Bei der Bewertung von Wirtschaftsstandorten wird das Angebot an Fachkräften eine immer größere Rolle spielen. Schon jetzt suchen viele Unternehmen im Handwerk händeringend nach qualifiziertem Personal. Die zunehmende Alterung der Gesellschaft wird das Problem noch verstärken.
Barbara Oberst
Sylvio Patzak sucht Auszubildende. „Früher hatten wir immer mehrere Bewerbungen, letztes Jahr noch eine, die man aber vergessen konnte, dieses Jahr keine mehr.“ Zwei junge Leute würde der Chef eines Weimarer Sanitär- und Heizungsinstallateurbetriebs gerne ausbilden, zum Anlagenmechaniker und zur Bürokauffrau. Doch vorerst bleiben der Unternehmer, seine Bürofachkraft und die vier Monteure unter sich.
Patzaks Nachwuchsproblem passt zu den Statistiken. Über 40 Prozent der deutschen Handwerksbetriebe müssen sich anstrengen, um Personal zu bekommen. Jeder Vierte bricht die Suche erfolglos ab, vor allem kleine und mittlere Betriebe mit fünf bis 19 Mitarbeitern. Das hat der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) in einer Sonderumfrage herausgefunden.
Immer weniger Arbeitskräfte
In seiner Einschätzung des Wirtschaftsstandortes Deutschland warnte der Internationale Währungsfonds (IWF) genau vor dieser Entwicklung. Deutschland müsse mehr Menschen ins Arbeitsleben bringen, um dem Rückgang an Arbeitskräften zu begegnen und den Wirtschaftsstandort zu sichern, riet der IWF in seinem Länderbericht 2011. Ältere, Frauen, Migranten und Menschen, die bisher ohne Schul- und Ausbildungsabschluss geblieben sind, müssten stärker rekrutiert werden. Denn bis zum Jahr 2025 werden rund 6,5 Millionen weniger potenzielle Arbeitskräfte in Deutschland leben. Dann entscheidet über die Leistungsfähigkeit des Standortes vor allem die Frage, ob noch ausreichend Fachkräfte gewonnen werden können.
In den Regionen rund um München oder Stuttgart, wo ein besonders hoher Bedarf an Fachkräften herrscht und das Handwerk gleichzeitig mit Weltkonzernen wie BMW, Daimler oder Bosch um Personal konkurriert, ist das Schreckensszenario des IWF bereits Realität. Ein Viertel der Münchner Handwerksbetriebe kann Entwicklungschancen nicht mehr wahrnehmen – aus Mangel an Personal. Handwerksmeister bezeichnen hier den Fachkräftemangel als ihre größte Herausforderung, problematischer als Bürokratie, Nachwuchssicherung, Konjunkturentwicklung, Steuern und Abgabenlast oder Energie- und Rohstoffpreise. Die Handwerkskammer für München und Oberbayern prüft bereits die Möglichkeit, Fachkräfte aus Spanien anzuwerben.
Thüringen will Pendler zurückholen
Aber auch andere Regionen leiden unter fehlenden Fachkräften, beispielsweise Thüringen, wo zur allgemeinen demografischen Entwicklung das Problem der Abwanderung hinzukommt. Gerade junge, leistungsstarke Menschen verlassen nach wie vor den Freistaat. 2009 waren es rund 8.000 Menschen, weit mehr als die Hälfte von ihnen unter 30.
Dabei wird Thüringen bis 2015 rund 80.000 neue Fachkräfte brauchen. Das Wirtschaftsministerium hat deswegen die Thüringer Agentur für Fachkräftegewinnung ins Leben gerufen, die gezielt Pendler und Abgewanderte anspricht, um sie ins Land zurückzulocken. Mit der Aktion „Thüringen braucht dich“ sollen zudem Menschen ins Arbeitsleben geholt werden, die bisher ohne Chancen waren.
Denn gerade in den ersten anderthalb Jahrzehnten nach der Wende gab es für die geburtenstarken Jahrgänge zwischen 1976 und 1988 nicht genügend Ausbildungs- und Arbeitsplätze. Viele blieben arbeitslos. Sie versucht der Freistaat jetzt zu mobilisieren und nachzuqualifizieren.
Ehrlich, fit und arbeitswillig
Auch Sylvio Patzak sucht jetzt über die neue Plattform nach Auszubildenden. „Wir sind für alles offen“, sagt der Sanitär- und Heizungsbaumeister, um dann aber doch einzuschränken: „Der Bewerber muss ehrlich sein, körperlich halbwegs fit, er muss der deutschen Sprache mächtig sein und vor allem muss er den Willen mitbringen, etwas aus seiner Chance zu machen.“
Denn darin sind sich alle befragten Handwerksunternehmer einig: Ehe sie jemanden engagieren, den man nicht auf Kunden loslassen kann, weil er den Ruf des Unternehmens gefährdet, verzichten sie lieber ganz.
