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Handwerk und Tourismus verbinden Tourismus-Boom: Wie profitieren Handwerker?

Der Deutschland-Tourismus blüht. Die Gäste bringen Geld mit - und die Bereitschaft, es auch wirklich auszugeben. Wie können Handwerker teilhaben?

Im Jahr 2018 zählten die Hotels und Pensionen in Deutschland rund 477,6 Millionen Übernachtungen. Das waren 100 Millionen mehr als noch vor zehn Jahren. Die meisten gehen auf das Konto inländischer Gäste. Aus dem Ausland steuern die Niederländer Deutschland am häufigsten an. Danach folgen im Ranking Schweizer, US-Amerikaner, Briten und Österreicher. Immer populärer wird Deutschland als Reiseziel vor allem bei Polen und Chinesen.

"Der Tourismus hat einen erheblichen Multiplikatoreffekt und schafft Arbeitsplätze in verwandten Sektoren wie Landwirtschaft, Baugewerbe, Instandhaltung, Einzelhandel, Handwerk oder Finanzdienstleistungen“, schreibt die Weltorganisation für Tourismus (UNWTO) in einer Studie. Demnach kommen für jeden Job, den der Tourismus direkt in der Hotellerie schafft, indirekt anderthalb weitere Jobs in anderen Branchen hinzu.

Auch für Handwerksbetriebe ist die Reisefreude eine Chance. Das Patentrezept, um von ihr zu profitieren, gibt es zwar nicht. Aber verschiedene Strategien, die zum Erfolg führen können. Die Deutsche Handwerks Zeitung stellt Ihnen drei Ansätze vor.

1. Standort stärken

Der mittelalterliche Schmalzturm, das spätgotische Bayertor, Marienbrunnen und historisches Rathaus — Landsberg am Lech ist Bayern wie aus dem Bilderbuch. Im vergangenen Jahr übernachteten hier nach Angaben der Stadt rund 156.000 auswärtige Gäste - ein Plus von 5,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 40 Millionen Euro spülte das Schätzungen zufolge in die Stadt.

Die Landsberger verlassen sich nicht alleine auf ihre natürliche Schönheit. Sie beschäftigen insgesamt 18 Stadtführer, haben ebenso viele Stadtführungen im Programm. Eine davon widmet sich Landsbergs Handwerk im Mittelalter. Die Besucher schlängeln sich durch Gassen, die früher von Gerbereien oder Schmieden geprägt waren, und machen Halt in aktiven Betrieben. Schuhmacher und Schlosser, Bäcker und Metzger lassen die Gäste dann bei der Arbeit über die Schulter gucken.

Bei den einzelnen Führungen werden nicht immer dieselben Handwerker angesteuert. Die Betriebe beteiligen sich nur, wenn es ihnen passt. Aber sie beteiligen sich — unentgeltlich. Durch ihr Engagement tragen sie dazu bei, den Standort zu stärken und für Gäste noch attraktiver zu machen.

2. Neue Angebote schaffen

"Ich mache sie zu Touristen", sagt Devid Hörnchen über seine Gäste. Hörnchen wohnt im kleinen Hellenthal in der Eifel. Es gibt hier zwar einen Campingplatz und mehrere Pensionen. Aber würde es Hörnchen nicht geben, würden wohl auch viele Touristen wegbleiben.

Der gelernte Tischler hat sich seit 2010 voll und ganz dem Bogenschießen verschrieben. In seiner Schreinerei fertigt er Bögen in Handarbeit an und verkauft sie an Freizeitsportler. Ein professioneller Hybridbogen kostet in seinem Online-Shop 600 Euro. Auch hat Hörnchen über die Jahre einen Bogenschieß-Parcours mit mittlerweile 60 Zielen aufgebaut. Dort gibt er Gruppen Anfängerkurse, geübten Bogenschützen auch Einzeltraining.

Hörnchen lebt heute allein von seinem Bogenschieß-Business. "Zu mir kommen Gruppen aus ganz Deutschland. Viele planen ihren Urlaub danach", sagt er. Vor allem Familien mit Kindern begrüßt er bei sich, 80 Prozent buchen online. Bis jetzt geht seine Strategie auf — und sie ergibt Sinn, bedenkt man, dass Regionen wie der Eifel in den kommenden Jahrzehnten ein massiver Bevölkerungsverlust vorhergesagt wird. Tourismusangebote wie die von Hörnchen könnten für Handwerker sogar eine Überlebensstrategie sein.

3. Zielgruppen bedienen

Die mittelalterlichen Gassen von Rothenburg ob der Tauber sind berühmt - bis nach Übersee. 500.000 Übernachtungen zählt das 11.000-Einwohner-Städtchen in Mittelfranken jedes Jahr. Davon kommt die Hälfte aus Deutschland. Auch viele Chinesen, Japaner und Niederländer sind da. Seit einiger Zeit lassen sich vermehrt Spanier und Brasilianer blicken. Die größte Auslandsgruppe aber stellen die US-Amerikaner, die hier dem europäischen Mittelalter nachspüren.

"Die besten Kunden sind bei mir die Amerikaner", sagt auch Loretta Mandosi. Die Holzbrandkünstlerin verkauft fränkische Holzkunst, handgemalte Tafeln, die als Haus-, Firmenschilder oder Gedenktafeln dienen. "Da stehen die Amerikaner drauf", sagt sie. Geschätzt gehen 90 Prozent ihrer Produkte an Touristen. Manche von ihnen naschen auf ihrem Weg in Mandosis Laden einen Schneeballen. Das Mürbeteiggebäck mit Zimtzucker ist eine Rothenburger Spezialität. Die Bäckerei Friedel stellt die süßen Kugeln schon seit 1882 her — heute vermehrt für Gäste.

Mandosi hat sich mit anderen Handwerkern zusammengeschlossen. Gemeinsam legen sie englischsprachige Broschüren in der Stadt aus, haben einen eigenen Internet-Auftritt. Auch verkauft sie ihre Waren über den Online-Marktplatz Etsy, häufig ebenfalls an Amerikaner.

Mandosi profitiert von ihrer zentralen Lage in der Oberen Schmiedgasse — und von ihrer Zielgruppe. Sie hat mehr als 20 Jahre Erfahrung, aber keine formelle Ausbildung. Holzbrandkünstler sind - zumindest offiziell - keine Handwerker. Trotzdem sprechen Mandosis handgemachte Produkte die zweitwichtigste Touristenklientel des Ortes an - das ist ihr Erfolgsrezept.

Spezialisierung auf eine Touristengruppe kann vielerorts sinnvoll sein. So ist zum Beispiel Trier die Geburtsstadt von Karl Marx und daher eine Lieblingsdestination von Chinesen. Niederländer fühlen sich im Sauerland pudelwohl - und Amerikaner eben in Rothenburg.

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