Es ist rund 3,65 Meter lang und war Mitte des 20. Jahrhunderts schon beinahe ausgestorben – die Rede ist vom Alphorn. In der Werkstatt von Thomas Rupp wird das traditionsreiche Instrument noch heute auf klassische Weise gefertigt. Der DHZ gewährte er einen Blick hinter die Kulissen.
Mitten in der Natur des Ostallgäus zwitschern Vögel, während die Sonne den reichlich liegenden Schnee zum Glitzern bringt. Die warme Nachmittagssonne macht den kühlen Wintertag erträglich und betont das beeindruckende Alpenpanorama. Während die Einheimischen auf den zugefrorenen Seen Schlittschuh laufen, führt der Weg im kleinen Ort Seeg zu Thomas Rupps Werkstatt. Von außen wirkt sein Haus wie ein gewöhnliches Wohngebäude – kaum jemand würde vermuten, dass hier Alphörner entstehen.
Rupps Werkstatt befindet sich im Keller seines Wohnhauses. Schon beim Betreten strömt einem der Duft frischen Holzes entgegen. Der typische Schreinerei-Flair ist unverkennbar: Überall findet man Holz, Werkzeuge und Maschinen. Auf der großen Fräsmaschine liegen Rohlinge bereit, daneben warten einzelne Rohrstücke auf ihre Weiterverarbeitung. Das kleine Holzlager fällt erst auf den zweiten Blick ins Auge – hier lagern vor allem feinjährige Fichte und Tanne, perfekt geeignet als Klangholz.
Der komplizierte Bau eines Alphorns
Der Bau eines Alphorns erfordert viele Arbeitsschritte, die Rupp über die Jahre perfektioniert hat. Ein Alphorn zu bauen, ist eine große Kunst – Kanten, Überstände oder schlecht verarbeitete Stellen würden die Klangqualität sofort beeinträchtigen. "Diese wirken sich sofort auf die Ton- und Klangqualität aus", erklärt Rupp. In vielen Arbeitsschritten unterscheidet er sich von Großherstellern. Dank seiner Erfahrung als Trompeter kennt er die Anforderungen an ein Blasinstrument, und als gelernter Schreiner weiß er, welche Qualitätsstandards eine gute Holzverarbeitung erfüllen muss. Dadurch hat er einen besonders hohen Anspruch an seine Alphörner.
Mundstückbau als Einzigartigkeit
Auf dem Weg zur Sommerwerkstatt, die sich an der Garage befindet, führt der Weg an Rupps Holzlager vorbei. Neben dem Wohnhaus liegen verschiedene, vom Schnee bedeckte Holzstücke, die auf ihre Verarbeitung warten. Ein kühler Luftzug zieht durch die Werkstatt, in der auch die Mundstücke in Handarbeit gefertigt werden. "Mundstücke stellen die wenigsten noch selbst her, die werden meist hinzugekauft", so Rupp. Durch die Eigenfertigung kann er individuell auf Kundenwünsche eingehen. Manchmal erhalte er sogar Aufträge, nur ein Mundstück zu fertigen, erzählt er.
Schon früh begeisterte sich Thomas Rupp für Holzverarbeitung. Durch seine Leidenschaft für das Trompetenspiel entdeckte er das Alphorn für sich. 1988 baute er mit Hilfe eines Bekannten sein erstes Alphorn – auf dem Küchentisch seiner Eltern. Während seiner Schreinerlehre bessert er seinen Lehrlingslohn auf, indem er mit dem Alphorn auf der Straße musiziert, unter anderem bei Schloss Neuschwanstein. Danach pausierte er 22 Jahre mit dem Alphornbau. Erst 2011 nahm er die Arbeit wieder auf, nachdem seine Werkstatt bereits gut ausgestattet war.
Das Alphorn als ehemaliges Hirteninstrument
Lange Zeit war das Alphorn in Deutschland nahezu ausgestorben. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die Tradition durch einen Bezirksheimatpfleger wiederbelebt, seither erfreut sich das Instrument wachsender Beliebtheit – nicht nur im süddeutschen Raum. Früher von Hirten gespielt, sind es heute vor allem Mitglieder von Blaskapellen, die Alphörner nutzen, während Handwerker wie Rupp sie in traditioneller Weise anfertigen. Aufgrund seiner Geschichte sieht Rupp das Alphorn eher als Soloinstrument. Es wird ohne Ventile oder Klappen gespielt, die Töne entstehen ausschließlich durch Lippenbewegungen und das Blasen in das Horn. "Wer ein Blechblasinstrument spielen kann, kann auch Alphorn spielen", meint er. Er selbst probierte das erste Mal ein Alphorn aus, nachdem er sein eigenes fertiggestellt hatte.
Ein Alphorn ist meist rund 3,65 Meter lang. Rupps Alphörner besitzen am unteren Ende einen Hartholzring, der das Instrument schützt und den Klang stabilisiert. Dieser besteht aus Ulme, einem besonders zähen und harten Holz. "Das ist mein persönliches Lieblingsholz", sagt Rupp mit einem Schmunzeln. Das Alphorn darf nicht einfach auf den Boden gestellt werden – deshalb gehört zu jedem Instrument auch ein passender Ständer. Dieser ist wichtig, damit die Luftsäule im Horn frei schwingt und der Ton optimal klingt.
Die Anzahl der Alphörner, die Thomas Rupp jährlich baut, variiert. Anfragen gibt es genug, doch neben seinem Vollzeitjob als Berufsschullehrer und seiner großen Leidenschaft für den Posaunenchor bleibt ihm nur begrenzt Zeit für den Bau.
Nach seinen Werkstattführungen dürfen Besucher selbst ausprobieren, einem Alphorn einen Ton zu entlocken. Die einzelnen Teile des Alphorns sind so präzise aufeinander abgestimmt, dass sie nahtlos ineinander übergehen. Rupp wählt ein passendes Mundstück aus einem eigens gefertigten Holzständer, bevor er den Gästen eine kurze Einführung gibt. Am liebsten spielt er aber selbst – am besten an einem See, wie er sagt: "Das ist Erholung pur für mich!" Im Sommer findet man ihn daher fast jedes Wochenende mit seinem Alphorn in der Natur.

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Die Deutsche Handwerks Zeitung ist Kooperationspartner für dieses Seminar.

