Bei Maybrit Illner diskutieren Spitzenpolitiker eine Dreiviertelstunde über Teilzeit, ohne neue Erkenntnisse zu liefern. Dann spricht ein Handwerker aus Rostock fünf Minuten Klartext und benennt den Kern des Problems.

Maybrit Illner machte nach etwa zwei Dritteln ihrer Sendung am Donnerstagabend einen gefrusteten Eindruck. Sie musste mehrfach nachfassen, um die DGB-Chefin Yasmin Fahimi, die sich einmal mehr zum Thema Teilzeit in Rage geredet hatte, dazu zu bringen, ihr zuzuhören und auf den nächsten Punkt umzuschwenken. "Ok", sagte sie fast schon verzweifelt, ließ Fahimi noch ihren Satz zu Ende bringen und landete danach wieder in derselben Diskussion wie schon zuvor. Es war eine Talkshow, die zeigte, wie kaputt die Debattenkultur in Deutschland ist.
Ein Zeichen dafür war, dass die Gäste – CDU-Kanzleramtsminister Thorsten Frei, Katharina Dröge (Grüne), Yasmin Fahimi (DGB-Vorsitzende), der Ökonom Michael Hüther und der Journalist Robin Alexander – fast eine Dreiviertelstunde der insgesamt einstündigen Talkshow um das Thema "Lifestyle-Teilzeit" kreisten und es ihnen nicht gelang, dazu auch nur einen neuen Aspekt hinzuzufügen. Dröge verwies beispielsweise darauf, dass Teilzeit oft unfreiwillig sei und in der Mehrzahl Frauen betreffe, Alexander warf der Grünen vor, die Forderungen der Union absichtlich missverstanden zu haben. Lediglich Hüther versuchte, die altbekannten Argumente um das der Demografie zu ergänzen. Bei der niedrigen Geburtenrate sei eine Debatte um Begriffe wie Faulheit letztlich "Quatsch. Es geht darum, wie wir mit der altersbedingten Schrumpfung der Erwerbspersonen umgehen." Das war ein wichtiger und richtiger Punkt, doch er fand in einer Runde, die sich an den alten Argumenten festgebissen hatte, keinen Widerhall.
Frei räumt CDU-Vorschläge ab
Dabei hätten sich die Diskutanten auch neuen Erkenntnissen widmen können, denn Frei hatte die Vorschläge aus dem Dunstkreis der Union gleich zu Beginn eigentlich abgeräumt. Die Einschränkung des Rechtsanspruchs auf Teilzeit – und darum geht es letztendlich, nicht um die Möglichkeit zur Teilzeit generell – oder der Vorschlag des CDU-Wirtschaftsrats, Zahnbehandlungen aus dem Katalog der Gesetzlichen Krankenversicherung zu nehmen, würde "sicher nicht überleben", sagte der Kanzleramtsminister mit Blick auf den anstehenden CDU-Parteitag. Man wolle den Menschen nicht vorschreiben, wie sie ihr Leben zu gestalten hätten. Der Druck auf die Union war wohl wieder einmal zu groß geworden, natürlich auch, weil die Grünen sehr offensiv gegen die Forderungen polemisiert hatten.
"Mehr Netto vom Brutto"
Dennoch wurden erneut die bekannten Argumente ausgetauscht, der Erkenntnisgewinn für den Zuschauer war nahe null. Als Illner dann Bäckermeister Matthias Grenzer aus Rostock interviewte, war dies wie so oft ein aufschlussreicher Blick in die Praxis. Auch wenn das Gespräch mit ihm nur etwas mehr als fünf Minuten dauerte, stellte Grenzer die richtige Frage: Warum die Politik sich keine Gedanken darum machen würde, dass den Menschen mehr von der Arbeit bleibt. "Definitiv mehr Netto vom Brutto", antwortete er auf die Frage Illners, ob es hier eine Unwucht gebe. "Es muss mehr ankommen bei der arbeitenden Bevölkerung."
Das war eine zwar kurze, aber umso wichtigere Intervention in der Diskussion, denn keiner der anwesenden Diskutanten hatte sich zuvor an dieses Thema gewagt. Die hohen, progressiv steigenden Steuern und Abgaben in Deutschland führen nämlich dazu, dass das Arbeiten in der Tendenz unattraktiver wird, je mehr man verdient, und im Umkehrschluss das Wenigerarbeiten sogar sehr attraktiv sein kann, wenn es in der persönlichen Abwägung mehr wertvolle Freizeit bringt als es Geld kostet. Dies "Lifestyle-Teilzeit" zu nennen, ist zugespitzt, aber sicher nicht falsch.
Grenzer berichtete dann noch aus seinem Betrieb, in dem 17 Frauen arbeiteten, etwa zur Hälfte in Teilzeit und Vollzeit. "Das ist bei uns jedem selbst überlassen", sagte er. Was aber nicht gehe: "Wenn jemand Teilzeit arbeitet, aber trotzdem noch Geld aus den Sozialkassen bezieht", so Grenzer. Und der Bäckermeister fand schließlich auch den richtigen Ton, als es um die Frage ging, ob ein Feiertag in Deutschland zugunsten von mehr Produktivität gestrichen werden solle. Es sei jedenfalls "Blödsinn", einen Feiertag, der auf ein Wochenende gefallen sei, am Montag drauf nachzuholen, und es wäre schon mal schön, wenn jedes Bundesland dieselbe Anzahl an Feiertagen hätte.
Das Feiertags-Thema wurde in der großen Runde dann auch noch gestreift, natürlich ebenfalls eher unergiebig und mit den alten Frontlinien – Dröge und Fahimi gegen Frei und Hüther, der sich in der aufgeheizten Stimmung vergeblich darum bemühte, als die Stimme der ökonomischen Vernunft wahrgenommen zu werden. Robin Alexander indes versuchte, Dröge in der Debatte zu stellen, warf ihr vor, die CDU-Vorschläge absichtlich missverstanden zu haben und "falsch Zeugnis abgelegt" zu haben – ein biblischer Ausdruck für Lügen. Doch anstatt einmal auf den Boden zu kommen, zeigte sich Dröge irritiert und wies alle Anschuldigungen Alexanders zurück.
CDU-Kommunikation dürftig
Und so blieb der Zuschauer einmal mehr ratlos zurück. Die Kommunikation der CDU – allen voran die des Bundeskanzlers – zum Thema Teilzeit war natürlich eine Steilvorlage für den politischen Gegner, um eine Debatte um vermeintliche Faulheit in Deutschland anzustoßen. Auf der anderen Seite sprechen die Zahlen in Sachen Arbeitsvolumen und Teilzeitquote nicht dafür, dass sich wirklich das ganze Land aktiv und umfassend am Arbeitsleben beteiligen würde. Es gebe ganze Lehrerkollegien, die Teilzeit arbeiteten, sagte Alexander, und da sei es schwierig, einen Stundenplan zu machen. "Darüber muss man doch als Erwachsener sprechen können." Doch das wollten einige Teilnehmer – allen voran Dröge und Gewerkschafterin Fahimi – an diesem Abend wohl eher nicht.
Fahimi skizzierte ein Land, in dem Beschäftigte von den Arbeitgebern herumgeschubst werden, was natürlich in der Praxis nicht haltbar ist, wo nicht selten große Freiheiten für Arbeitnehmer existieren. Frei hingegen beharrte darauf, dass das Arbeitsvolumen gesteigert werden müsse. Und weil die Devise in Talkshows zu sein scheint, dass man niemals vor Publikum von seinem Standpunkt auch nur einen Millimeter abweichen darf, ergaben sich die erwähnten verhärteten Fronten.
Die Krise verhärtet die Debatten
Maybrit Illners Talkshow war an diesem Abend ein Abbild der Debattenkultur in Deutschland. Leider konnte der Schluss daraus nur lauten, dass diese komplett im Eimer ist. Menschen, die eigentlich verständig genug sein müssten, vernünftig Argumente auszutauschen, sind angesichts einer eklatanten Krise mit Verteilungskämpfen nicht bereit, auch nur einen Schritt auf den anderen zuzugehen. Wenn das eine Blaupause für die kommenden Jahre ist, dann dürften die Zeiten nicht besser werden.
>> Hier können Sie sich die Sendung vom 5. Februar ansehen