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Gebäudereiniger-Präsident Thomas Dietrich im Interview Tarifstreit und Arbeitskräftemangel beschäftigen die Gebäudereiniger

Nach sechs gescheiterten Verhandlungsrunden liegen die Nerven blank: Die IG BAU stellt Reinigungs-Unternehmen auf ihrer Webseite an den Pranger. Die Gebäudereiniger werfen der Gewerkschaft scheinheilige Dreckschleuderei vor. Im DHZ-Interview erklärt Gebäudereiniger-Präsident Thomas Dietrich, warum sich Gewerkschaft und Gebäudereinigerinnung bisher nicht einigen konnten, wie sich der Arbeitskräftemangel auf die Branche auswirkt und warum Multi-Kulti ein Vorteil ist.

DHZ: Herr Dietrich, in Ihrer Branche rumort es derzeit gewaltig. Sie streiten mit der IG BAU um einen neuen Rahmentarifvertrag. Warum?

Dietrich: Wir mussten den alten Tarifvertrag wegen eines aktuellen Urteils des Bundesarbeitsgerichts kündigen. Das Gericht hat seine seit Jahrzehnten geltende Rechtsauffassung überraschend verworfen. Das Urteil besagt, dass Zuschläge für Mehrarbeit nicht nur für Vollzeit-, sondern auch für Teilzeitkräfte gelten. Das ist weder gerecht noch finanzierbar.
 
DHZ: Weswegen?

Dietrich: Es würde zum Beispiel bedeuten, dass jemand, der regulär pro Tag nur zwei Stunden arbeitet, für die dritte Stunde einen Zuschlag von 25 Prozent bekäme, die Vollzeitkollegen dagegen nicht. Ist das fair? Nein!

Gebäudereiniger streiten mit IG BAU um Mehrarbeitszuschläge

DHZ: Ein zentraler Streitpunkt sind auch die Urlaubstage.

Dietrich: Wir haben in der sechsten Tarifrunde erneut viele Zugeständnisse gemacht, unter anderem den Branchentreue-Bonus beim Urlaub, heißt: einmal 30 Tage – immer 30 Tage, auch bei Arbeitgeberwechsel. Das ist 1 zu 1 eine Forderung der IG BAU. Wir haben höhere Löhne für Gesellen angeboten, einen neuen Zuschlag für Industriereiniger, wir waren offen für verbesserte Sonn-, Nacht- und Feiertagszuschläge und haben Mehrarbeitszuschläge für Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigte ab Überschreitung der 8. Arbeitsstunde angeregt. Das wäre ein starker Rahmentarifvertrag für die Beschäftigten gewesen. Und dann, nach elf Stunden Verhandlung, kommt die IG BAU wieder mit dem Weihnachtsgeld um die Ecke.

DHZ: Die IG BAU wirft der Branche Lohn-Geiz vor, gerade auch, weil Sie beim Weihnachtsgeld blocken.

Bundesinnungsmeister der Gebäudereiniger Thomas Dietrich

Dietrich: Es ist für mich unverständlich, warum die IG BAU unsere gemeinsamen Erfolge als Sozialpartner so schlechtredet: Die Einstiegslöhne liegen 15 Prozent über Mindestlohn und sind allgemeinverbindlich. Die Ausbildungsvergütung steigt 2020 bundesweit auf bis zu 1050 Euro im Monat. Gesellen steigen bei uns oftmals über 2.500 Euro ein. Als erste Handwerksbranche überhaupt schaffen wir die Angleichung von Ost- und Westlöhnen bis 2020. Da sind wir stolz drauf! Für die ostdeutschen Unternehmen sind das Lohnsteigerungen von fast 20 Prozent binnen drei Jahren. Auch beim Weihnachtsgeld sind wir offen für Gespräche. Aber: Das, was die IG BAU Weihnachtsgeld nennt, ist ein 13. Monatsgehalt und damit eine Lohnforderung, das gehört in die nächste Lohnrunde 2020.

Moderne Tagelöhnerei im Parallelmarkt der Privathaushalte

DHZ: Ihr Verband vertritt 2.500 Mitgliedsbetriebe, die Branche zählt aber deutlich mehr als 30.000 – sprechen Sie für alle Betriebe?

Dietrich: Unbedingt, unsere Mitglieder bilden von Klein bis Groß die gesamte Breite ab, und sie repräsentieren 85 Prozent des gesamten Marktes. Wen wir allerdings nicht vertreten, das sind die Plattformen beziehungsweise die Soloselbstständigen, die auch nicht dem Tariflohn unterliegen. Hart ausgedrückt ist dieses Geschäftsmodell in unseren Augen moderne Tagelöhnerei. Auch den Parallelmarkt im Bereich der Privathaushalte, in dem in der Regel schwarz gearbeitet wird, vertreten wir nicht. Wir sind vor langer Zeit dem Bündnis gegen Schwarzarbeit beigetreten, um nach innen und außen sicherzustellen, dass alle mit den gleichen Eingangslöhnen arbeiten.

DHZ: Wären die Privathaushalte denn überhaupt ein Markt für die größeren Reinigungsunternehmen?

Dietrich: Nein, im Moment nicht. Wir hätten das Personal gar nicht, um den Markt zu bedienen. Vor allem aber sind private Auftraggeber wohl nicht bereit, die entsprechenden Preise zu bezahlen, einschließlich Sozialabgaben, Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall und Urlaub und sich den arbeitsrechtlichen Schutzvorschriften zu unterwerfen.

Minijobs und Lohnsteuerklassen III/V behindern

DHZ: Auch auf politischer Ebene ringen Sie um Änderungen, vor allem bei Minijobs und den Lohnsteuerklassen. Warum?

Dietrich: Die Schallgrenze von 450 Euro bei Minijobs ist kontraproduktiv. Wenn es per Tarifvertrag Lohnerhöhungen gibt, beschert das Minijobbern nicht mehr Lohn, sondern mehr Freizeit. Sie reduzieren ihre Arbeitszeit, weil sie sonst über die Geringfügigkeitsgrenze kommen. Wir sind deshalb für die Abschaffung der Minijobs, mindestens aber für eine dynamische Anpassung der 450-Euro-Grenze, damit auch die Minijobber von Lohnerhöhungen profitieren. Vorstellbar wäre eine Anpassung alle zwei Jahre analog zum allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn. Auch die Aufteilung in Lohnsteuerklasse III/V erschwert uns den Zugang zu Arbeitskräften: Viele Frauen mit geringerem Zweiteinkommen wollen nicht in Lohnsteuerklasse V fallen und bleiben deswegen lieber Geringverdienerinnen.
 
DHZ: In Berlin ist gerade ihre wichtigste Branchenmesse, die CMS, zu Ende gegangen. Von den politischen Fragen abgesehen: Was bewegt ihr Gewerk zurzeit am meisten?

Dietrich: Ganz eindeutig: Der Arbeitskräftemangel. Wir haben zwar noch leicht steigende Umsatzzuwächse. Aber wir könnten viel stärker wachsen, wenn es das Arbeitskräftepotenzial gäbe.

DHZ: Digitalisierung ist in aller Munde. Können nicht Reinigungsroboter die Personallücken füllen?

Dietrich: Die Digitalisierung ist hochspannend, und sie verändert auch unser Business – Stichwort Sensorik, Automation oder Co-Robotik. Aber in der Breite werden Roboter noch lange nicht den Menschen ersetzen. Roboter können schon große Flächen reinigen, aber in den vielen Bestandsgebäuden können sie noch nicht alleine agieren. Es fehlt die notwendige Sensorik dafür. Richtig bleibt: Unsere Branche ist ein People Business, wir brauchen die Arbeitskräfte.

Azubimangel ist ein wunder Punkt

DHZ: Auch beim Nachwuchs hakt es. Rechnerisch stehen derzeit 127 ausgeschriebenen Ausbildungsstellen im Gebäudereiniger-Handwerk nur 100 Bewerber gegenüber.

Dietrich: Der Azubimangel ist ohne Zweifel ein wunder Punkt, auch in unserer Branche. Vor 15 Jahren hatten wir rund 4.000 Azubis, heute sind es nur noch halb so viele. Wir finden nicht genügend Bewerber, in strukturschwachen Regionen genauso wie in Ballungszentren. Dabei erleben wir, dass diejenigen, die erst einmal über eine Ausbildung in der Branche Fuß gefasst haben, dann auch bleiben. Vor allem die Aufstiegschancen in unserer Branche sind hervorragend. Das ist ein Hoffnungsschimmer. Ansonsten gilt: Für Image und Inhalt werben!

DHZ: Was tun Sie dafür?

Dietrich: Unsere Ausbildungsvergütungen sind stark gestiegen, da bewegen wir uns auf hohem Niveau. Außerdem haben wir seit August eine neue Ausbildungsverordnung, die der Digitalisierung deutlich mehr Raum gibt und junge technikaffine Zielgruppen anziehen könnte. Auch unsere Imagekampagnen und die des ZDH zeigen partiell Wirkung. Aber all das reicht nicht, wenn sich nicht im politischen Denken etwas ändert: Das deutsche Bildungssystem fördert zu sehr die schulische und universitäre, aber zu wenig die duale Ausbildung.
 
DHZ: Könnte es auch Bewerber abschrecken, dass bei Ihnen jeder vierte Beschäftigte Migrationshintergrund hat und mindestens drei Viertel Teilzeitkräfte sind?

Dietrich: Nein, ganz im Gegenteil! Gerade das macht unsere Branche interessant. Wir sind offen für alle, für Einsteiger und Quereinsteiger. Bei uns bekommt jeder eine Chance, unabhängig von seinem sozialen Hintergrund oder seiner Migrationsgeschichte. Wir sind stolz darauf, Multi-Kulti zu sein. Nur würden wir uns wünschen, dass der Spracherwerb stärker gefördert würde. Fehlende Sprachkenntnisse sind auch in unserer Branche ein echtes Hemmnis.

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