Nach Beinahe-Bankrott "Tortenboss": Der Wiederaufstieg begann mit einer Klopapierrolle

Konditor Mohammed Omairat stand zweimal vor dem Ruin. Dann aber wendete sich das Blatt. Wie aus einem Krefelder Café eine deutschlandweit bestellte Marke wurde.

Mohammed Omairat präsentiert zwei seiner täuschend echten Motivtorten, eine Radarfalle und einen Farbeimer.
Alltagsgegenstände zum Reinbeißen: Mit täuschend echten Motivtorten ist Mohammed Omairat berühmt geworden. Die Radarfalle hielt sogar die Polizei für echt – bis der Krefelder hineinbiss. - © picture alliance/dpa/Fabian Strauch

Der Tortenboss hat Rücken. Gestern noch in London, morgen von fünf bis 16 Uhr in der Backstube. Der Freitag dazwischen voller Termine. 15 bis 16 Stunden Arbeit pro Tag über viele Jahre. Mit 40 Jahren spürt Mohammed Omairat das nicht nur im Kreuz. "Ich bin froh, dass mein Sohn und meine Frau inzwischen immer mehr übernehmen und ich besser auf mich kucken kann", gibt der Konditor im Boss-Sweatshirt zu.

Er sitzt in seinem Café am Krefelder Südwall. Nur wenige Sitzplätze gibt es in diesem schmalen Raum, nach hinten geht es in den Versandbereich und zur Backstube. Hier backt Omairat mit seinen 15 Mitarbeitern pro Woche bis zu 300 Torten. Dass Laufkundschaft nicht seine Kern-Zielgruppe ist, beweist der Blick in die nur knapp bestückte Theke. Der "Tortenboss" verdient sein Geld mittlerweile vor allem im Internet.

Chef entdeckt Verkaufstalent des Tortenbosses

Anfangs war das anders. "Ich war ein sehr, sehr aktives Kind", umschreibt der gebürtige Libanese sein für den Geschmack des Vaters zu ausuferndes nächtliches Sozialleben. Der Vater, selbst gelernter Konditor, bat den Chef des Krefelder "Wiener Cafés", den lebhaften Hauptschüler zu beschäftigen, damit er keinen Unfug mehr machte.

Der Chef verstand schnell, was für ein Verkaufstalent er gewonnen hatte. "Ich schrie herum: Quarkbällchen, zehn Stück drei Euro! Und die Kunden kamen", erinnert sich Omairat grinsend. Der Chef bot ihm eine Ausbildung zum Konditoreifachverkäufer an. Ohne es je geplant zu haben, trat Omairat in die Fußstapfen seines Vaters. Drei Ausbildungsjahre später hängte er die Konditorlehre an und stieg, kaum hatte er die Gesellenbriefe in der Hand, zum Partner seines Chefs auf. Der war für ihn wie ein Vater, und wenige Jahre später übernahm er den Betrieb ganz.

Trotz Schulden liefen die Geschäfte anfangs gut. "Wir hatten hundert Sitzplätze, die waren immer besetzt, es war eines der besten Cafés in Krefeld", schwärmt Omairat. Doch mit der Wirtschaftskrise 2007/2008 hielten die Kunden ihr Geld spürbar mehr zusammen. "Der Genickbruch kam dann aber mit dem strengen Rauchergesetz", regt sich Omairat noch heute auf. Weil das Wiener Café in einem Einkaufszentrum lag, durfte selbst im Außenbereich nicht geraucht werden, im benachbarten Café mit Freiluftbereich aber schon. Die Kunden wanderten ab, Omairat fehlten jeden Tag 700 Euro in der Kasse, bei monatlichen Fixkosten von 22.000 Euro. Er stand kurz vor dem Bankrott.

Backmischungen des Tortenboss in der Verkaufstheke
Bis heute steht in der Theke eine Käsekuchen-Backmischung. In Pandemiezeiten war sie Omairats Rettung. - © Barbara Oberst

Restaurantkritiker entdeckt kreatives Talent des Tortenbosses

In seiner Verzweiflung bewarb er sich bei RTL für die Sendung "Rach, der Restauranttester", immer wieder, bis Rach Anfang 2017 tatsächlich zu ihm kam. Der Restaurantkritiker gab dem Wiener Café mit seiner kleinen gemischten Karte, der Amateur-Küche und dem überforderten Chef im strukturschwachen Krefeld keine Chancen; aber er entdeckte Omairats eigentliches Talent. Der junge Konditor hatte parallel zum Wiener Café die Produktion als "Tortenboss" gestartet. Hier ließ er seiner kreativen Ader freien Lauf, formte gigantische Hochzeits­torten und lebensechte, essbare 3-D-Kunstwerke. "Rach sagte zu mir: ’Mit dem Wiener Café wirst du auf Dauer kein Glück haben. Konzentriere dich auf das, was du kannst. Du bist ein Künstler, bleib bei den Torten.’"

Für einige Zeit brachte die RTL-Sendung Omairat reichlich Kunden ein, seine Bücher stimmten wieder. Dann kam der Corona-Lockdown, alles musste schließen, Omairat gab das Wiener Café endgültig auf. Doch auch am kleineren und günstigeren neuen Standort am Krefelder Südwall herrschte wegen der Pandemie Flaute. "Es gab ja keine Hochzeiten mehr, keine Feiern, keine Veranstaltungen. Ich musste etwas tun, um im Gespräch zu bleiben."

Gebackene Klopapierrolle geht viral

Als alle Welt verrückt nach Toilettenpapier war, buk er eine täuschend echte Klopapierrolle, als nächstes ein Torten-Kätzchen für seine Kinder. Die Ergebnisse lud er auf TikTok hoch. "Als ich am nächsten Morgen auf mein Handy schaute, hatte ich drei Millionen Klicks“, beschreibt er den Startpunkt seiner Social Media-Karriere.

Er buk immer neue Gegenstände, lud Bilder und Filme davon hoch und hatte innerhalb von kürzester Zeit fast 300.000 Follower. Fernsehsender aus Deutschland, Europa und sogar Russland drehten in seiner Backstube, immer wieder erzählte er, wie er eine täuschend echte Radarfalle auf der Straße aufgebaut hatte und einen Polizisten nur durch einen Biss in den grau-grünen Kasten davon überzeugen konnte, dass es sich um eine Torte und nicht um einen Blitzer handelte. "Das ging viral, so haben wir uns während Corona über Wasser gehalten."

Kunden bestellen im Internet beim Tortenboss

Richtig Geld verdiente Omairat aber erst wieder, als er eine Käsekuchen-Backmischung entwickelte. "Ich habe das ein bisschen inszeniert, habe meine Follower mitgenommen, wie ich in der Backstube an der Rezeptur gefeilt habe – und dann haben wir die Packungen tausendfach in ganz Deutschland verkauft." Omairat überlegt kurz. "Das ist meine Kunst: Ich kann 3-D-Torten backen, die sich von den Original-Gegenständen kaum unterscheiden. Ich kann Leute mitziehen, mache Dinge, die sie interessieren. Aber vor allem denke ich immer weiter; wenn eine Sache nicht läuft, dann läuft eine andere."

Der Tortenboss in seiner Backstube.
Tortenrohlinge für den Versandshop: Der Kunde konfiguriert, der Tortenboss dekoriert, und ab geht die Post. - © Barbara Oberst

Bis heute arbeitet er so. Als das Interesse für spektakuläre 3-D- und gigantische Hochzeitstorten abflachte, nutzte Omairat den Hype um Dubai-Schokolade; dann experimentierte er mit dem zu dem Zeitpunkt noch weitgehend unbekannten ChatGPT und erstellte binnen einer Woche ein Konzept für einen Torten-Versandshop, inklusive Tortengenerator, über den User ihr Gebäck selbst gestalten können. "Kunden aus Berlin, aus ganz Deutschland bestellen bei mir, obwohl es zwischen mir und ihnen bestimmt 20.000 Konditoreien gibt. Aber sie haben mich und meine Familie im Internet kennengelernt, ich habe sie zum Lachen gebracht, sie vertrauen mir", versucht er, seinen Erfolg zu erklären.

Geld für ungewisse Zukunft

Die Nähe zu seinen Followern kultiviert Omairat geschickt. Derzeit triggert er seinen neuesten Coup in den Sozialen Medien an. "Ihr Lieben, ich darf es euch noch nicht verraten, aber ich habe einen neuen Job", weckt er die Neugier potenzieller Kunden, verweist auf seinen London-Trip.
Sein Plan ist, richtig viel Geld zu verdienen, er stehe in Verhandlungen mit Edeka. Denn obwohl er sich und seiner siebenköpfigen Familie mit der handwerklichen Arbeit inzwischen einen beachtlichen Wohlstand erarbeitet hat, möchte er sich noch besser absichern. "So, wie ich das Geld bisher verdient habe, habe ich es auch immer wieder verloren, mal, weil ich falsch investiert habe, mal aus Pech."

Gesetzesänderungen, Pandemien, eine Welt außer Rand und Band sowie zunehmende Ausländerfeindlichkeit haben ihm das Vertrauen genommen, dass es immer gut weitergehen wird. 1989 war er mit seinen Eltern aus dem Libanon geflohen und bis vor Kurzem war er überzeugt davon, in Deutschland gut aufgehoben zu sein. "Ich bin hier ja aufgewachsen, ich bin Deutscher, meine Kinder tragen deutsche Namen, ich arbeite mich hier kaputt und zahle Steuern, und das nicht zu wenig – aber wir müssen uns immer öfter anhören, dass wir nicht dazugehören." Er schließt nicht aus, dass er und seine Familie irgendwann wieder fliehen werden. Dafür will er gewappnet sein.