made in Germany‘ eine hohe Qualität und lange Lebensdauer“, sagt Johannes Perrot. Der Geschäftsführer der Perrot Turmuhren und Läuteanlagen setzte auf sein bewährtes Betriebsrezept: Perrot konstruiert die Anlage für eine stärkere Belastung, als sie tatsächlich ausgesetzt ist. „Ist die Anlage gut dimensioniert, wird sie nicht so stark beansprucht und hält länger.“
Haltbarkeitstest über ein Jahr
Perrot Zeiger
Eine Haltbarkeitsprobe für eine Turmuhr in dieser Höhe sind die Windgeschwindigkeiten: Jeder Antrieb hat ein Gewicht von 21 Tonnen, um die 7,5 Tonnen schweren Zeiger zu bewegen. Ein knappes Jahr lang testete Perrot diese extremen Windbedingungen.
Der Uhrenhersteller, den die drei Geschäftsführer Christoph, Johannes und Andreas Perrot in fünfter Generation führen, verfügten nicht über die Maschinen, um alle Teile in der benötigten Größe anzufertigen. Die passenden Zahnräder für die Konstruktion konnte der Uhrenhersteller nicht selbst produzieren. Deswegen holte er den baden-württembergischen Zahnradfabrikanten Kownatzki ins Boot.
„Als Vater und Sohn Perrot zu uns kamen, war vom ersten Moment an klar, dass wir zusammenpassen“, lobt Michael Kownatzki die Zusammenarbeit.
Für den Zahnradhersteller war die Größe der Stücke kein Problem, da der Hersteller Fertigungen von bis zu zwei Meter Durchmesser bietet. Für jedes der Getriebe lieferte er rund zwölf Zahnräder mit einem Durchmesser von bis zu 1,2 Meter aus einer speziellen Schmiedebronze.

Perrot Antrieb
Aus acht Kilometern lesbar
Noch in acht Kilometern Entfernung soll die Zeit aus allen vier Himmelsrichtungen lesbar sein. Perrot produzierte für die vier Seiten des Uhrenturms Ziffernblätter mit einer Länge von 43 Metern. Die zugehörigen Minutenzeiger messen 22 Meter und die Stundenzeiger 17 Meter. Damit die Zeiger in Bewegung kommen, benötigen sie jeweils einen eigenen Motor, denn jeder wiegt 7,5 Tonnen. Solarstrom vom Dach soll bald die Antriebe speisen.
Die Zeiger hat Perrot so konstruiert, dass sie von innen begehbar sind. So können die rund 600.000 Leuchtdioden (LEDs) an der Oberfläche einfach gewartet werden. Bei Nacht sorgen die LEDs für die Sichtbarkeit für bis zu acht Kilometer Entfernung. Ausgetüftelt hat die Leuchtinstallation die Bartenbach Lichtgestaltung aus Innsbruck. Johannes Perrot schätzt die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Partnern: „Das Projekt ist für uns in vieler Hinsicht ein Know-how-Gewinn.“ Auch für Gewitter haben die Konstrukteure vorgesorgt...
... Ein Blitzableitersystem schützt die Turmuhr vor den rund 400 Blitzen, die den Turm jährlich treffen. Die Teleskopstäbe fahren automatisch aus, wenn Detektoren bestimmte Grenzwerte ermitteln.
Mekka: Kein Zutritt
In Betrieb wird Perrot seine Turmuhr jedoch nie live sehen, da die Stadt Mekka nur für Muslime zugänglich ist. Deswegen übernahm die Firma Cimtas aus Istanbul den Aufbau. Die Mitarbeiter kamen mehrmals nach Calw zur Schulung und bauten ein Viertel der Turmuhr zur Probe gemeinsam in Dubai auf. Zusätzlich beauftragte Perrot einen marokkanischen Ingenieur, der die Turmuhr bis heute betreut und wartet.
Im August 2011 weihte König Abdul Aziz von Saudi-Arabien das Werk ein. Der Uhrenturm soll künftig eine internationale Aufgabe übernehmen. Als Teil des Universal Time Coordinated (UTC) in Paris soll er das Zeitsignal für den arabischen Raum senden. Zur genauen Messung laufen im Zeitinstitut parallel fünf Cäsiumuhren, deren Durchschnitt die Turmuhr anzeigt.
Die Auftraggeber sind sich der historischen Dimension bewusst und ließen gleich ein fünftes Getriebe anfertigen, das im Museum des Hotelturms steht. Die Unternehmer hoffen, dass künftig weitere Auftraggeber aus dem Nahen Osten in Handwerksleistung „made in Germany“ investieren.
