Handwerk zum Bahnprojekt "Stuttgart 21": Anschluss halten

Das Handwerk der Kammerbezirke Stuttgart und Ulm erhofft sich durch Stuttgart 21 vor allen Dingen eine bessere Verkehrsanbindung und plädiert für die Umsetzung des Bahnprojekts.

Frank Muck

"Stuttgart 21": Anschluss halten

Nicht nur im Ländle wird kontrovers über das milliardenschwere Bauvorhaben "Stuttgart 21" gestritten. Doch wie steht eigentlich das Handwerk dazu? Wir haben bei den am stärksten betroffenen Kammern Stuttgart und Ulm nachgefragt. Für Claus Munkwitz wäre ein Scheitern des Projekts eine Katastrophe. "Wir sind sehr besorgt, dass "Stuttgart 21" noch gekippt werden könnte", sagt der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart. Abgesehen von der schwindenden Glaubwürdigkeit des Rechtsstaats sieht Munkwitz die Gefahr, dass die Region in der Modernisierung der Verkehrsinfrastruktur abgehängt werde. Umgekehrt verspreche sich die Wirtschaft durch eine verbesserte Erreichbarkeit zusätzliche Umsätze von etwa 500 Millionen Euro pro Jahr und damit die Schaffung von 10.000 neuen Arbeitsplätzen.

Nicht abhängen lassen

Ähnlich sieht es auch Jürgen Schmid. Der Kreishandwerksmeister hat einen Stuckateurbetrieb in Ebersbach im Filstal (Großraum Stuttgart). "Wir dürfen von europäischen Verkehrsnetzen nicht abgehängt werden“, sagt er. Die extrem exportabhängige Region werde eh schon durch den längst überfälligen Ausbau der B 10 und des Staßenbahnnetzes in ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit behindert. Ein vernünftiger S-Bahn-Anschluss sei dagegen mit "Stuttgart 21" garantiert. Umso wichtiger sei es, mit der Verbesserung des Schienennetzes weiterzumachen.

An die große Auftragsflut für das Handwerk bei der Umsetzung des Projekts glaubt Schmid so wenig wie Munkwitz. Kein Handwerker könne etwa den Tunnelvortrieb machen, so Munkwitz. "Beim Bau der Büros und Wohnungen sind wir aber nachher dabei“, hofft Schmid. Das Handwerk werde vom Wohnungsbau auf dem frei werdenden Gleisgelände am Hauptbahnhof profitieren, so die Kammer Stuttgart anlässlich einer Vollversammlung vom 18. Oktober, in der sich das Gremium einstimmig für "Stuttgart 21" ausgesprochen hat. 11.000 neue Wohnungen sollen entstehen.

Damit die ansässigen Betriebe bei der Vergabe der Bauaufträge nicht außen vor bleiben, sei die DB Projektbau GmbH aufgefordert worden, die Bauverträge so zu gestalten, dass Handwerksunternehmen realistische Möglichkeiten haben, sich um Subunternehmeraufträge zu bewerben.

Attraktivität des Wirtschaftsstandortes Ulm sichern

Die Handwerkskammern Ulm und Reutlingen sehen ebenfalls in der Verkehrsanbindung den größten Nutzen durch "Stuttgart 21". Die Neubaustrecke von Wendlingen nach Ulm werde sicherstellen, dass die Attraktivität des Wirtschaftsstandortes Ulm erhalten bleibe, so die Kammer. Reutlingen sieht vor allem in der besseren Verbindung zur "Verkehrsdrehscheibe“ Stuttgart einen Vorteil für die regionale Wirtschaft.

Ganz einhellig ist die Meinung im Handwerk jedoch nicht. Claus Munkwitz weiß, dass es unter den Handwerkern dezidierte Gegner gibt. Die Kammer sei weiterhin "dialogoffen“. Wolfgang Theilacker-Beck beispielsweise gehört zu denjenigen, die nicht erst jetzt ihre Ablehnung äußern. "Ich war von Anfang an dagegen“, sagt der Diplom-Ingenieur und Inhaber einer Firma für technischen Gerätebau in Stuttgart. Dem Argument einer schnelleren Bahnanbindung könne er nicht folgen. "Ich fahre nicht mit dem Zug, um schnell anzukommen.“ Eine geringere Fahrzeit sei noch keine Qualitätsverbesserung. Wirtschaftlich erwarte er sich kein Wachstum. Eher im Gegenteil: Falls er während der Bauphase des Projekts Lieferschwierigkeiten habe, werde er die Produktion verlagern. Das Projekt sei außerdem insgesamt zu teuer für das, was es bringt.

Diese Bedenken sieht Claus Munkwitz durch die nüchternen Zahlen entkräftet. Vergleiche man die Wirtschaftskraft des Landes Baden-Württemberg mit 345 Milliarden Euro oder 100 Milliarden Euro jährlich allein für die Region Stuttgart mit den Gesamtkosten des Projekts von sieben Milliarden Euro über einen Zeitraum von zehn Jahren, erscheine die Investition vertretbar.