Filmkritik zum Frankfurter Tatort "Land in dieser Zeit" Tatort-Kritik: Grausamer Tod im Friseursalon

Am kommenden Sonntag (8. Januar, 20.15 Uhr) läuft in der ARD der neue Frankfurter Tatort "Land in dieser Zeit". Gesucht wird im TV-Krimi der Mörder einer jungen Friseurin. Unter Tatverdacht steht auch eine ausländerfeindliche Kollegin.

Lars-Christian Daniels

Ausgebrannt: Die Frankfurter Hauptkommissare Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) untersuchen gemeinsam mit Kriminaltechniker Uhlich (Sascha Nathan, 1.v.l.) den verwüsteten Friseursalon. Auf den Bürgersteig hat der Täter "KILL ALL NAZIS" geschrieben. - © HR/Degeto/Bettina Müller

Schon der Einstieg in den neuen Frankfurter "Tatort" ist nichts für schwache Nerven: Den Hauptkommissaren Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch), die zum fünften Mal für die beliebte Krimireihe der ARD im Einsatz sind, bietet sich in einem Friseursalon am fiktiven Tettenbornplatz ein Bild des Grauens. Nach einem nächtlichen Brandanschlag ist vom Körper der jungen Auszubildenden Melanie Elvering nicht viel übrig geblieben: Ihre bis zur Unkenntlichkeit verkohlte Leiche liegt zwischen den Trümmern des ausgebrannten Handwerksbetriebs, dessen Interieur durch die Flammen komplett zerstört wurde. Einzig ein Metallkettchen mit dem Namenszug „Melanie“ ist unversehrt geblieben und lässt auf die Identität der Toten schließen. Was ist passiert? Wurde die junge Auszubildende gezielt ermordet oder war sie womöglich nur zufällig vor Ort, als der Täter einen Molotow-Cocktail durch die Scheibe warf?

Die Suche nach der Auflösung

Der Schweizer Regisseur Markus Imboden, der zuletzt beim schrägen Frankfurter Tatort "Wendehammer" und beim Münchner Weihnachtstatort "Klingelingeling" am Ruder saß, inszeniert einen klassischen Sonntagskrimi nach dem "Whodunit"-Prinzip, bei dem zu Beginn eine Leiche gefunden wird und den Kommissaren eineinhalb Stunden Zeit bleibt, um den Täter zu finden. Der Zuschauer darf dabei fleißig miträtseln, doch schon bald wird klar, dass die Filmemacher sich einen zweiten Auftrag mit auf die Fahnen geschrieben haben: Direkt vor dem Salon hat der Täter in großen Buchstaben den Satz „KILL ALL NAZIS“ auf den Bürgersteig geschrieben. Eine Racheaktion an die Angestellten, die wenige Tage zuvor mit senegalesischen Drogendealern aneinandergeraten waren? Die Drehbuchautoren Khyana el Bitar, Dörte Franke und Stephan Brüggenthies entführen den Zuschauer schon bald ins rechtsextreme Milieu, in dem die tote Friseurin womöglich aktiv war.

"Rechts ist nicht immer gleich rechts."

Friseurmeisterin Rosi Grüneklee (Birge Schade) wiegelt ebenso ab wie Melanies Kollegin Vera Rüttger (Jasna Fritzi Bauer): Nur weil man keine afrikanischen Dealer vor dem Eingangsbereich seines Ladens dulde, sei man noch lange kein Nazi, und auch Kommissarin Janneke ( "Rechts ist nicht immer gleich rechts.") weiß durchaus zwischen den verschiedenen Klientelen zu unterscheiden. Die filmische Auseinandersetzung mit den Strukturen der rechten Szene fällt angenehm differenziert aus, weil die Kommissare zwischen den verschiedenen Graden an Fremdenfeindlichkeit abzustufen wissen: Mit Veras arroganten Freundinnen Juliane Kronfels (Anna Brüggemann) und Margaux Brettner (Odine Johne) gibt es zwei weitere Tatverdächtige, die eher dem rechtsintellektuellen Spektrum zuzuordnen sind und die gelernte Handwerkerin bei jeder Gelegenheit spüren lassen, dass sie sich mit ihrem Studium für etwas Besseres halten ( "Du dumme kleine Friseuse, was willst du überhaupt?") .

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    Ausgebrannt: Die Frankfurter Hauptkommissare Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) untersuchen gemeinsam mit Kriminaltechniker Uhlich (Sascha Nathan, 1.v.l.) den verwüsteten Friseursalon. Auf den Bürgersteig hat der Täter "KILL ALL NAZIS" geschrieben.
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    Nachgefragt: Hauptkommissarin Anna Janneke (Margarita Broich, re.) vernimmt die geschockte Friseurmeisterin Rosi Grüneklee (Birge Schade, links). Sie war die Chefin der getöteten Auszubildenden.
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    Erste Begegnung: Die Hauptkommissare Paul Brix (Wolfram Koch, li.) und Anna Janneke (Margarita Broich) lernen am Tatort ihren neuen Chef Fosco Cariddi (Bruno Cathomas) kennen. Er hat bei der Frankfurter Kripo die Nachfolge von Kommissariatsleiter Henning Riefenstahl (Roeland Wiesnekker) angetreten.
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    Analyse: Die Frankfurter Hauptkommissare Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch, re.) analysieren mit Kriminaltechniker Uhlich (Sascha Nathan) den möglichen Tathergang. Jemand hat einen Brandsatz durch die Scheibe des Friseursalons geworfen und ist anschließend geflüchtet.
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    Unter Tatverdacht: Friseurgesellin Vera Rüttger (Jasna Fritzi Bauer, li.) ist nicht immer einer Meinung mit ihren Freundinnen Juliane Kronfeld (Anna Brüggemann) und Margaux Brettner (Odine Johne). Alle drei sind in der rechten Szene aktiv und singen gemeinsam im Chor.

Politisch nicht immer korrekt

Mit der Political Correctness nehmen es die Filmemacher allerdings weniger genau: "Scheiß Flüchtlinge", murmelt der genervte Brix gleich zu Beginn vor sich hin, weil seine Vermieterin Fanny (Zazie de Paris) nach einem Wasserrohbruch in einer Flüchtlingsunterkunft zwei Syrer und eine verschleierte Frau aus dem Jemen im Haus aufgenommen hat und diese morgens das Bad blockieren. Später werden diese irritierenden Worte mit einer emotionalen Brandrede Jannekes glattgebügelt – das funktioniert allerdings genauso wenig wie es der unter dem Strich enttäuschende Krimi als Gesamtpaket tut. Im Vergleich zum thematisch ähnlich gelagerten Kölner Tatort "Odins Rache", in dem sich Hauptkommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär) 2004 eine Bomberjacke überstreifte, oder zum Dortmunder Tatort "Hydra", in dem Oberkommissarin Nora Dalay (Aylin Tezel) 2015 von Rechtsradikalen misshandelt wurde, kann der 1007. Tatort nämlich bei weitem nicht mithalten.

Ein Tatort mit vielen Schwächen

Gerade im Hinblick auf die Figuren bleiben einige Fragen offen: Warum sich die junge Friseurgesellin so stark zu fremdenfeindlichen Glatzköpfen hingezogen fühlt, wird allenfalls angedeutet, während die Existenzängste von Chefin Grüneklee in wenigen Sätzen abgefrühstückt werden. Der rote Faden geht oft verloren, weil die Filmemacher das Erfolgsrezept der Reihe zugunsten von dünnem Dialogwitz und Trivialitäten vernachlässigen: Mehr als einmal fallen in diesem missglückten Tatort Akten zu Boden oder es wird Kaffee verschüttet, weil  aus Versehen jemand angerempelt wurde – für die Geschichte ist das weder nötig, noch amüsant, und Spannung will auch nur selten aufkommen. Der Tatort "Land in dieser Zeit" ist der schwächste Krimi aus Frankfurt seit Jahren, weil die Filmemacher das Gespür für die richtige Mischung aus kniffligem Kriminalfall, humorvollen Zwischentönen und gelegentlichen Exkursen ins Privatleben der Ermittler vermissen lassen.

Auch der neue Chef nervt

So überzeugend die bisherigen vier Fälle von Janneke und Brix ausfielen, so enttäuschend ist ihr fünfter Einsatz: Kommissariatsleiter Henning Riefenstahl (Roeland Wiesnekker) hat sein Büro geräumt und wird von Kripo-Chef Fosco Cariddi (Bruno Cathomas) beerbt, der eine spezielle Vorliebe mitbringt – er zitiert in jeder freien Minute aus den eigenwilligen Werken des österreichischen Dichters Ernst Jandl und dürfte mit diesen nervtötenden Vorträgen nicht nur bei den verdutzten Kommissaren, sondern auch bei vielen Zuschauern für ein dickes Fragezeichen auf der Stirn sorgen. Der Hessische Rundfunk, der neben dem Tatort aus "Mainhattan" auch für die umstrittenen Wiesbadener Folgen mit Hauptdarsteller Ulrich Tukur verantwortlich zeichnet, ist für seine Experimentierfreudigkeit berühmt und berüchtigt, doch diesmal geht der Schuss nach hinten los: Cariddi ist das negative i-Tüpfelchen auf einen verkorksten Tatort, wie man ihn nach den oft herausragenden Beiträgen der letzten Jahre in Hessen kaum noch für möglich gehalten hätte.

TV-Termin: Sonntag, 8. Januar, 20.15 Uhr – Das Erste

Tatort: „Land in dieser Zeit“, Deutschland 2017 
Regie: Markus Imboden; Drehbuch: Khyana el Bitar, Dörte Franke und Stephan Brüggenthies 
Schauspieler: Margarita Broich, Wolfram Koch, Jasna Fritzi Bauer, Anna Brüggemann u.a.