"Nicht zu arbeiten wird einem leichter gemacht" Stehrollstuhl abgelehnt: Friseurin kämpft um ihren Beruf

Nach einer missglückten Rücken-OP sitzt Tanja Jacobi im Rollstuhl. Mit einem Stehrollstuhl könnte sie wieder Haare schneiden – doch die Rentenversicherung lehnt die Finanzierung ab. Die Geschichte einer Handwerkerin, die nicht aufgibt.

Friseurmeisterin Tanja Jacobi und Inklusionsberaterin Carolin Zimmermann
Sie will wieder in ihrem Salon arbeiten: Friseurmeisterin Tanja Jacobi steht dazu auch im Austausch mit Inklusionsberaterin Carolin Zimmermann von der Handwerkskammer Kassel. - © Katja Rudolph

Tanja Jacobi lebt für ihr Handwerk: Seit über 35 Jahren arbeitet sie als Friseurin. 2017 eröffnete sie nach bestandener Meisterprüfung in Hofbieber ihren eigenen Laden "Hairreinspaziert". Sie baute sich einen treuen Kundenstamm auf und beschäftigt heute vier Mitarbeitende. Doch seit zwei Jahren erlebt die Friseurmeisterin einen Albtraum.

Wegen jahrelanger Probleme mit Rückschmerzen unterzog sich die Friseurmeisterin auf ärztliche Empfehlung im Oktober 2023 einer Operation an der Lendenwirbelsäule. Dabei kam es zu Komplikationen. Seitdem kann Tanja Jacobi ihr rechtes Bein nicht mehr bewegen, zudem entwickelt sie bei Belastung des Beins unkontrollierbare Krämpfe. "Mein ganzes Leben ist auf den Kopf gestellt", sagt die 51-Jährige, die nun im Rollstuhl sitzt und einen Grad der Behinderung von 80 hat.

Salon nur mit Hilfe erreichbar

Um zu ihrem Salon im Souterrain des Wohnhauses zu gelangen, ist sie auf Hilfe angewiesen – das Gefälle ist zu stark, die Türschwelle zu hoch. Zudem kann sie aus der Position im Rollstuhl ihre Kundinnen und Kunden nicht mehr frisieren. Also das Ende ihres Berufslebens als Friseurin? Das kommt für Tanja Jacobi nicht in Frage. Sie kämpft dafür, wieder an den Frisierstuhl zurückzukehren und ihrer Leidenschaft nachzugehen.

Ihre Chance sieht sie dabei im einem Stehrollstuhl, den sie bereits einmalig testen konnte und für gut befand. Dieser würde es ihr ermöglichen, in einer aufgerichteten Position die Köpfe ihrer Kunden zu erreichen und auch an die Regale im Salon zu gelangen. Zwar würde sie aufgrund ihrer Einschränkung nicht mehr so schnell arbeiten können wie früher, weiß die Friseurmeisterin. "Aber viele meiner Kunden sagen, das wäre ihnen egal, sie würden trotzdem zu mir kommen."

Tanja Jacobi beim Test des Stehrollstuhls
Aufgerichtet am Waschbecken: Tanja Jacobi beim Test des Stehrollstuhls. - © privat

Doch ihren Antrag auf Finanzierung des Stehrollstuhls, der rund 13.000 Euro kostet, lehnte die Rentenversicherung Ende vergangenen Jahres ab – ebenso den behindertengerechten Umbau des Salons. Auf Anfrage teilte die Deutschen Rentenversicherung (DRV) Hessen mit, die Prüfung habe ergeben, "dass die derzeitige berufliche Tätigkeit als selbständige Friseurmeisterin nicht leidensgerecht ist".

Das Warten zermürbt

Doch das will Tanja Jacobi nicht hinnehmen. Mit dem rechtlichen Beistand des Sozialverbands VdK legte sie Widerspruch ein – ohne Erfolg. Die Rentenversicherung hält an der Einschätzung fest, "dass auch mit einem Stehrollstuhl die Leistungsfähigkeit in der Tätigkeit als Friseurmeisterin nicht auf über drei Stunden angehoben werden kann". Tanja Jacobi sei "außergewöhnlich gehbehindert und nicht stehfähig", so eine DRV-Sprecherin.

Die Friseurmeisterin kann die Haltung der Rentenversicherung nicht nachvollziehen. "Nicht zu arbeiten wird einem heutzutage leichter gemacht als zu arbeiten", sagt sie und schüttelt den Kopf.  "Ich lebe für meinen Laden. Ich möchte wieder bei meinem Team und bei meinen Kunden sein." Doch momentan kann sie lediglich aus ihrem Wohnzimmer heraus die Terminvergabe und Verwaltung managen. Zudem hat sie einen Online-Shop für hochwertige Friseurprodukte aufgebaut.

Energie und Lebensmut

Wer Tanja Jacobi kennenlernt, staunt, wie viel positive Energie und Lebensmut sie trotz ihres Schicksalsschlags ausstrahlt. Doch im Innern sehe es anders aus, sagt die 51-Jährige. Sie fühle sich zunehmend ohnmächtig durch die zähe Bürokratie und das Warten. Ihr Erspartes hat sie bereits für den barrierefreien Umbau ihres Wohnhauses, einen Treppenlift und den rollstuhlgerechten Umbau ihres Autos gesteckt.

Welle der Hilfsbereitschaft

Ihre Nichten initiieren im vergangenen August schließlich eine Spendenaktion auf einer Online-Plattform. Innerhalb kürzester Zeit kommt ein fünfstelliger Betrag zusammen, bis heute sind rund 32.000 Euro von 670 Spenderinnen und Spendern eingegangen. Ein Zeichen, wie viele Menschen das Ziel der Friseurmeisterin unterstützen, wieder in ihrem Beruf zu arbeiten. Auch die Regionalzeitung, Online-Medien und das Fernsehen haben über den Fall berichtet.

Nach einem erneuten Beratungsgespräch mit der DRV läuft nun nochmals ein Prüfverfahren zur Kostenübernahme für den Umbau des Salons. Bevor es abgeschlossen ist, kann Tanja Jacobi nichts anschaffen oder beauftragen – denn rückwirkend werden keine Kosten erstattet.

Carolin Zimmermann, Fachberaterin für Inklusion der Handwerkskammer Kassel, steht mit Tanja Jacobi seit fast zwei Jahren im Austausch. Solange die Rentenversicherung als vorrangiger Reha-Träger keine finale Entscheidung getroffen hat, sieht auch sie aktuell keine weiteren Handlungsmöglichkeiten.

Ist der Wille da, gibt es auch einen Weg

Für Menschen mit Behinderung, ob angeboren oder im Verlauf des Lebens entstanden, sei die Teilhabe am Arbeitsleben ungemein wichtig, sagt die Inklusionsberaterin. "Dafür ist es notwendig Lösungen zu finden, um Betroffene auch im Handwerk halten zu können.“ Ihre Erfahrung ist: "Wenn der Wille vorhanden ist, findet sich fast immer auch ein Weg."

Tanja Jacobis Wille, wieder in ihrem Beruf zu arbeiten, ist ungebrochen. Ihre Augen leuchten, wenn sie sagt: "Ich liebe es, kreativ zu sein, die Leute zu verändern und dafür zu sorgen, dass sie sich wohlfühlen." Die Rentenversicherung habe sie schon auf eine Umschulung angesprochen. Doch Tanja Jacobi will ihren Salon nicht aufgeben. "Ich könnte mir nichts anderes vorstellen."