Kaminkehrermeister mit Herz für behinderte Kinder Der Ruaß von Freilassing

Thaddäus Mußner ist Kaminkehrer mit Leib und Seele. Die Rolle als Glücksbringer hat er besonders gerne angenommen. Bei Kaminkehrertreffen in Freilassing hat er insgesamt 330.000 Euro für behinderte Kinder gesammelt.

Ulrich Steudel

© Foto: Ulrich Steudel

Mit dem Glück ist es so eine Sache. Jeder wünscht es sich, nicht jeder findet es. Ein Handwerksberuf ist zum Inbegriff des Glücksbringers geworden. Und niemand verkörpert dieses Versprechen mit so viel Leidenschaft wie Thaddäus Mußner, Kaminkehrermeister mit einem Herz für alle, denen das Glück nicht gerade hold war.

In Freilassing und Umgebung ist der schwarze Mann bekannt wie ein bunter Hund. Denn der „Ruaß“, wie er hier mit oberbayerischem Zungenschlag gerufen wird, hat schon in viele Familien zwischen Traunstein, Berchtesgaden und Salzburg Augenblicke des Glücks gebracht. Mehr als 330.000 Euro wurden bei den legendären Kaminfegertreffen gespendet, die der Ruaß in seiner Heimatstadt organisiert hat. Das Geld wurde von dem selbstlosen Kaminkehrer an behinderte Kinder der Region verteilt – je 5.000 Euro pro Kind.

„Ich habe eine liebe Frau, einen gesunden Sohn und einen tollen Beruf. Von meinem Glück möchte ich gern etwas abgeben“, erklärt Thaddäus Mußner den Ansporn für sein soziales Engagement. Das hat sich schnell bis München und Berlin herumgesprochen. Prominente Politiker wie der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber, Peter Ramsauer und der ehemalige Landtagspräsident Johann Böhm (alle CSU), die inzwischen verstorbene Ikone der bayerischen Grünen, Sepp Dachsenberger, oder der ehemalige Oppositionsführer im Landtag, Franz Maget von SPD waren schon bei den Kaminkehrertreffen zu Gast. Mit so viel Anerkennung für seinen Einsatz hatte der Ruaß gar nicht gerechnet. Noch überraschter war er freilich, als er eine Einladung des Bundespräsidenten erhielt.

Ein Glückspfennig für den Bundespräsidenten

Thaddäus Mußner überreicht dem ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler einen Glückspfennig. - © Foto: Bundespräsidialamt 2009

Wie jedes Jahr so ehrte auch Horst Köhler 2009 zum Neujahrsempfang Bürgerinnen und Bürger, die sich in besonderem Maß um das Gemeinwohl verdient gemacht haben. „In meinem Kaminfegergewand war ich so etwas wie der Star unter den Gästen. Die Journalisten haben sich jedenfalls gleich auf mich gestürzt“, erinnert sich Mußner, der für den Bundespräsidenten noch eine besondere Geste in petto hatte. Horst Köhler bekam vom bayerischen Kaminkehrer einen Glücks­pfennig geschenkt, wie schon so viele Menschen, denen der Ruaß begegnet ist.

Kurz vor Einführung des Euro ist er noch schnell mit 1.000 D-Mark zur Bank gefahren, um sie in Pfennige umzutauschen. „Unter dem Gewicht der Münzen ist mein Kleintransporter ganz schön in die Knie gegangen. Aber ich hoffe, dass jetzt mein Vorrat an Glückspfennigen bis zur Rente reicht“, sagt Mußner, der sich dem Beruf des Kaminkehrers sprichwörtlich mit Leib und Seele verschrieben hat: „Für mich gibt es keine schönere Arbeit, als den ganzen Tag Kamine zu kehren.“

Seite 2: Wie der Ruaß zu seinem Spitznamen gekommen ist

© Foto: Ulrich Steudel

Wie er zu seinem Spitznamen gekommen ist, daran kann er sich noch genau erinnern. Sechs Jahre nachdem er in München die Meisterprüfung abgelegt hatte, trat er 1990 den Dienst in seinem neuen Kehrbezirk Freilassing an. Als er am Dreikönigstag zum Frühschoppen der Feuerwehr auftauchte, stellte der Kommandant ihn als den neuen Ruaß von Freilassing vor. „Seither bin ich der Ruaß. Das trifft die Sache ziemlich genau, denn ich bin wirklich stolz auf meinen Beruf.“

Hochzeit bei weltgrößtem Schornsteinfegertreffen

Ehefrau Evelyn kann von der Kaminkehrer-Leidenschaft ihres Mannes ein Lied singen. Zur Hochzeitsfeier musste sie nach Norditalien reisen, um ihrem Zukünftigen während des weltgrößten Schornsteinfegertreffens in der Kirche von Re im Vigezzo-Tal das Ja-Wort zu geben. Für die Hochzeitsfotos ließ sie sich mit ihrem Mann auf Häuser­dächern ablichten. Der Sohn, der ein Dreivierteljahr später geboren wurde, bekam den Namen des Schutzheiligen der Kaminfeger, Florian. „Und wahrscheinlich bin ich die einzige Frau, die keinen richtigen Wohnzimmerschrank hat“, lästert die Gattin. Denn der ist gefüllt mit Kaminkehrerfiguren aller Art, jede für sich ein kleines Glückssymbol.

Der Austausch mit Berufskollegen gehört für Thaddäus Mußner zu seinem Kaminkehrerleben wie sein Spitzname Ruaß und der Ruß an den Händen. Als an Silvester 2000 auf seine Einladung hin ein kleiner Umzug von 30 Glücksfegern durch Freilassing marschierte, war das der Auftakt für seine Spendenaktion. „Damals haben wir 20.000 Mark für vier behinderte Kinder gesammelt“, blickt Mußner zurück. Vier Jahre später, als Freilassing 50 Jahre Stadtrecht feierte, kamen mitten im Sommer 400 Schornsteinfeger aus ganz Deutschland, der Schweiz und aus Österreich und spendeten die Rekordsumme von 135.000 Euro.

Spendenbereitschaft ungebrochen

Doch zwei Jahre später musste Thaddäus Mußner einsehen, dass seiner Kraft Grenzen gesetzt sind. Nach einem Herzinfarkt konnte er die Benefiztreffen nicht mehr organisieren. „Unser Sohn war unterwegs, ich hatte Verantwortung für meine Familie“, sagt er – fast wie zur Entschuldigung. Trotzdem sollte es noch ein letztes großes Kaminkehrertreffen in Freilassing geben. Silvester 2008 spendeten die schwarzen Männer noch einmal 110.000 Euro für behinderte Kinder der Region.

Seine Spendenbereitschaft hat der Kaminkehrermeister aber keineswegs verloren. Als zum Bundesverbandstag der Schornsteinfeger in Würzburg die radfahrenden Kollegen von der Glückstour ankamen, bei der sie 127.500 Euro für krebskranke Kinder gesammelt hatten, rundete der Ruaß großzügig auf: „130.000 Euro klingt doch viel besser.“