Weiterbildung Studieren ohne Abitur: Handwerksmeister an der Uni

Wer studieren will muss Abitur oder zumindest ein Fachabitur haben – lange galt diese Grundregel in allen deutschen Bundesländern. Heute gilt sie als überholt, denn auch über eine berufliche Qualifikation ist es möglich zu studieren. Der Hochschulzugang ohne Abitur soll nun sogar bundesweit einheitlich geregelt werden. Doch welche Chancen bietet dies wirklich? Von Jana Tashina Wörrle

Studieren ohne Abitur: Handwerksmeister an der Uni

Wirtschaftsexperten prognostizieren schon seit einigen Jahren, dass es auf dem deutschen Arbeitsmarkt immer stärker zu einem Fachkräftemangel kommen wird. Die Fachhochschulen und Universitäten bieten deshalb viele neue Studienmöglichkeiten. Im Herbst 2008 wurde auf dem Qualifizierungsgipfel zwischen Bundeskanzlerin und den Ministerpräsidenten der Länder beschlossen, bis 2010 eine einheitliche Regelung für den Hochschulzugang ohne Abitur zu finden. Im März 2009 hat die Konferenz der Kultusminister der Länder (KMK) dazu einen Beschluss gefasst: Jedes einzelne Bundesland muss diesen nun umsetzen und die Regelungen in das jeweilige Landeshochschulgesetz aufnehmen. Dabei wurden jedoch keine Fristen vereinbart, bis wann die Länder den Beschluss umsetzen müssen.

Wettbewerb der Hochschulen um Bewerber steigt

Friedrich Hubert Esser vom Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) geht davon aus, dass alle Länder den Beschluss im Laufe des kommenden Jahres umsetzen. "Wir sind darüber erfreut, dass die Länder so schnell reagieren", sagt er, "der politische Druck wirkt und auch der ZDH wird ein Auge darauf haben, dass die Umsetzung weiter voran getrieben wird", kündigt Esser an. Einige Bundesländer hätten bereits mit der Umsetzung des Beschlusses begonnen, womit sogleich auch der Wettbewerb zwischen den Hochschulen um die Bewerber steige. "Viele Fachhochschulen und Hochschulen zeigen großes Engagement, mehr Studierende an ihren Standort zu locken", sagt er. Durch den demographischen Wandel würde schließlich auch das Thema "Fachkräftemangel" immer wichtiger beziehungsweise drängender werden.

Die Zugangskriterien

Der KMK-Beschluss zur bundesweiten Vereinheitlichung des Hochschulzugangs für beruflich Qualifizierte sieht vor, dass sowohl Personen mit Meistertiteln als auch Inhaber von Fortbildungsabschlüssen vergleichbarer Qualifikation eine allgemeine Hochschulzugangsberechtigung erhalten. Außerdem soll es fachgebundene Hochschulberechtigungen für alle jene geben, die sowohl eine mindestens zweijährige Berufsausbildung als auch eine mindestens dreijährige Berufspraxis in dem angestrebten Studienbereich vorweisen können. Sie müssen jedoch zusätzlich an einer Eignungsprüfung teilnehmen. Die Prüfung kann durch ein einjähriges Probestudium ersetzt werden. Da die einzelnen Bundesländer hierzu zusätzliche Regelungen erlassen können, legte die KMK fest, dass diese landesspezifischen Hochschulzugangsberechtigungen nach einem absolvierten Studienjahr von allen Ländern anerkannt werden müssen. Somit können die Studenten nach dem ersten Jahr auch in einem anderen Bundesland weiterstudieren.

Einheitliche Regelungen positiv für Handwerksmeister

Der ZDH steht der beschlossenen Vereinheitlichung grundsätzlich sehr positiv gegenüber. "Für unsere Handwerker ist es natürlich gut, einheitliche Regelungen für den Hochschulzugang zu haben," betont Esser. "Die bundesweite Vereinheitlichung des Hochschulzugangs ohne Abitur ist ein bildungspolitisches Signal für das Handwerk", sagt er, "wie sich dies quantitativ auswirkt, wird sich zeigen". Mit der Weiterqualifizierung über ein Studium müsse das Handwerk aber auch darauf achten, die "studierten Meister" in die Handwerksbranche zurückzuholen. "Weiterqualifizierung ist wichtig, das Know-how muss aber auch im Handwerk bleiben", betont Esser. Gleichzeitig sei es wichtig zu zeigen, dass berufliche und akademische Bildung zwar nicht gleichartig, aber gleichwertig sind. "Im zweiten Schritt muss nun deutlich werden, dass Handwerker auch inhaltlich auf gleicher Augenhöhe mit Akademikern stehen," fordert Esser. "Wir brauchen noch mehr Studiengänge, in denen berufliche Kompetenzen angerechnet werden."

Auch die KMK setzt sich dafür ein, den beruflich erzielten Qualifikationen zusätzlichen Wert beizumessen und hat bereits vor einigen Jahren beschlossen, dass Fachkenntnisse bei der Aufnahme eines fachbezogenen Studiums angerechnet werden können. Bis zu 50 Prozent der Studiendauer soll dadurch erlassen werden können. Hier wird jedoch auch weiterhin jede Hochschule ihre eigenen Kriterien aufstellen. "Eine bundesweite Vereinheitlichung der Anrechnungsmöglichkeiten wird und kann es nicht geben", sagt Friedrich Hubert Esser. Berufliche Abschlüsse, wie zum Beispiel der Meister, hätten einheitliche berufliche Kompetenzen als Ziel, sie seien "kompetenzorientiert und handlungsorientiert". Das sei mit akademischen Curricula und Abschlüsse nur bedingt vergleichbar. Daher seien bisher auch erst wenige Anrechnungskooperationen bekannt.

Eine Hochschule, an der über eine berufliche Qualifikation ein Studium aufgenommen werden kann, ist die Hochschule Biberach an der Riß. Seit dem Wintersemester 2006/2007 gibt es dort den "Hochschulzugang für Berufstätige" und er wird mit wachsendem Interesse nachgefragt. "Bei uns sind diejenigen, die über eine berufliche Qualifikation ein Studium beginnen, noch Einzelfälle – jedoch mit steigender Tendenz", sagt Anette Schober-Knitz von der Hochschule Biberach. Nicht zu vernachlässigen sei die Tatsache, dass die meisten Studiengänge in Biberach nur in Vollzeit angeboten werden und die Bewerber aus dem Handwerk ihre bisherige Berufstätigkeit aufgeben müssten. "Da die Bewerber in der Regel älter sind und teilweise Familie haben, fällt die Entscheidung für ein Studium nicht leicht", weiß Anette Schober-Knitz. 19 Studenten ohne (Fach-)Abitur sind aktuell an der Hochschule Biberach eingeschrieben. Vergleicht man diese relativ geringe Zahl jedoch mit der Anzahl derjenigen, die vor Studienbeginn eine Berufsausbildung abgeschlossen haben, so zeigt sich, dass die berufliche Qualifikation – ob mit oder ohne Abitur – eine große Rolle spielt. "Wir haben aktuell 1.600 Studierende, etwa 600 davon haben zuvor eine Berufsausbildung abgeschlossen, auf die das Studium oftmals aufbaut", berichtet Anette Schober-Knitz.

Da die Hochschule Biberach schwerpunktmäßig Studiengänge rund um die Fachbereiche "Architektur" und "Bauingenieurwesen" anbietet, kommt ein großer Teil dieser Studenten aus dem Handwerk.

Auch Studium in fachfremden Bereichen möglich

Das Landeshochschulgesetz Baden-Württemberg legt auch für die Hochschule Biberach fest, dass die Aufnahme eines Studiums für beruflich Qualifizierte ohne Abitur grundsätzlich immer fachlich an die vorhergehende Berufsausbildung oder Meisterprüfung gebunden ist. Legt der betreffende Student jedoch eine spezielle Eignungsprüfung ab – die Hochschule Biberach kooperiert hierbei mit der Hochschule Konstanz – so ist auch ein Studium in einem eigentlich fachfremden Bereich möglich.

Genau an dieser Stelle können sich jedoch auch Probleme zeigen, berichtet Gerhard Winter von der Hochschule Albstadt-Sigmaringen. Er hat in seinem Fachbereich die Erfahrung gemacht, dass Studenten, die statt einem Abitur einen Meistertitel vorweisen und ein fachfremdes Studium aufnehmen, oft an Fächern wie Mathematik oder den Naturwissenschaften scheitern. "Bis vor kurzem hat bei uns ein Gebäudereinigermeister studiert. Er musste jedoch nach dem vierten Semester wieder aufgeben. Es war einfach zu schwer", sagt Winter, der in Sigmaringen im Fachbereich Lebensmittel-Ernährung-Hygienetechnik (LEH) lehrt.

Er sieht das Problem nicht beim Hochschulzugang selbst. Etwa die Hälfte der Studenten, die an der Hochschule Albstadt-Sigmaringen das Fach LEH studieren, haben vor Studienbeginn eine Berufsausbildung abgeschlossen. "Das sind viele Köche, Bäcker oder Metzger. Aber auch biologisch-technische oder chemisch-technische Assistenten kommen zur Weiterqualifizierung zu uns“, erzählt Winter. Und auch Gesellen oder Meister aus dem Bereich der Gebäudereinigung kommen nach Sigmaringen, um nach ihrer beruflichen Qualifizierung zu studieren. Das seien etwa ein bis zwei Studenten pro Semester, sagt Winter.

Dschungel wird durchschaubarer

Jan Rathjen, Leiter des Arbeitsbereichs Bildung bei der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) sieht in der geplanten Vereinheitlichung des Hochschulzugangs viele Vorteile. "Der Dschungel der verschiedenen Zugangsbedingungen wird nun durchschaubarer", sagt er. Insgesamt würden die Bedingungen durch den Beschluss liberaler werden, da sich alle Bundesländer auf gemeinsame Mindeststandards geeinigt hätten. Die Hochschulen können seiner Meinung nach vor allem davon profitieren, dass nun auch mehr berufliche Erfahrungen mit in die Studiengänge einfließen werden. Er gibt jedoch zu bedenken, dass sich erst zeigen muss, ob sich die Vereinheitlichung auch wirklich in steigenden Studentenzahlen ausdrücken wird. Bisher sei die Zahl der Studenten, die ausschließlich über eine berufliche Qualifikation an die Hochschulen kommen auch dort sehr gering, wo auch bislang bereits sehr liberale Regelungen existieren.

Im Sommersemester 2006 gelangte nur etwa ein Prozent der Studenten ausschließlich über eine berufliche Qualifikation an die Hochschulen, so die Ergebnisse der 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks. "Die Hochschule erhält eine neue Zielgruppe und somit mehr Bewerber für die jeweiligen Studienplätze", sagt Anette Schober-Knitz zu den neuen Chancen, die durch die Öffnung der Hochschule für Berufstätige ohne Abitur für die Hochschule selbst entstehen. In den einzelnen Semestern entstehe somit eine neue Zusammenstellung, neue Erfahrungshintergründe würden hinzukommen, die sich in der Summe sicherlich gut ergänzen könnten. Die Studierenden könnten wiederum von einer besseren Durchlässigkeit im Bildungssystem profitieren und hätten insgesamt mehr Qualifizierungsmöglichkeiten zur Auswahl.

Stipendien für Studenten mit Berufsausbildung

Damit dem Schritt an die Universität keine finanziellen Hürden im Wege stehen – schließlich nimmt ein Studium viel Zeit in Anspruch, die eventuell im Beruf fehlen könnte – fördert das Bundministerium für Bildung und Forschung (BMBF) Studenten mit einer erfolgreich abgeschlossenen Berufsausbildung mit so genannten Aufstiegsstipendien. Vom Anlagenmechaniker zum Ingenieur für Maschinenbau? Von der Tischlerin zur Ingenieurin für Holztechnik? Das sind laut BMBF nur einige Beispiele für Studienabschlüsse, für die Erfahrung in einem Ausbildungsberuf eine gute Grundlage bietet. Die Förderung richtet sich an besonders qualifizierte Arbeitnehmer, Selbstständige oder auch Arbeitslose mit Berufsausbildung. Studenten, die ein Vollzeitstudium absolvieren, erhalten monatlich 650 Euro. Ein berufsbegleitendes Studium wird mit jährlich 1.700 Euro gefördert.