Tierwohllabel - Tierwohlprämie Mehr Tierwohl – höhere Fleischpreise: Profitieren nur die Großen?

Die Bundesregierung arbeitet an der neuen Tierwohlprämie für Landwirte. Auch Verbraucher sollen steigende Kosten für mehr Tierschutz mittragen. Dahinter steht allerdings ein freiwilliges System. Dem Fleischerverband ist das zu wenig. Auf kleine Betriebe könnten Probleme zukommen. Regionale Strukturen müssten gleichzeitig geschützt werden.

Neues Tierwohllabel für Fleisch und Wurst
Mehr Tierwohl in den Ställen erhöht vermutlich auch die Preise für Fleisch und Wurst, das dann ein neues Label tragen darf. - © contrastwerkstatt – stock.adobe.com

Ställe zu klein, kein Stroh, schlechtes Futter und keine Beschäftigungsmöglichkeiten – die schwierigen Zustände bei der Nutztierhaltung sind seit langem in der Kritik. Die Bundesregierung verspricht zu handeln und möchte die Landwirte dabei unterstützen, Ställe um- und auszubauen und für mehr Tierwohl zu sorgen. Eine Tierwohlprämie soll den höheren Arbeitsaufwand und steigende Kosten zu einem großen Teil ausgleichen. Zur Prämie gehört den Plänen zufolge auch ein neues Label. Dieses kennzeichnet, wenn Fleisch und Wurst aus der dann besseren Haltung stammt. Das Tierwohllabel basiert auf einem freiwilligen System, dem sich Landwirte anschließen können.

Wie erst kürzlich der neue Ernährungsreport des Bundesernährungsministeriums (BMEL) zeigt, sind die Deutschen im Prinzip durchaus bereit mehr an der Fleischtheke zu bezahlen, wenn sie damit etwas für das Tierwohl tun. Angaben zur Tierhaltung auf Fleisch- und Wurstverpackungen sind demnach vielen wichtig, genauso wie ein verbesserter Tierschutz.

Fünf Cent mehr pro Fleischmahlzeit fürs Tierwohl

Eine Studie des Thünen-Instituts zeigte Anfang Mai 2021, dass Verbraucher durch die geplanten Maßnahmen im Zuge der neuen Tierwohlprämie mit etwa fünf Cent mehr pro Fleischmahlzeit rechnen müssten. Bis 2040 wird es demnach für Landwirte außerdem 10 bis 20 Prozent teurer, Fleisch und Milch zu erzeugen. Zugrunde legte das Institut seiner Folgenabschätzung die Empfehlungen für eine verbesserte Tierhaltung. Diese hatte eine vom BMEL beauftragte Kommission im vergangenen Jahr vorgelegt. Das Bundeskabinett hat einen Gesetzesentwurf für das staatliche Tierwohllabel bereits im Herbst 2019 auf den Weg gebracht. Bislang gibt es aber noch keine Einigung. Wie nun bekannt wurde, wird über das Label auch erst die neue Bundesregierung entscheiden.

Leider spiegeln sich die Aussagen von Umfrageteilnehmern nicht direkt im Einkaufsalltag wieder. Billigfleisch und Wurst ganz ohne Hinweis auf die Haltung werden in Supermärkten und bei Discountern massenweise gekauft. "Wenn Sie Verbraucher befragen, sagen die meisten immer, dass sie mehr bezahlen würden. Das spiegelt sich beim Einkaufsverhalten nicht immer wieder", sagt dazu Thomas Trettwer vom Deutschen Fleischer-Verband (DFV). Sollten hierzu die bisherigen gesetzlichen Standards nicht ausreichen, dann bräuchte es aus Sicht von Justiziar Trettwer statt neuer freiwilliger Labels und Konzepte eine konsequente Kontrolle und gegebenenfalls bindende Gesetze – bestenfalls auf europäischer Ebene. Nur hier ließe sich die Landwirtschaft so verändern, dass es dann nicht in den einzelnen Ländern zu einer Verzerrung kommt.

Tierwohl per Steuer oder neuer Tierwohlabgabe?

Finanzieren möchte Bundesagrarministerin Julia Klöckner die freiwillige Tierwohlprämie, die der Staat den Landwirten verspricht, entweder über eine höhere Mehrwertsteuer für tierische Produkte von 19 statt 7 Prozent. Alternativ schlägt sie eine generelle Abgabe für alle Fleisch- und Wurstwaren vor, die mehr bieten als die Mindeststandards der gesetzlichen Bestimmungen. Doch auch hier sieht der DFV Hindernisse.

"Eine Steueränderung wäre zwar vergleichsweise einfach umzusetzen in Deutschland. Sie könnte aber zur Folge haben, dass Fleisch, das unter besseren Bedingungen erzeugt wird und für das ohnehin schon ein höherer Preis verlangt werden muss, unverhältnismäßig verteuert würde. Damit würde die Differenz zu billigeren Produkten vergrößert", sagt Thomas Trettwer. Zudem dürften Steuern nicht zweckgebunden sein. Eine neue Abgabe einzuführen, für alle, die beim Tierwohllabel mitmachen wollen, bringe dagegen einen erheblichen bürokratischen Aufwand mit sich. Insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen könnte dieser eine hohe Hürde darstellen. "Was dann davon für die Landwirte übrigbleibt und schließlich für das Tierwohl, kann man sich dann schon fragen", gibt er zu bedenken.

Der DFV sieht insgesamt noch viele offene Fragen bezüglich der Umsetzung der Tierwohl-Pläne. Das gilt aus Sicht von Thomas Trettwer vor allem, weil innerhalb des EU-Binnenmarktes eine Insellösung entstehe. Diese würde viele rechtliche Fragen aufwerfen. Wenn mehr Tierschutz nötig sei, wie es das BMEL selbst formuliert, dann sollte dieser durch Gesetze und entsprechende Kontrollen auf europäischer Ebene für alle gesetzlich vorgeschrieben sein. So könne man ein Abwandern in andere Mitgliedstaaten mit geringeren Tierschutzstandards verhindern.

Fleischerverband fordert regionale Strukturen zu erhalten

Auf der anderen Seite sollte man aber auch berücksichtigen, dass es nicht nur den Massenmarkt gibt mit einer Nutztierhaltung, bei der es an Tierwohl mangelt. Sondern eben auch regionale Strukturen mit Kooperationen zwischen Landwirten, die bereits jetzt höhere Tierschutzstandards erfüllen. Fleischereien bezahlen dafür höhere Preise. Solche vergleichbar kleinen, aber funktionierenden regionalen Systeme dürften nicht darunter leiden, dass neue Standards gelten, fordert der DFV. Versäumt man dies, bekommt die weitere Konzentration und Industrialisierung der Lebensmittelproduktion Vorschub. Thomas Trettwer nennt die Geflügelbranche als Beispiel: "Hier gibt es fast keine kleinen Erzeuger mehr."