Der Bankenexperte Professor Burghof über die Folgen der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank für Banken und ihre Kunden.
Karin Birk

DHZ: Herr Professor Burghof, die Commerzbank hat jüngst für Schlagzeilen gesorgt. Sie wird für große Anleger Negativzinsen verlangen. Werden andere Banken bald nachziehen?
Burghof: Das hängt maßgeblich davon ab, wie lange das Niedrigzinsniveau anhält. Derzeit glaube ich, dass nicht mehr viel dazugehört, dass andere Banken nachziehen. Die Frage ist, ob sie es öffentlich machen. Wenn Banken mit großen Anlegern über Anlagekonditionen verhandeln, können sie auch Nullzinsen und eine Gebühr verlangen.
DHZ: Geht es kleineren Mittelständlern und Privatpersonen bald ähnlich?
Burghof: Strafzinsen für Privatpersonen sehe ich momentan nicht. Sie wären zwar durchsetzbar, würden die Kunden aber sicher verärgern und kurzfristig zu erheblichen Abflüssen von Einlagen führen. Dies könnte Institute möglicherweise destabilisieren. Mittelabflüsse möchte keine Bank riskieren. Allerdings verlieren die Banken mit ihren Einlagen derzeit Geld. Denn sobald sie Überschüsse kurzfristig bei der Europäischen Zentralbank parken, müssen sie dafür Strafzinsen bezahlen. Die Frage ist, wie lange sie sich das leisten können.
DHZ: Gehen Sie davon aus, dass die EZB ihre Zinspolitik bald ändern wird?
Burghof: Ich würde mir sehr wünschen, dass die EZB nicht mehr glaubt, sie könne Probleme in Europa mit Niedrigzinsen aus der Welt schaffen. Denn diese Politik hat unerwünschte Nebenwirkungen.
DHZ: Mit welchen Risiken ist die EZB-Strategie verbunden?
Burghof: Derzeit ist der Zins eine von der Zentralbank festgesetzte Größe, mit der man bestimmte wirtschaftspolitische Ziele erreichen und eine Verschärfung der Staatsschuldenkrisen vermeiden will. Eigentlich sollte der Zins aber die Knappheit von Kapital deutlich machen und Kapital dorthin lenken, wo es die beste Verwendung findet. Jetzt sorgt er eher für Fehlanreize.
DHZ: Inwiefern?
Burghof: Die niedrigen Zinsen verleiten viele zu überdimensionierten Immobilienkäufen, die sie sich – insbesondere auf lange Sicht – nicht leisten können. Letztlich führt die Niedrigzinspolitik der EZB zu Blasen auf den Immobilienmärkten. Das Gleiche gilt auch für die Aktienmärkte.
DHZ: EZB-Präsident Mario Draghi will mit der expansiven Geldpolitik die Wirtschaft ankurbeln. Bisher mit mäßigem Erfolg. Woran liegt das?
Burghof: Die lockere Geldpolitik hat vor allem einen Zeitgewinn gebracht, der sehr unterschiedlich genutzt wurde. Länder wie Irland, Spanien oder Portugal haben teilweise harte Reformen durchgeboxt und so dafür gesorgt, dass sie etwa bei den Lohnkosten wieder wettbewerbsfähiger werden. In anderen Ländern wie Frankreich oder Italien stehen die Reformen noch aus. Und in Griechenland hat man den Eindruck, wird vieles einfach schön gerechnet. Das Problem ist außerdem, dass die EZB-Politik den Reformdruck auch teilweise aufhebt.
DHZ: Die EZB redet derzeit den Euro-Kurs runter. Was bringt das?
Burghof: Die EZB ist gerade dabei, den Wettbewerb der Schwäche zu gewinnen. Die Amerikaner versuchten ja ebenfalls, mit einer sehr lockeren Geldpolitik ihre Krise zu bekämpfen. Jetzt rudern sie etwas zurück. Der Euro wird damit schwächer. Kurzfristig befördert das unsere Exporte. Langfristig reduziert es die Qualität unserer Währung und die Rolle Europas in der Welt.