Von der bayerischen Stürmernot, einer rachsüchtigen Berater-Ehefrau und dem ersten selbsternannten Absteiger. Bundesliga-Kolumne von Stefan Galler
Totgesagte leben länger
Meisterbetrieb: Treffsicherer Backfisch
Herr Rossi hat 35 Jahre einen Zopf getragen und ist nun auf seine alten Tage doch noch geschmacklich auf den richtigen Weg gekommen. Wir sprechen hier mitnichten vom früheren italienischen WM-Torschützenkönig Paolo, sondern von Rockmusiker Francis Rossi, der der Band Status Quo vorsteht. Mit Fußball hat die Geschichte dennoch zu tun, denn durch den Radikalschnitt beim Gitarrespieler dürfte Andrey Voronin schon bald der letzte verbliebene Mann weltweit mit der ansonsten höchstens noch bei pubertierenden Backfischen populären Pferdeschwanz-Frisur sein.
Doch für den Ukrainer gilt weiterhin die Faustregel für Stürmer: Was schert mich, wie ich aussehe, Hauptsache, ich treffe. Diesem Leitspruch folgten in der Vergangenheit auch schon Genregrößen wie Horst Hrubesch (Typ Ungeheuer) oder Carsten Jancker (Typ Skinhead), in der Gegenwart sehen das Kollegen Pantelic (Typ Spaghetti-Look) und Dzeko (Typ Clerasil-Verweigerer) ganz ähnlich.
Und vielleicht bringt es ja auch Glück, wenn man sich gängigen Schönheitsidealen konsequent verweigert: Beim 1:0 gegen Leverkusen markierte Voronin wieder mal das entscheidende Tor, diesmal per Querschläger mit der Schulter. So wird die Hertha wirklich noch Meister, vielleicht fällt dann ja zur Feier des Tages endlich Voronins blonder Nackenspoiler.
Gesellenstück: Von vier auf eins in einer Woche
Man kennt das vom Warten an der Wursttheke im Supermarkt: Zuerst stehen noch drei Leute vor einem, ein paar Minuten später ist man dann endlich an der Reihe und kann seine Bestellung an die Fleischerei-Fachkraft weitergeben. Der Profifußball ist im Normalfall kein Wunschkonzert und auch die Wartezeiten für Kicker auf dem Abstellgleis sind mit jenen beim Metzger nicht zu vergleichen. Außer, man heißt Lukas Podolski.
Da war der Bald-wieder-Kölner noch vor einer Woche kaum geduldeter Bankdrücker und Stürmer Nummer vier unter Jürgen Klinsmann, ehe das wundersame Ausscheidungsrennen auf den besseren Plätzen plötzlich einsetzte. Es erinnerte ans politisch eher unkorrekte Kinderlied von den "Zehn kleinen Negerlein“, als zunächst mal Italo-Doppelpacker Luca Toni die Achillessehne zwickte, anschließend US-Boy Landon Donovan in die Heimat verabschiedet wurde, Offensiv-Allrounder Franck Ribéry ebenfalls verletzt passen musste und nun beim kaum gefährdeten Auswärtserfolg in Bochum auch noch Miroslav Klose wegen einer Knöchelverletzung frühzeitig nicht mehr konnte.
Damit ist Poldi der einzig verbliebene Angreifer in Klinsis Kader, was in Bochum gleich wieder dazu führte, dass sich das sensible Teenie-Idol hoffnungslos überfordert fühlte, als es zum Elfmeter antreten sollte: Das Ding flog deutlich am Tor vorbei. Und weil mit Sosa eine ziemlich stumpfe als hängende Spitze aufgeboten werden musste, war letztlich klar, dass Verteidiger wie Lahm und Demichelis die weiteren Tore beisteuern mussten.
Für Podolski wird in Köln dann wieder alles anders, allerdings fürchtet zumindest Franz Beckenbauer auch ernsthafte Konsequenzen für die Rheinmetropole: Man müsse aufpassen, dass durch die Euphorie nicht die ganze Stadt einstürzt, die ersten Häuser seien es ja schon. Der Kaiser, wie er leibt und lebt. Für geschmackvolle Sprüche sind eben andere zuständig.
Erstes Lehrjahr: Skandal um Fionella
Die grün-weiße Idylle ist nun endgültig nicht mehr das, was sie war, als der biedere Buchhaltertyp Willi Lemke managte und das erzkonservative Ehepaar Rehhagel das Sagen in allen sportlichen Belangen hatte. In dieser Saison geht’s an der Weser turbulenter denn je zu, sportlich läuft’s unrund, dazu reihen sich schon das ganze Spieljahr kleinere Skandälchen aneinander, die sich bisher oft um Spielmacher Diego drehten.
Für die großen Affären sind nun allerdings andere verantwortlich, selbst die bislang als seriös geltenden Kreise des Vereins hat es erwischt. So trat nun Jürgen Born, Vorsitzender der Werder-Geschäftsführung, von seinem Amt zurück, weil er wohl beim Transfer eines leidlich begabten Peruaners namens Roberto Silva im Jahre 2001 angeblich 50.000 Dollar in die eigene Tasche gesteckt hat. Mit drin hängt auch Bremens Stürmer Claudio Pizarro, dessen Berater Carlos Delgado den Deal damals eingefädelt hat und an dessen Beraterfirma Pizarro mit Aktien beteiligt ist.
Das Ganze wäre vermutlich nie herausgekommen, hätte Delgado nicht derzeit richtig Stress mit seiner Noch-Ehefrau Fionella. Die rächte sich auf ihre Weise und gab alle relevanten Informationen an die peruanische Presse weiter, mit der Konsequenz, dass nun im fernen Bremen kein Stein auf dem anderen bleibt. Nur gut, dass wenigstens Pizarro das alles offenbar völlig kalt lässt. Der war am 4:0-Erfolg gegen Stuttgart unter anderem mit einem Traumtor beteiligt und wirkte wie immer aufgedreht und bestgelaunt. Wohl dem, dessen kleine Welt sich auch bei noch so großen Problemen vor allem um die runde Kugel dreht.
Zwei linke Hände: Die weiße Fahne
Das ist der Traum jeder Fußballmannschaft im Abstiegskampf: Ein Konkurrent, der vorzeitig die Waffen streckt, obwohl eigentlich noch alles drin ist. Karlsruhes Trainer Edmund Becker hat nach der 0:1-Heimniederlage seiner Elf im Fehlpass-Festival-Gegurke gegen Bielelfeld schon mal vorsichtshalber die weiße Fahne gehisst: "Für uns ist es nun fast unmöglich, die Klasse noch zu halten“, sagte der Coach.
Dabei liegt der KSC gerade mal fünf Punkte hinter dem rettenden Ufer – 30 Zähler sind noch zu vergeben. Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten sieht anders aus, aber Becker muss sich dennoch keine Sorgen um seinen Job machen, schließlich gab’s von Sportdirektor Dohmen längst die Jobgarantie – auch für Liga zwei. So ist das eben, wenn zwei alte Kumpels klüngeln: In den frühen 80er Jahren kickten sie noch gemeinsam im Wildpark, nun halten sie sich in ihren Ämtern gegenseitig den Rücken frei.
Allerdings bedenklich, dass beim Überraschungsaufsteiger der vergangenen Saison so gar nichts mehr klappen mag. Da hatte man extra das unter Kulttrainer Winni Schäfer in den 90ern so beliebte Trainingslager im rustikalen Gasthof "Krone“ in der Pfalz bezogen, außerdem zur zusätzlichen Motivation der Anhänger den verletzten Kapitän Maik Franz als Stadionsprecher engagiert. Und dann folgt eine weitere blutleere und vor allem torlose Vorstellung – seit 450 Minuten warten die Badener auf einen Treffer. Da kann man schon mal kapitulieren.