Die Wirtschaft lahmt, der Konsum ist zurückhaltend – wie geht es in dieser Situation in den kommenden Jahren mit den Sozialbeiträgen weiter? Eine neue Studie verheißt nichts Gutes.

Den Angestellten und Arbeitgebern in Deutschland drohen in den kommenden Jahren nach einer neuen Studie stark steigende Sozialbeiträge. Bis 2035 könnten die Beiträge der verschiedenen Versicherungszweige insgesamt um 7,5 Punkte auf 48,6 Prozent steigen, wie die der Deutschen Presse-Agentur vorliegende Studie zeigt.
Das Berliner IGES-Institut hatte im Auftrag der DAK-Gesundheit die Beitragsentwicklung bei der Renten-, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung berechnet, wie sie aus heutiger Sicht naheliegend erscheint.
Dazu gingen die Forscher von mittleren Werten bei den bestimmenden Größen für die Beiträge aus – der Geburtenrate, der Lebenserwartung, der Migrationsbewegung und der Lohnentwicklung. Für jeweils günstigere und ungünstigere Entwicklungen stellten sie die Abweichungen bei den Beiträgen dar. DAK-Vorstandschef Andreas Storm forderte die Politik auf, wirksam in die Entwicklung einzugreifen und eine Beitragsexplosion zu verhindern.
Sozialbeiträge belasten Handwerk stark
In der Sozialversicherung tickt eine Zeitbombe, bestätigt auch Handwerkspräsident Jörg Dittrich. "Nicht nur bei den Betrieben, sondern auch bei den Beschäftigten sinkt das Vertrauen in die Sozialversicherung", warnte Dittrich beim ZDH-Unternehmerforum 2023.
Nach Ansicht von Dittrich wird das Handwerk durch die derzeitige Finanzierung der Sozialsysteme überproportional stark belastet. "Wir rennen mit der Industrie um die Wette, aber das Handwerk bekommt zwei Zementsäcke mit", sagte der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) im Podcast "Motivation Handwerk verstehen".
Die Dienstleistungen des Handwerks seien sehr personalintensiv – im Gegensatz zur Industrie, die oftmals automatisiert produzieren könne. Dittrich betonte, dass die Einkommen im Handwerk gestiegen sind. Aufgrund des hohen Lohnanteils am Umsatz bleibe aber immer ein Abstand zur Industrie.
Mittlerweile hat der Sozialversicherungsbeitrag laut Dittrich die kritische Marke von 40 Prozent überschritten und zum 1. Juli 2024 drohe ein weiterer Anstieg durch Leistungsausweitungen der gesetzlichen Pflegeversicherung. "Es braucht nicht nur die schwarze Null, sondern eben auch die 40 Prozent als rote Linie", sagt er beim Unternehmerforum und fordert eine Verankerung im Grundgesetz.
DAK: 40-Prozent-Deckel unrealistisch
DAK-Vorstandschef Storm warnte indes, die Sozialabgaben könnten entgegen bisherigen politischen Ankündigungen realistisch nicht auf 40 Prozent gedeckelt werden. Allein in der gesetzlichen Krankenversicherung droht in den nächsten zehn Jahren demnach ein Beitragssprung von 16,3 auf 19,3 Prozent. Der Kassenchef forderte einen Stabilitätspakt für die gesetzliche Krankenversicherung. Den Kassen müssten die Ausgaben für die Versicherung von Menschen mit Bürgergeld vom Bund erstattet werden. Der Bundeszuschuss für die gesetzliche Krankenversicherung müsse jährlich steigen. Zudem schlug Storm vor, die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen an die durchschnittliche Entwicklung der beitragspflichtigen Einnahmen zu koppeln. Dies würde wie eine "dynamische Ausgabendeckelung" wirken, so der Kassenchef.
In der Pflege könnte der Beitragssatz bis 2030 um 0,7 Prozentpunkte steigen. In der Arbeitslosenversicherung geht der Beitragssatz laut der Studie zunächst von 2,6 Prozent bis 2027 auf 2,5 Prozent zurück. Bis 2035 ist dann mit einem Anstieg auf 3,0 Prozent zu rechnen. In der gesetzlichen Rentenversicherung ist gemäß der Studie und unter Einberechnung des geplanten Ampel-Rentenpakets mit einem Beitragsanstieg von derzeit 18,6 auf 22,3 Prozent 2035 zu rechnen. dpa/jes