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Digitale Handwerkerleistungen Thermondo, Homebell & Co.: Konkurrenz fürs Handwerk

Aus Sicht von Thermondo hat das SHK-Handwerk die Digitalisierung lange verschlafen. So konnte das Unternehmen binnen kürzester viele Kunden für sich gewinnen. Nun drängen immer mehr digitale Anbieter auf den Markt.

Wer in diesen Tagen bei seinem Handwerksbetrieb um die Ecke mal schnell einen Termin zur Wartung der Heizungsanlage vereinbaren will, könnte bitter enttäuscht werden. Die Auftragsbücher im Handwerk sind prall gefüllt. Zehn Wochen beträgt die durchschnittliche Wartezeit auf einen Handwerker. Eine Entlastung ist nicht in Sicht. Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer geht sogar davon aus, dass sich das Problem dank der guten Konjunktur"noch verschärfen" wird.

Profitieren könnten von der angespannten Situation digitale Anbieter von Handwerkerleistungen wie der Heizungsbauer Thermondo oder der Renovierungsspezialist Homebell. Beide Unternehmen werben wie ihre digital aufgestellten Wettbewerber damit, ihre Leistungen ohne lange Wartezeiten anbieten zu können. Sogar Wunschtermine seien machbar. Wie ist das möglich?

Mehr Zeit fürs Handwerk

Homebell kooperiert dazu mit Handwerksbetrieben aus dem gesamten Bundesgebiet. Das Konzept sieht vor, dass sich die teilnehmenden Handwerker allein auf die Durchführung des Auftrags beim Kunden vor Ort konzentrieren. Akquise, Kundenkommunikation, Angebots- und Rechnungsstellung, Materialbestellung und -lieferung sowie alle anderen zeitaufwendigen Schritte, die mit einem Auftrag verbunden sind, erledigt Homebell über seine Zentrale in Berlin."Wir haben festgestellt, dass wir die Handwerker durch Technologie entlasten können. Unsere Stärke liegt im Vereinfachen der Prozesse und in der Steigerung von Effizienz", sagt Freya Burrichter, Kommunikationsmanagerin bei Homebell.

Auch die Endkunden von Homebell sollen möglichst wenig Zeit aufwenden müssen. Wer seine Wohnung vor einem Umzug streichen möchte, bekommt mit wenigen Angaben zu Wohnort, Wunschtermin, Streichfläche und Farbe ein passendes Angebot.

Ähnlich funktioniert der digitale "Heizungsplaner" von Thermondo. Nachdem sich der Kunde in wenigen Minuten durch den Online-Fragenkatalog geklickt hat, wählt der Algorithmus mit dem vertrauenerweckenden Namen "Manfred" die passende Heizung aus.

Allerdings gibt es einen grundlegenden Unterschied zu Homebell. Thermondo kooperierte in seiner Startphase vor sechs Jahren ebenfalls mit Handwerkern. Inzwischen ist Thermondo selbst ein eingetragener Handwerksbetrieb, engagiert sich in der SHK-Innung und ist Mitglied in der Handwerkskammer Berlin. ­Alle auf der Webseite eingehenden Aufträge werden von direkt bei Thermondo angestellten Handwerkern erledigt. Im Gegensatz zu vielen anderen Betrieben in der Branche, beschränkt sich Thermondo jedoch auf das Geschäft mit Heizungen. Klima- und Sanitäran­lagen gehören nicht zum An­gebot.

Seine Stärke sieht Thermondo im Rundum-Service."Wir sind nicht pauschal günstiger als der lokale Betrieb um die Ecke. Bei Thermondo erhalten Kunden ihren Heizungswechsel aber im Komplettpaket", sagt Marketingleiter Stephan Herwig. Dazu zählten neben der Installation der neuen Anlage und der Entsorgung der Altheizung auch die Beratung und Unterstützung bei der Beantragung von Fördermitteln zum Heizungswechsel wie die KfW-Programme.

Zudem bietet Thermondo seinen Kunden ein Mietmodell an."Es richtet sich an Kunden, die die hohen Anschaffungskosten für eine neue Heizung auf eine Vertragslaufzeit von bis zu zehn Jahren aufteilen möchten", erklärt Herwig. In der Miete inbegriffen sind eine Art Vollkaskoversicherung zur Heizung inklusive jährlicher Wartung, Reparaturservice und im schlimmsten Fall auch dem Komplettaustausch der Anlage.

Thermondos Geschäftsmodell ist erfolgreich. 2016 lag der Umsatz bei 20 Millionen Euro. Das entspricht einem Wachstum von fast 11.000 Prozent seit 2013. Laut einem Ranking der Financial Times liegt Thermondo damit auf Platz zwei der am schnellsten wachsenden Firmen Europas. Thermondo hat jedoch auch erhebliche Finanzierungshilfen von Investoren erhalten.

Digitalisierung verschlafen

Aus Sicht von Thermondo verdankt die Firma ihren Erfolg auch den Versäumnissen im SHK-Handwerk."Tatsache ist, dass ein Großteil der SHK-Branche die Digitalisierung verschlafen hat", sagt Marketingchef Herwig. Gerade einmal jeder zweite SHK-Betrieb habe überhaupt eine eigene Webseite gehabt, als Thermondo mit seinem digitalen Geschäftsmodell an den Start ging.

Herwig spricht in diesem Zusammenhang von "Marktversagen" und einem "von Besitzstandswahrung dominiertem Ökosystem". Seine Kritik stützt Herwig gleich auf mehrere Fehler, die die klassischen Handwerksbetriebe gemacht hätten: "Die Branche hat nicht genug von der Kundenseite aus gedacht. Preise und Leistungen waren intransparent, es gab keine marktneutrale Beratung, keine geordnete Absatzfinanzierung und keine Inklusion von Förderprogrammen", so Herwig.

Thermondo nutzte das schonungslos aus und konnte mit seiner Digitalstrategie schnell viele Kunden abgreifen, die laut Herwig auch schon damals im Internet nach Angeboten recherchierten.

Im Zentralverband Sanitär Heizung Klima (ZVSHK) sorgte der neue Wettbewerber anfangs für Verstimmung. Inzwischen scheinen die Wogen geglättet. "Thermondo ist für uns nicht mehr das große Thema", sagt Frank Ebisch, Pressesprecher des ZVSHK, der sich bemüht, den Erfolg von Thermondo mit Zahlen zu relativieren. "2016 hat Thermondo 20 Millionen Euro umgesetzt, das SHK-Handwerk im gleichen Zeitraum 41,7 Milliarden Euro erwirtschaftet", sagt Ebisch. Auch Thermondo spricht inzwischen von einem "guten Verhältnis zum ZVSHK".

Konkurrenz wird stärker

Ausruhen kann sich der SHK-Verband dennoch nicht. Das lukrative Geschäft mit Heizung, Sanitär und Klima führt dazu, dass immer mehr Wettbewerber auf den Markt kommen. Neben Thermondo gehören dazu auch namhafte Hersteller der deutschen Heizungsindustrie, die Komplettpakete mit vermittelter Handwerkerleistung von Fachbetrieben bewerben.

"Durch dieses Verhalten werden unsere Lieferanten zu Wettbewerbern auf dem Markt. Dies ist mit Sicherheit wettbewerbsrechtlich nicht zu beanstanden, führt aber zu deutlichen Irritationen und zunehmender Verunsicherung im Vertriebsweg", sagt Ebisch. Nur zu jammern oder den neuen Anbietern den digitalen Markt gar kampflos zu überlassen, ist für den ZVSHK und seine Betriebe jedoch keine Option. "Die Digitalisierung in unserer Branche ist unumkehrbar. Die Betriebe müssen sich der neuen Wettbewerbssituation stellen und selbst aktiv werden", sagt Ebisch, der zugleich auch darauf verweist, welches Potenzial sich digital gut aufgestellten Handwerksbetrieben bietet. "Unsere Umfragen bestätigen, dass unsere Betriebe erster Ansprechpartner des Endkunden sind."

Die Digitalisierung fordert aber nicht nur die SHK-Betriebe heraus, sondern alle Handwerksbranchen. Homebell etwa bietet den Kunden mit seinem Renovierungsservice über das Internet die Leistung an, die auch der Malerbetrieb um die Ecke verkaufen will. "Der eigentliche Handwerker übt dann nur noch die Rolle eines Subunternehmers für die digitalen Plattformen aus", heißt es vom Zentralverband des Deutschen Handwerks.

Den Betrieben bleiben am Ende nur zwei Möglichkeiten: Partner der digitalen Portale werden oder eine schlagkräftige Alternative bieten.

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