Wenn sich Auszubildende vom Musterschüler zum Problemfall entwickeln, liegt die Ursache mitunter am kollegialen Umfeld. Wie Ausbilder diese Spirale durchbrechen können, erklärt Ausbildungsberater Peter Braune in seiner Ausbildungsserie.

Der Begriff "toxisch" stammt aus dem Griechischen und bezeichnete ursprünglich ein Pfeilgift. Krieger tauchten ihre Pfeilspitzen hinein, um ihre Feinde wirkungsvoller zu vergiften. Heute wird es oft im übertragenen Sinn verwendet. So zum Beispiel als Bezeichnung für Verhaltensweisen, von denen eine Gefahr ausgeht. Zum Beispiel für einen toxischen Menschen oder ein toxisches Ausbildungsklima. Fachleute benutzen es, um schädliche oder zersetzende Beziehungen zu beschreiben.
Metzgerlehrling auf Abwegen
Kolleginnen und Kollegen diskutierten bei ihrer monatlichen Versammlung folgenden Fall: Ein Metzgermeister bildete einen jungen Mann aus. Anfangs lief alles gut: Der Geselle war zufrieden und der Lehrling brachte gute Noten aus der Berufsschule mit.
Im Verlauf der Lehrzeit entwickelte sich das Verhältnis zwischen Geselle und Lehrling jedoch negativ und entsprach nicht mehr den Vorstellungen des Meisters. Immer öfter hielt er Regeln, Vorgaben und Anweisungen nicht ein. Er versuchte, Aufmerksamkeit zu erregen und seine Interessen durchzusetzen, auch auf Kosten anderer. Für sein Fehlverhalten übernahm er keine Verantwortung und schob die Schuld stets auf andere.
Warnsignale und Folgen eines toxischen Klimas
Der Ausbilder versuchte seine Erkenntnisse auf die angespannte Lage zu beziehen, nicht auf den Lehrling persönlich. So ein toxisches Ausbildungsumfeld kann von negativen Verhaltensweisen der Beschäftigten beeinflusst sein. Und diese Verhaltensweisen entstehen, wenn toxische Persönlichkeiten die Möglichkeit haben, das Lernumfeld dauerhaft zu vergiften. Nicht selten verkaufen diese Personen ihr schädliches Verhalten als Lebensweisheit.
Ein solches Verhalten beeinträchtigt das Wohlbefinden und die Arbeitsleistung der anderen Lehrlinge. Typische Anzeichen für ein toxisches Umfeld sind:
- Mangelnde Kommunikation und ständiges Meckern
- Fehlende Anerkennung und Zusammenarbeit
- Mobbing
- Aufgaben, die nicht den Lernzielen des Ausbildungsplans entsprechen
All das kann sich negativ auf die körperliche und geistige Gesundheit der Lehrlinge auswirken. Diese Umstände führen in der Regel zu geringerer Motivation und sinkender Lernbereitschaft. Im schlimmsten Fall enden solche Entwicklungen mit einer Kündigung durch die jungen Leute.
Die Verantwortung von Führungskräften und Ausbildern
Toxisches Verhalten in der Führungsebene weitet sich fast zwangsläufig auf die darunter liegenden Hierarchieebenen aus. Auch Ausbildungsverantwortliche können toxisch handeln, indem sie Lehrlinge herabwürdigen, verspotten oder deren persönliche Grenzen überschreiten. Dadurch fühlen sich die Lehrlinge eingeschüchtert und verlieren ihr Selbstvertrauen.
Hinzu kommt, dass sich so eine Lernumgebung und schlechte Ausbildungsbedingungen herumsprechen. Es tritt ein Imageschaden ein, der kurzfristig kaum zu beheben ist. Das wiederum mündet in die Frage, ob sich junge Leute künftig für eine Lehre in diesem Betrieb bewerben.
Ausbilder müssen Lehrlinge schützen, notfalls mit Kündigung
Ausbildende haben eine Fürsorgepflicht und sind für den Schutz ihrer Lehrlinge verantwortlich. Schweres toxisches Verhalten ist nicht förderlich für die Gesundheit und kann zu längeren und häufigeren Krankmeldungen führen. Ausbildende dürfen nicht zögern, auch disziplinarisch gegen diejenigen vorzugehen, die mit ihrem bewussten Fehlverhalten die Gesundheit von Lehrlingen gefährden. Im Extremfall kann das eben auch bedeuten, dass letztlich eine Kündigung ausgesprochen werden muss.
Als Ausbilder können Sie folgende Schritte einleiten:
- Analysieren Sie das Lernumfeld auf Verbesserungspotenzial.
- Definieren Sie klare und verbindliche Verhaltensrichtlinien.
- Ordnen Sie Zielsetzung und Ausbildungsstand besser ein.
- Sprechen Sie das (Fehl-)verhalten in einem sachlichen Gespräch direkt an.
- Fordern Sie ein allgemeines Bewusstsein für das Problem ein.
- Ermitteln Sie die Ursachen offen und vorurteilsfrei.
- Prüfen und ermitteln Sie den Bedarf an Schulungen für alle Beteiligten.
- Sorgen Sie für klare Verhältnisse.
Ihr Ausbildungsberater Peter Braune
Zum Autor: Peter Braune hat Farbenlithographie gelernt, war Ausbilder und bestand in dieser Zeit die Ausbildungsmeisterprüfung. Er wechselte als Ausbildungsberater zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. Dort baute er dann den gewerblich-technischen Bereich im Bildungszentrum auf und leitete die Referate gewerblich-technischen Prüfungen sowie Ausbildungsberatung, zu der auch die Geschäftsführung vom Schlichtungsausschuss gehörte. Danach war er Referent für Sonderprojekte.