Interview "Tarifbindung ist eine Art Gütesiegel"

Nadine Boguslawski ist im Vorstand der IG Metall fürs Handwerk zuständig. Die Gewerkschafterin wünscht sich mehr Tarifverträge in Handwerksbetrieben, verteidigt das Bürgergeld und den Mindestlohn und macht enttäuschten Bürgerinnen und Bürgern ein Angebot.

IG Metall, Nadine Boguslawski
Nadine Boguslawski ist seit Oktober 2023 Hauptkassiererin der Gewerkschaft IG Metall. Die gelernte Industrieelektronikerin verantwortet die Bereiche Finanzen sowie Tarifpolitik und Handwerk. Boguslawski ist 47 Jahre alt und verheiratet. Vorher war sie Erste Bevollmächtigte der IG Metall Stuttgart. - © Martin Joppen

Frau Boguslawski, wie würden Sie die Stimmung im Handwerk gerade beschreiben?

Nadine Boguslawski: Viele Beschäftigte sind verunsichert, trotz mitunter guter Auslastung in den Betrieben. Die Mitarbeiter fragen sich: Was kommt auf uns zu, was bedeutet das Sparprogramm der Bundesregierung, wie geht es mit uns weiter? Und hier kommt eine Stärke der Sozialpartnerschaft, auch bei uns im Handwerk, zum Tragen: Wir sind diejenigen, die Sicherheit im Wandel geben können.

Welchen Anteil trägt die Ampel-Koalition in Berlin an der Verunsicherung?

Wer sich intern blockiert, versperrt auch den Blick in die Zukunft und schürt damit auch Verunsicherung. Grundsätzlich bin ich schon zufrieden mit der Ampel, wenn man sich den Koalitionsvertrag anschaut. Da sehen wir doch einen sehr hohen Erfüllungsgrad. Vor allem, wenn man bedenkt, unter welch schwierigen Bedingungen die Bundesregierung arbeiten muss.

"Eine Kürzungsdebatte ist nicht hilfreich, wir brauchen ein gutes Innovationsklima und Investitionen für die Zukunft."

Aber trotzdem ist das Haushaltsloch ein Problem. Wie groß ist ihre Sorge, dass wegen der Finanzierungslücke fürs Handwerk wichtige Projekte wegfallen müssen?

Wir brauchen gerade das Gegenteil. Wir benötigen eine Art Sondervermögen auch für die Förderung der Wirtschaft. Eine Kürzungsdebatte ist nicht hilfreich, wir brauchen ein gutes Innovationsklima und Investitionen für die Zukunft.

Kann sich Deutschland unter diesen Umständen Klimaschutz noch leisten?

Wir als IG Metall treten für einen solidarischen, ökologischen und demokratischen Umbau der Wirtschaft ein. Für eine Gestaltung der Transformation. Wichtig ist, dass wir die Beschäftigten mitnehmen, sodass keine Unsicherheit entsteht. Wir brauchen grünen Stahl, wir brauchen Wasserstoff und Investitionen in die Energiewende. Das wird sich auch auszahlen: für die Umwelt und die Menschen. Klar ist, die Art und Ausgestaltung der Arbeit wird sich in den kommenden Jahren ändern. Nehmen wir als Beispiel das Kfz-Handwerk. Tätigkeiten, die heute klassisch in der Werkstatt gemacht werden, mit hohen Arbeitsanteilen am Verbrennungsmotor in der Wartung, ändern sich grundlegend mit dem Elektromotor. Wir müssen hier die Unsicherheit nehmen. Und das geht tatsächlich nur gemeinsam, da sind die Politik und die Sozialpartner gefragt, also auch Innungen und Gewerkschaften.

Eines der drängendsten Probleme im Handwerk ist der Fachkräftemangel. Welchen Beitrag kann Politik leisten, können auch Gewerkschaften leisten, um das Problem zu mildern?

Wir müssen auf verschiedene Ebenen ansetzen. Auf der einen Seite müssen wir natürlich die Attraktivität der Arbeitsbedingungen, die Attraktivität des Handwerks per se stärken, damit die Beschäftigten nicht in die Industrie oder andere Branchen abwandern. Da landen wir schnell bei der Frage der Tarifbindung. Wir haben gerade im Handwerk viele Betriebe, die nicht tarifgebunden sind. Ich glaube, eine Stärkung auch der Tarifpartnerschaft und der tariflichen Verankerung würde helfen.

"60 Prozent der jungen Menschen, die im Handwerk teilweise eine tolle Ausbildung gemacht haben, werden von anderen Branchen abgegriffen und wandern ab – auch weil es an Attraktivität in einigen Handwerksberufen mangelt."

Das müssen Sie als Vertreterin der IG Metall auch so sagen…

(lacht) Selbstverständlich löst die Tarifbindung alle Probleme dieser Welt. Nein, mal ganz im Ernst: Mit Tarifbindung ist ein Unternehmen attraktiver für die Beschäftigten, sie ist eine Art Gütesiegel. In den Branchen, für die wir als IG Metall zuständig sind, besteht eine höhere Sicherheit für die Beschäftigten – und sie sind zufriedener. Unser größtes Problem besteht doch darin: 60 Prozent der jungen Menschen, die im Handwerk teilweise eine tolle Ausbildung gemacht haben, werden von anderen Branchen abgegriffen und wandern ab – auch weil es an Attraktivität in einigen Handwerksberufen mangelt. Nur noch 30 Prozent der Beschäftigten haben einen Tarifvertrag. Am Ende entscheiden die konkreten Arbeitsbedingungen im Betrieb. Passgenaue und attraktive, mit der IG Metall vereinbarte Tarifverträge im Handwerk bieten hierfür einen ausgezeichneten Rahmen. Wenn wir über Fachkräftesicherung reden, müssen wir auch über die Frage der Tarifbindung sprechen.

IG Metall, Nadine Boguslawski
martinjoppen.de - © Martin Joppen

Das ist die Perspektive der Arbeitnehmer, aber was hat der Arbeitgeber davon?

Die Unternehmen haben Planungssicherheit. Es ist einfacher für sie, weil nicht jeder Betrieb Arbeitsbedingungen mit den Beschäftigten oder einzeln mit der IG Metall aushandeln muss. Wir haben einen besseren Zugang zueinander, um gemeinsam Themen zu bearbeiten und Inhalte umzusetzen. Ich finde, das ist auch für die Innungen ein Riesenvorteil. Über eine starke Interessensvertretung im Betrieb kommt man an Leute heran, die man in der Selbstverwaltung etablieren kann. Das bedeutet eine Stärkung des Ehrenamts insgesamt.

Viele Betriebsinhaber fürchten, dass sich ihre Tätigkeit noch weiter verkompliziert, wenn Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsthemen in ihren Unternehmen zu viel Raum bekommen…

Ich empfinde hier die Haltung mancher Arbeitgebervertreter, gelinde gesagt, als etwas widersprüchlich. Einerseits sich gegen Tarifverträge wehren, andererseits das ehrenamtliche Engagement in der Sozialpartnerschaft beschwören oder mehr Engagement auf der Arbeitsebene einfordern, das passt nicht zusammen. Es ist doch keineswegs so, dass wir gegeneinander arbeiten. Im Gegenteil: In den Handwerkskammern sitzen oft erfahrene Betriebsräte. Die IG Metall hat ihre Basis im Betrieb und nicht im Elfenbeinturm. Unsere Gewerkschaftspolitik entsteht, indem uns Arbeitnehmer im Handwerk, also Praktiker, ganz genau sagen, was sie brauchen, was in den Betrieben funktioniert und was nicht. Das ist der Mehrwert von Mitbestimmung im Handwerk. Mitbestimmung schafft auch Perspektiven für Beschäftigte und Betriebe. Ich glaube, dass das Gefüge der Wirtschaft stärker wird mit einer höheren Tarifbindung. Wir haben eine bessere Arbeitsebene und gemeinsam eine lautere Stimme in Richtung Politik. Das kann nur von Vorteil sein bei dem Strukturwandel, den wir vor uns haben.

"In anderen Branchen haben wir gute Erfahrungen gemacht, wenn sich mehrere Betriebe in einer Region zusammengeschlossen haben, um gemeinsam Ausbildungsinhalte zu vermitteln."

Diesen Punkt haben Sie deutlich gemacht, dass also Tarifbindung zur Fachkräftesicherung beitragen kann und auf die Attraktivität eines Arbeitgebers einzahlt. Das allein dürfte aber den Mangel an Arbeitskräften im Handwerk nicht beseitigen. Was kann hier noch getan werden?

Wir müssen den Kreis derer, die im Handwerk arbeiten und als Fachkräfte gewonnen werden können, vergrößern. Zum Beispiel bereits mit dem Berufseinstieg, so dass man stärker für attraktive duale Ausbildungsberufe wirbt. Und: Es gibt 2,6 Millionen junge Menschen in Deutschland, die bisher noch keine Chance auf eine vollwertige Ausbildung hatten, hier kann das Handwerk gute Startmöglichkeiten bieten. Zusätzlich können beispielsweise auch mehr Menschen mit Migrationshintergrund unterstützt werden, um im Handwerk arbeiten zu können.

In ihrer Reutlinger Erklärung haben die Arbeitnehmervizepräsidenten bestimmte Elemente ins Spiel gebracht, die Ausbildung stärken können, also assistierte Ausbildung und Angebote für ältere Azubis. Es ist aber doch so, dass sich viele Betriebe schon jetzt mit der Ausbildung überfordert fühlen, weil die Azubis auch anspruchsvoller werden. Das ist doch kaum mehr zu schaffen…

Natürlich ist es für einen kleinen Handwerksbetrieb schwierig, all das abzudecken. In anderen Branchen haben wir gute Erfahrungen gemacht, wenn sich mehrere Betriebe in einer Region zusammengeschlossen haben, um gemeinsam Ausbildungsinhalte zu vermitteln.

Dafür gibt es auch die überbetriebliche Lehrlingsunterweisung, also die überbetrieblichen Bildungsstätten im Handwerk.

Hier ist in absehbarer Zeit die Herausforderung der demografische Wandel, da viele hauptamtliche Ausbilder in Rente gehen. Zusätzlich muss massiv in die Ausstattung der Bildungsstätten investiert werden, um mit der technischen Entwicklung der Berufe mitzuhalten. Das Thema wird uns in den nächsten Jahren stark und intensiv beschäftigen. Was mich generell zur Frage der Qualifizierung von Ausbildungspersonal bringt. Es sind ja oft die Gesellen, die im Betrieb ausbilden, nicht die Meister, weil die Betriebe immer größer werden.

"Wir brauchen Angebote für Gesellen, die ausbilden, damit sie auch mit der heterogener werdenden Klientel in der Ausbildung zurechtkommen."

IG Metall, Nadine Boguslawski
martinjoppen.de - © Martin Joppen

Wo sehen Sie hier Handlungsbedarf?

Wir brauchen Angebote für Gesellen, die ausbilden, damit sie auch mit der heterogener werdenden Klientel in der Ausbildung zurechtkommen. Wir haben eben über Jugendliche mit Migrationshintergrund gesprochen. Da gibt es oft Sprachbarrieren, kulturelle Hürden. Und da brauchen wir Angebote, damit auch die Gesellinnen und Gesellen, die ausbilden, damit umgehen und ihre sozialen Kompetenzen nachschärfen können.

Uns würde Ihre Position zu einigen Reizthemen im Handwerk interessieren. Eines dieser Themen ist die Vier-Tage-Woche. Wie stehen Sie dazu?

Ich finde die Idee grundsätzlich sympathisch. Es hat schon einen gewissen Mehrwert, wenn man nur noch an vier Tagen statt an fünf ins Geschäft fahren muss. Das ist natürlich je nach Betrieb und Branche unterschiedlich zu bewerten, ob ich jetzt auf Montagetätigkeiten im Außendienst unterwegs bin oder auf Baustellen. Aber es kann attraktiv sein für Beschäftigte und für Arbeitgeber. Ich finde, man sollte nicht von vornherein Nein sagen zu dem Modell, sondern einfach mal schauen und ausprobieren. Und das machen ja schon einige Betriebe, gerade im Handwerk. Und wir als IG Metall begleiten einen wissenschaftlichen Feldversuch mit 50 Unternehmen in Deutschland.

Ein anderes Reizthema ist das Bürgergeld. Machen Sie sich Sorgen, dass ein zu großzügiges Bürgergeld vielleicht Zwietracht sät und untere Lohngruppen unverhältnismäßig benachteiligt oder Arbeit für Beschäftigte im Niedriglohnsektor unattraktiv macht?

Ich mache mir eher Sorgen, dass die Gehälter in den unteren Lohngruppen oft zu niedrig sind. Und was das Bürgergeld angeht: Wir sollten uns lieber darüber unterhalten, was wir tun können, um Menschen zu fördern und zu befähigen, eine richtige Arbeit anzunehmen - statt darüber zu diskutieren, wie man Menschen bestraft, die keine Arbeit finden, indem man ihnen die Leistungen kürzt.

"Mehr Tarifbindung, bessere Entgelte und Arbeitsbedingungen in den Betrieben – und dann erübrigt sich die Mindestlohn-Debatte."

IG Metall, Nadine Boguslawski
martinjoppen.de - © Martin Joppen

Glauben Sie, dass im nächsten Bundestagswahlkampf der Mindestlohn eine wichtige Rolle spielen wird, wovon DGB-Vertreter zum Beispiel ausgehen?

In den Branchen, für die wir als IG Metall zuständig sind, ist der Mindestlohn nicht so das entscheidende Thema, die meisten Betriebe zahlen mehr. Generell aber würde ich sagen: Mehr Tarifbindung, bessere Entgelte und Arbeitsbedingungen in den Betrieben – und dann erübrigt sich diese Debatte.

Machen Sie sich Sorgen über den Aufstieg der AfD? Die Partei gewinnt in vielen Betriebsräten an Bedeutung und auch mancher Handwerker fühlt sich von AfD-Positionen angezogen…

Ich glaube nicht, dass das ein spezielles Handwerksproblem ist. Das ist ein gesellschaftspolitisches Problem. Wir leben in unruhigen Zeiten und erleben viele Krisen gleichzeitig. Angesichts der vielen Unsicherheiten und Veränderungen sagen manche Menschen: Mir reicht es jetzt, ich hab‘ die Nase voll. Es ist, wenn sie so wollen, ein Ausdruck von Ohnmacht. Und da schließt sich der Kreis zu dem, was ich am Anfang des Gesprächs gesagt habe. Es ist auch unser Job als Sozialpartner, als Gewerkschaften, als Interessenvertreter zu sagen: Wir setzen uns ein für Sicherheit im Wandel. Die Menschen mitzunehmen in den Betrieben mit klaren Perspektiven Zukunftsängste zu nehmen, das ist die hohe Kunst. Denn vermeintlich einfache Lösungen, wie die Behauptung der Rechten "nichts muss sich ändern", verfangen natürlich eher.

Welche Lösung bieten Sie alternativ an?

Unsere Antwort heißt Beteiligung und Teilhabe. Ich will damit sagen – man kann sich in Deutschland auf demokratischem Weg in vielfältiger Weise einbringen und beteiligen und die Verhältnisse selbst mitgestalten. Nicht nur an der Wahlurne, sondern auch in der Selbstverwaltung der Wirtschaft. In der Vollversammlung, in der Handwerkskammer oder in Innungen. Allein in diesem Jahr werden 34 Handwerksparlamente neu gewählt, das ist doch eine Riesenchance zum Gestalten und Mitmachen.