Die Schreinerei Holitsch aus Tettnang kümmert sich um mehr als ihre Geschäfte. Maßstab für ihr Engagement sind die Menschen in der Heimat.
Frank Muck
Alexander Lanz redet frei von der Leber weg. Der Schreinermeister und Geschäftsführer der Schreinerei Holitsch aus Hiltensweiler ist offen, präsentiert sich gern und ist schon gar nicht auf den Mund gefallen. Wenn ihm eins nicht schwerfällt, dann ist es die Pflicht, sich und sein Unternehmen zu präsentieren. Ohne Werbung geht es nicht, weiß Lanz. Schon gar nicht, wenn man am hintersten Weiler der Stadt Tettnang, nordöstlich von Friedrichshafen am Bodensee, weit abgeschnitten von allen städtischen Aktivitäten, sein unternehmerisches Leben fristet.
Engagement über das normale Maß hinaus
Anders als es vielleicht klingen mag, haben die Männer und Frauen von Holitsch trotzdem großen Erfolg in der Provinz. Und das nicht nur bei ihren Produkten. Denn im vergangenen Jahr hielten verschiedene Institutionen die Firma Holitsch für preiswürdig. Vom baden-württembergischen Wirtschaftsministerium gab es den Preis für soziale Verantwortung, von der Handwerkskammer Ulm gab es den Zukunftspreis und vom Bundeswirtschaftsministerium gab es den Sonderpreis beim Ausbildungs-Ass.
Ganz schön viel Lob und Auszeichnung für einen Betrieb. Gewonnen haben Lanz und seine Mitarbeiter die Preise, weil sie sich, wie meist bei Preisträgern, über das normale Maß hinaus engagieren – sozial, ökologisch und nachhaltig. Doch wie bei vielen anderen Handwerksbetrieben bleibt den Tettnangern gar nichts anderes übrig, als sich auch um die Belange ihrer Mitarbeiter und die der Menschen um sie herum zu kümmern. Denn am Ende sind die Probleme der Menschen auch die Probleme des Unternehmens.
Ein neuer Dorfladen soll die Ortschaft bereichern
Zum Beispiel dann, wenn es um das Leben im Dorf geht. Für Familien günstig, weil das Land günstige Baugrundstücke bietet. Doch Läden und Geschäfte sucht man vergeblich. Eine Gastwirtschaft als Treffpunkt für dörfliches Leben gibt es schon seit drei Jahren nicht mehr. Ein neuer Dorfladen mit angeschlossenem Café soll unter anderem jetzt diese Lücke füllen. Eingerichtet wird er in einem verwaisten Kindergarten. Der wiederum ist in die frei gewordene Grundschule umgezogen.
50.000 Euro hat die von der Firma Holitsch angestoßene Initiative gesammelt. Jeder im Dorf konnte Anteile zeichnen. Über Weihnachten war der Laden umgebaut und eingerichtet worden. Ende Februar soll das Geschäft eröffnen. Lanz und seine Mitstreiter wollen das Projekt bewusst ganz professionell angehen. Der Verkauf soll deshalb auch nicht von Freiwilligen nebenbei erledigt werden. Derzeit wird ein Marktleiter gesucht. "Der Laden soll die Ortschaft bereichern", erhofft sich Lanz. Das Engagement spricht dafür. Rund 30 ehrenamtliche Helfer, darunter viele Handwerker, sind ins Dorfladen-Projekt involviert.
Das Unternehmen Holitsch geht beim Thema Dorfentwicklung auch sonst voran. Die meisten Mitarbeiter haben schließlich ihr Zuhause in Hiltensweiler. Und weil es zum Beispiel keinen Festsaal gibt, stellt die Schreinerei ihr Foyer oder auch ihre Werkhallen gerne mal für ein Fest des Musikvereins oder auch eine Hochzeitsfeier zur Verfügung. Dabei wird auch das eine oder andere Neue ausprobiert. Ende Oktober etwa fuhren 28 Kinder bei einem Seifenkistenrennen um die Wette. Beim "Feierabendhock" im Juli präsentierten sich bei Musik, Bier und Bratwurst Gewerbebetriebe der umliegenden Ortschaften.
"Wir wollen das Heimatliche nach außen tragen." Schreinermeister Alexander Lanz
"Wir wollen das Heimatliche nach außen tragen", sagt Lanz und präsentiert die firmeneigene Zeitschrift "Holini", die einmal jährlich all diese Aktivitäten im großzügigen Format und modernem Layout für Kunden, Geschäftsfreunde und alle anderen Interessierten dokumentiert. Selbst nutzt das Unternehmen den eigens kreierten Begriff „Erste Heimatschreinerei“, um seinen Markenkern griffig zu umreißen.
Das ist natürlich nicht nur uneigennützig gedacht. Die Mitarbeiter und die Dorfbewohner sollen sich mit dem Unternehmen identifizieren. Ein Ziel, das nicht von ungefähr kommt und erst in den vergangenen Jahren wieder an Kontur gewonnen hat. Selbstkritisch muss Alexander Lanz konstatieren, dass die Menschen in Hiltensweiler und Umgebung lange Zeit als Kunden vernachlässigt worden sind. "Wir haben die Kunden in der Ortschaft vergrault, weil wir uns auf Großprojekte konzentriert haben", gibt Lanz zu.
Heute stehen der Innenausbau sowie der Verkauf von Fenstern und Türen wieder stärker im Vordergrund. Letztere werden auch selbst produziert und eingebaut und sind in allen Variationen erhätlich. Ein Türkonfigurator auf der Webseite zeugt davon, dass das Unternehmen nicht nur in die Heimat zurückgefunden hat, sondern auch im Handwerk 4.0 angekommen ist.
Als Dorfschreinerei auf Bauernhof angefangen
Angefangen hat alles im Jahr 1938, Der Großvater von Geschäftsführer Alois Holitsch gründete den Betrieb als einfache Dorfschreinerei auf seinem Bauernhof. Holitsch selbst ist zwar immer noch Geschäftsführer, hat sich aber aus dem operativen Geschäft etwas zurückgezogen, um sich stärker um die grundsätzliche geschäftliche Entwicklung zu kümmern.
Bis vor 20 Jahren entsprach die Firma immer noch dem Idealbild des dörflichen Kleinbetriebs. Dann stieß das Unternehmen an seine Grenzen und musste wachsen. 200 Quadratmeter waren zu eng geworden, denn das Angebot sollte viele Kundenwünsche rund um den Innenausbau abdecken. Gleichzeitig wuchs der Anspruch der Kunden an Service und Produkte. Ein Umzug nach Tettnang oder eine größere Stadt kam dennoch nicht infrage. "Wir sind zu arg in der Region verbunden", sagt Lanz.
Doch wer jetzt denkt, das Unternehmen blicke in seinem Engagement nicht über den eigenen Kirchturm hinaus, muss sich schnell eines Besseren belehren lassen. Seit dem Frühjahr 2015 bildet Holitsch den Flüchtling Omar Ceesay aus Gambia aus – ein Egagement, das das Bundeswirtschaftsministerium mit dem Sonderpreis beim Ausbildungs-Ass würdigte (siehe DHZ-Ausgabe 24/2015).
Soziale Verantwortung hört am Firmentor nicht auf
Bei aller Menschenliebe haben Lanz und Holitsch den Mann aus Gambia nicht aus lauter Mitleid eingestellt. Wie bei allen Bewerbern haben sie ihn vorher ein Praktikum machen lassen, um herauszufinden, ob er überhaupt in den Beruf und ins Unternehmen passte. Schließlich galt es auch hier, Widerstand und diverse Hürden gegen die Anstellung des Flüchtlings oder seinen Verbleib in Deutschland zu überwinden. Mit umso mehr Engagement wird Ceesay jetzt ausgebildet – inklusive Sprachtraining am Wochenende und Einbindung ins dörfliche Leben.
Die soziale Verantwortung hört für Lanz halt nicht am Firmentor auf. Um mehr städtische Investitionen aus Tettnang in die umliegenden Dörfer zu bekommen, hat er zum Beispiel den Bürgermeister besucht, um deutlich zu machen, dass sich die kleinen zugehörigen Ortschaften vernachlässigt fühlen. Nicht ohne sich Unterstützung bei regionalen Partnern wie dem Hauptgeschäftsführer der Handwekskammer Ulm, Tobias Mehlich, zu holen. Für die Kammer findet Lanz im Übrigen nur lobende Worte. "Wenn man die Möglichkeiten einer Kammer sieht, dann geht auch was", versichert er.
Lanz würde sich noch mehr engagieren. Immerhin reicht es noch für diverse unternehmerische Arbeitskreise und das Flügelhorn-Spielen im Musikverein. Der Tischlermeister und Betriebswirt im Handwerk weiß aber auch um die begrenzte Zeit und die Gefahr, sich zu verzetteln. Noch aber läuft es mehr als rund. Für gute Geschäfte und einen Haufen Preise reicht es allemal.