Konjunktur -

Plaste-Erfinder Barthel blickt zurück - Am 30. April 1991 lief der letzte Trabant vom Band Tränen zum Abschied

Trabant-Witze lassen Wolfgang Barthel eigentlich kalt. Als Autofahrer selbst nie auf das laute und 26-PS-starke Gefährt angewiesen, kann der 89 Jahre alte Zwickauer über einige Kalauer über den einstigen Kleinwagen der DDR-Bürger sogar lachen. Sobald allerdings die Bezeichnung "Pappe" fällt, verliert der einstige Entwicklungsingenieur bei Sachsenring Zwickau rasch seinen Humor.

Zwickau (dapd). Trabant-Witze lassen Wolfgang Barthel eigentlich kalt. Als Autofahrer selbst nie auf das laute und 26-PS-starke Gefährt angewiesen, kann der 89 Jahre alte Zwickauer über einige Kalauer über den einstigen Kleinwagen der DDR-Bürger sogar lachen. Sobald allerdings die Bezeichnung "Pappe" fällt, verliert der einstige Entwicklungsingenieur bei Sachsenring Zwickau rasch seinen Humor. "Weil das schlichtweg falsch ist. Pappe wird aus Papier und Wasser gemacht, die Plaste für den Trabant ist aber etwas ganz anderes", kann sich der Erfinder des Kunststoffes, der dem Trabant seine Hülle verlieh, heute noch aufregen.

Barthel wohnt mit seiner Frau in einem schlichten Neubau am Stadtrand von Zwickau. Zur Erinnerung an seine größte Erfindung hat er ein Stück Kunstharz und Baumwolle als Andenken in seinem Hobbyraum im Keller aufbewahrt. Daneben verstaut hat er die dicke, rote Mappe mit dem Nationalpreis der DDR, den er gemeinsam mit dem Kollektiv für die Entwicklung des Kleinwagens für das Volk erhalten hatte. "Die DDR stand auf der Embargo-Liste des Westens und deshalb gab es kein Blech. Also haben wir begonnen, uns Alternativen zu suchen", erinnert er sich.

Auf der Grundlage von Versuchen aus Vorkriegszeiten klebte und presste Barthel alle möglichen Materialien zusammen. Die Lösung bestand schließlich in einer Mischung aus Kunstharz und langfaserigen Baumwollresten, die Barthel in zu einem buchdicken Stapel verpackte und schließlich bei 188 Grad Celsius hauchdünn verpresste. "Das Duroplast war flexibel und bruchfest und die Materialien waren beschaffbar", erinnert sich Barthel an den Durchbruch.

Barthels Erfindung darf zugleich als Synonym für die damalige DDR gelten. Von Zerstörung und den Reparationsleistungen an den siegreichen Kriegsgegner Sowjetunion ausgeblutet, ging der sozialistische Jungstaat weitaus ärger lädiert als der Westen in die Neuzeit. Und so musste Barthel als junger Ingenieur drei Jahre lang durch den damaligen Bezirk Karl-Marx-Stadt tingeln, ehe er geeignete Maschinen für seine Testreihen fand. Dazu passt, dass die ersten Teile für den Ur-Trabant aus dem Jahr 1953 auf einer Maschine entstanden, die in einem Waldstück nahe Görlitz gefunden und dort von den Sowjettruppen auf ihrem Rückmarsch vergessen worden war.

Aus dem improvisierten Nichts entstand schließlich eine Industrie, die zum Identifikationssymbol einer ganzen Region wurde und selbst den bis dato berühmtesten Sohn der Stadt, den Komponisten Robert Schuhmann, weit hinter sich ließ. Umso erstaunlicher ist, dass sich die Ereignisse vor 20 Jahren, als am 30. April der letzte Trabant von 3.069.099 Stück insgesamt die Bänder verließ, ganz unterschiedlich in die Gedächtnisse der damals rund 12.000 Werktätigen bei Sachsenring eingebrannt haben.

So sprechen die einen von beklemmenden Gefühlen, die sie beim Abrollen des letzten Autos verspürten. "Niemand wusste genau, was danach kommt. Da flossen natürlich auch etliche Tränen", erinnert sich etwa Museologe Heiko Neuber vom Horch-Museum in Zwickau. Die nackte Existenzangst breitete sich allerdings nicht nur unter der Belegschaft bei Sachsenring aus, die gesamte Region um Zwickau litt damals. "Bis hinauf ins Erzgebirge gab es etliche Firmen, die von Sachsenring abhängig waren. Die standen mit vor dem Aus", erinnert sich Neuber.

Diejenigen, die Glück hatten und in dem noch von Sachsenring kurz vor der Wende erbauten und von Volkswagen übernommenen Werk in Mosel vor den Toren Zwickaus unterkamen, sprechen 20 Jahre nach dem Ende der Trabantproduktion hingegen von einer regelrechten Befreiung, die sie nach fast 40 Jahren lähmender Planwirtschaft plötzlich erleben durften. "Auf einmal konnte man was machen, ohne die quälenden Grenzen des Mangels. Und Volkswagen hat uns alle Freiheiten gegeben", sagt etwa Mechaniker Horst Maronde, der fast dreißig Jahre in Zwickau und später bei VW in Mosel arbeitete.

Zwei Jahrzehnte nach dem Auslaufen der Produktion hat sich Zwickau indes in alle Richtungen wieder sortiert. 6.000 Menschen schrauben heute bei Volkswagen Autos zusammen, die Stadt zählt neben Leipzig und Dresden zu den wenigen prosperierenden Orten Sachsens.

dapd

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