Regionalgeld Zahlungsmittel ohne Zinsen

In der Eurokrise rücken Regionalwährungen als Alternative zum bestehenden Geldsystem ins Blickfeld. Der „Chiemgauer“ zirkuliert zum Beispiel dreimal schneller als der Euro.

Ulrich Steudel

Die erfolgreichste Regionalwährung Europas: der Chiemgauer. - © chiemgauer e.V.

Die Unsicherheit wächst. Mit jeder neuen Meldung über die Krise in  Griechenland sorgen sich die deutschen Verbraucher wieder ein bisschen mehr um die Stabilität des Euro. Was wird aus unserem Geld? Kritiker des Geldsystems sehen das Übel in Zins und Zinseszins. Und proben Alternativen: Regionalwährungen, bei denen das Geld an Wert verliert, wenn es nicht ausgegeben wird. Im Chiemgau funktioniert das schon.

Was vor zehn Jahren als Projekt an der Waldorfschule in Prien am Chiemsee begann, hat sich zu Europas erfolgreichster Komplementärwährung entwickelt: dem "Chiemgauer", der zum Kurs von 1:1 gegen Euro eingetauscht werden kann.

Sparen wird bestraft

Das Regionalgeld wird in den Landkreisen Rosenheim und Traunstein von 596 Unternehmen akzeptiert. Knapp 480.000 "Chiemgauer" sind im Umlauf, mit denen vergangenes Jahr ein Umsatz von knapp 6,2 Millionen generiert wurde. Zinsen erwirtschaften kann mit dem "Chiemgauer" dagegen niemand, im Gegenteil. Nach drei Monaten verliert das Regionalgeld zwei Prozent seines Werts.

Dieser Umlaufimpuls soll sparen und spekulieren bestrafen, stattdessen die lokale Wirtschaft ankurbeln. Die "Chiemgauer" zirkulieren dreimal schneller durch den Geldkreislauf als der Euro.

Bettina Edmeier bezahlt ihre Mitarbeiter teilweise mit Chiemgauern. - © privat
ste Chiemgauer, Regionalgeld 3

Das kommt an, gerade im Handwerk, dessen Unternehmen ihre Kundschaft in der Regel nicht weit entfernt vom heimischen Kirchturm haben. Für Bäckermeisterin Bettina Edmeier war es daher keine Frage, beim "Chiemgauer" mitzumachen. "Ich finde es toll, wenn sich die Betriebe der Region auf diese Weise gegenseitig unterstützen. Das persönliche Kennenlernen von Geschäftspartnern hat mich sehr bereichert", so die Inhaberin von "Bettinas Keimbackstube" in Palling.

Das Unternehmen bietet Vollkornbrote an, die aus gekeimten Dinkelkörnern und ohne Mehl gebacken sind. Verkauft werden die Produkte an Bioläden oder über den Online-Shop. Viele Kunden zahlen mit "Chiemgauern", mit denen Edmeier dann ihrerseits beim Großhändler bezahlt. Zurücktauschen in Euro muss sie ihre "Chiemgauer" fast nie.

Vereine profitieren

Das wäre zwar teuer, würde aber einen guten Zweck erfüllen. Denn Gewinne darf weder der ideelle Trägerverein des "Chiemgauers" noch die Regios eG als wirtschaftlicher Grundpfeiler der Regionalwährung machen. Von den fünf Prozent des urspünglichen Wertes, die beim Rücktausch fällig werden, fließt ein Großteil als Förderung an einen gemeinnützigen Verein. Auch mit den Einnahmen aus dem Umlaufimpuls werden die 237 teilnehmenden Vereine unterstützt.

Im vergangenen Jahr sind auf diese Weise 50.000 Euro in die Vereinskassen geflossen. Das fördert die Akzeptanz der Regionalwährung in der Bevölkerung, wo der Gedanke des zinslosen Geldes offenbar auf fruchtbaren Boden fällt. Bäckermeisterin Edmeier zahlt den Lohn ihrer acht Mitarbeiter inzwischen zum Teil in "Chiemgauern".

Krise bringt zum Nachdenken

Der Erfolg des "Chiemgauers" war kein Selbstläufer. Initiator Christian Gelleri, einst Lehrer an der Waldorfschule und heute einer von zwei Vollzeit-Mitar­beitern, kann ein Lied davon singen. "Erst seit 2009 gibt es ein Mini-Gehalt. Am Anfang muss man aber erst einmal viel Zeit und Geld mitbringen. Ohne ehrenamtliches Engagement geht gar nichts", sagt Gelleri. Das ist auch ein Grund dafür, dass die meisten der rund 25 aktiven Regionalgeld-Initiativen in Deutschland von Umsätzen wie beim "Chiemgauer" weit entfernt sind. Profitieren könnten die Initiativen von der Krise in Griechenland, was auch Christian Gelleri bestätigt: "Immer mehr Menschen sehen ein, dass der Euro nicht das allein Seeligmachende ist."

Tischlermeister Andreas Czerny mit einer Holzuhr auf der Regionalmesse Rosenheim. - © Matthias Leippe
ste Chiemgauer, Regionalgeld 1

Dem Schreinermeister Andreas Czerny war das schon lange klar. "Unser zinsbelastetes Geldsystem ist zum Crash verurteilt. Nur bei einem negativen Zins wird das Geld nicht von Arm nach Reich umgeschichtet", glaubt der Mitinhaber der Schreinerei TrenknerCzerny in Schonstett. Das Unternehmen fordert seine Kunden auf jeder Rechnung dazu auf, 30 Prozent des Betrages in "Chiemgauer" zu bezahlen. Denn der "Chiemgauer" ist im Laufe der Zeit immer stärker vom reinen Tauschobjekt zur richtigen Währung geworden.

Banken machen mit

Schon seit 2006 gibt es die Regionalwährung auch in elektronischer Form mit Scheckkarte und bargeldlosem Zahlungsverkehr. Die Software musste die Initiative zwar selbst entwickeln, aber die regionalen Banken konnten für die Umsetzung gewonnen werden. "Sowohl die VR-Bank als auch die Sparkasse folgen damit ihrem Auftrag, die regionale Wirtschaft zu fördern", freut sich Christian Gelleri.

Seit zwei Jahren können Unter­nehmen auch Mikrokredite in "Chiemgauer" aufnehmen, wovon die Schreinerei TrenknerCzerny kräftig Gebrauch macht. "Wir haben praktisch immer zwischen 5.000 und 15.000 laufen. So müssen wir praktisch nie ,Chiemgauer‘ in Euro zurücktauschen, weil wir mit ihnen unseren Kredit bedienen", erklärt Andreas Czerny. Mit den restlichen "Chiemgauern" kauft das Unternehmen ein: Werkzeuge in Rosenheim, Holz in Inzell, sogar Schreibwaren oder Feuerlöscher werden mit dem Regionalgeld bei benachbarten Geschäftspartnern bezahlt.

"Chiemgauer"-Erfinder Christian Gelleri ist in der Finanzkrise zu einem gefragten Experten geworden. In der ARD-Talkshow von Reinhold Beckmann durfte er seine Initiative vorstellen, die Financial Times Deutschland druckte seine Vorschläge, wie dem gebeutelten Griechenland wieder auf die Beine geholfen werden könnte.

Und die Griechen selbst schauen voll Bewunderung nach Oberbayern. Kürzlich wollte ein Fernsehteam eine Woche lang im Chiemgau einen Film über die Regionalwährung drehen. Aber ge­worden ist nichts daraus. Den griechischen Fernsehleuten wurde das Geld gestrichen.