Heliskiing in Kanada Traumerfüller im Pulverschnee

Revelstoke bietet zwei Optionen zum Ski fahren: Per Helikopter oder per Lift lassen sich die weiten, kanadischen Hänge genießen. Von Patrick Choinowski, Revelstoke

Traumerfüller im Pulverschnee

"Have fun“, johlt Lilly gerade noch hinaus und schon geht es los. Unzählige Runs ist sie hier schon gefahren, kennt die Monashee und die Selkirk Mountains fast wie ihre Westentasche. Trotzdem freut sich die Francokanadierin auf jede Abfahrt wie ein Kleinkind, das gerade den ersten Lolli bekommt. Damit geht es ihr wie den zehn Gästen, die Lilly als Heliskiguide durch die unendlichen Weiten Kanadas zwischen Felsen, Gletscherspalten und weiter unten in den Baumstämmen sicher geleitet.

Kaum ist der Rotorenlärm des rot-weißen Helikopters verflogen, herrscht Totenstille. Ein paar umherflirrende Schneeflocken glitzern in der Sonne und schweben wieder zu Boden. Die Täler sind in einer dichten Nebelschicht versunken, nur die Gipfel der Selkirk-Mountains ragen heraus. Sonnenbeschienene, jungfräuliche und nicht enden wollende weiße Tiefschneehänge warten auf die zehn Skifahrer und Guide Lilly. Die Mittdreißigerin in ihrem leuchtend gelb-orangen Outfit gibt die Spur vor, in der gefahren wird. Fast wie von selbst gleitet der breite "Heli-Daddy" – wie der extrabreite Tiefschneeski von Atomic heißt – durch die weiße Pulverpracht. Es ist zwar nicht der viel beschworene "Champagne Powder", dennoch ist der Schnee hier in Westkanada besonders, ganz anders als in Europa. Wie durch eine Creme gleitet der Ski in Gebieten, die klangvolle Namen wie "Big Apple" oder „Dancing Bear“ tragen. Oben am Gletscher genauso wie in den Wäldern – ein Gefühl von Freiheit und Glück übermannt die Gäste, deren Träume wahr werden. Männer und Frauen scheinen in ihre Kindheit zurückversetzt, jauchzen und johlen, klatschen sich ab und alle haben sie dieses Grinsen gemein, das die ganze Woche über nicht aus den Gesichtern verschwinden will.

"You ski everyday"

Lilly und ihre sieben Guidekollegen sind die Traumerfüller und Glückgefühlbringer hier in Revelstoke – einem typischen kleinen kanadischen Eisenbahnerstädtchen, das auf 460 m, etwa 410 km westlich der ehemaligen Olympiastadt Calgary liegt. Im "Regent Inn" ist die Station von Canadian Mountain Holidays (CMH), dem größten Anbieter für Heliskifahren in Kanada, untergebracht, für das Lilly und ihre Kollegen als Guides arbeiten. In Revelstoke befindet sich das einzige Stadthotel von CMH, die elf anderen Unterkünfte sind Lodges weitab jeglicher Zivilisation. "Es bietet am meisten“, sagt der Österreicher Wolfgang, der schon seit über 20 Jahren regelmäßig zum Heliskiing nach Kanada kommt und alles ausprobiert hat. Zwar steht vor dem Helivergnügen eine kurze Fahrt mit dem Van zum Landeplatz, doch kann in Revelstoke so gut wie an jedem Tag geflogen werden. "Hier gilt das Motto: ,You ski everyday‘", erzählt Steve Chambers, der seit 1994 die Station in Revelstoke leitet. Ist es nebelig oder schneit es intensiv, kann der Helikopter trotzdem starten. „In den Lodges ist das zum Teil nicht möglich“, stellt Chambers die Vorteile des kleinen Eisenbahnerstädtchens heraus. Der höchste Landepunkt befindet sich auf 3.000 m.

Mittlerweile hat sich der 8.000 Einwohner zählende Ort am Fuße des Rogerspasses zu einem wahren Skidorado in Westkanada entwickelt. Er will mithalten mit den großen seiner Zunft, wie Whistler, Lake Louise oder Banff. Dazu haben die Touristiker kräftig investiert und ein "Weltklasse-Skigebiet“ geschaffen, wie Chambers es beschreibt. Zwar hat es nur zwei Sessellifte und eine Gondelbahn, dafür aber 52 Abfahrten – mit 1.713 m Höhendifferenz die längste Nordamerikas – anspruchsvolle Naturbuckelpisten mit Namen wie "Snow Rodeo" und, wie könnte es anders sein, reichlich Raum für das Fahren im Wald oder im Gelände.

"Weltklasse-Skigebiet"

Gemütlich geht es zu in dem Skigebiet. Daher bietet es eine hervorragende Alternative oder Kombination mit dem Heliskifahren. Alle 20 Minuten bringt ein Skibus die Gäste direkt vom Hotel "Regent Inn" ins Revelstoke Mountain Resort. Aber Vorsicht: Gibt es Neuschnee – bis zu 18 m in einem Jahr sind möglich – sind die Kanadier im Skigebiet nicht mehr zu halten. Dann müssen sie raus und fröhnen ihrer Leidenschaft in der North oder South Bowl. Zuvor wird aber körperliche Anstrengung verlangt. Denn nach der Gondel- und Sesselliftfahrt wartet ein etwa 20-minütiger Fußmarsch auf die Spitze des Mount MacKenzie (2.456 m). Hier wird man von der Skiwacht in Empfang genommen und der Piepser überprüft. Nur, wenn die Sicherheit gewährleistet ist, darf man hinunter in die traumhaften Tiefschneehänge.

Apropos Sicherheit: Die steht bei allem Fun über allem. Nicht nur auf den breiten Pisten und auf dem Gelände des Skigebiets. Natürlich auch beim Heliskifahren. Vor dem Abflug am ersten Tag steht ein Lawinentraining auf dem Programm. Jeder Skifahrer erhält einen Rucksack mit Schaufel und Sonde, ein Piepser ist Pflicht. Ob dieser eingeschaltet und am Körper ist, kontrollieren die Guides täglich bei der Abfahrt vom Hotel. Außerdem sind Funk- und Erste-Hilfe-Rucksack stets mit von der Partie. Die Bergung eines Verletzten kann somit schneller erfolgen als auf der Piste. Oft – und manchmal nicht zur Begeisterung der Gäste – können nur flachere Hänge befahren werden, weil die Lawinengefahr zu hoch ist. "Wir haben Guides, die sich nur um die Schneesicherheit kümmern. Wir stimmen uns zusätzlich mit allen Lawineninstitutionen ab“, erzählt Guide-Chef Chambers. Täglich trifft er sich um 5.30 Uhr morgens mit seiner Crew zur Lagebesprechung. "Wir werten alle Informationen aus und entscheiden, wo wir fahren.“ Etwa 300 verschiedene Runs unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade und Längen können von der CMH-Station Revelstoke aus befahren werden. Sind alle Sicherheitsbestimmungen überprüft, kann Lilly mit ihrer Gruppe starten und der Spaß kann beginnen: "Have fun."