Deutschland befindet sich nach Ansicht führender Wirtschaftsforschungsinstitute in der tiefsten Rezession seit Gründung der Bundesrepublik. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt werde dieses Jahr um 6,0 Prozent zurückgehen.
Stärkste Rezession seit Gründung der Bundesrepublik
Da die deutsche Industrie auf Investitions- und langlebige Gebrauchsgüter spezialisiert sei, sei sie in besonderem Maße betroffen, da die Nachfrage nach diesen Waren im Zuge der Weltrezession außerordentlich zurückgehe.
Nach Angaben des Frühjahrsgutachtens rechnen die Institute damit, dass die Abwärtsdynamik fortan nachlässt. Allerdings erwarteten sie keine Stabilisierung der Wirtschaftsleistung vor Mitte 2010. Für das kommende Jahr prognostizierten die Fachleute eine BIP-Schrumpfung von 0,5 Prozent.
Den Instituten zufolge wird zwar der Einsatz von Kurzarbeit den Beschäftigungsabbau zunächst abfedern, jedoch werden Unternehmen zunehmend ihren Personalbestand reduzieren. Im laufenden Jahr sei mit dem Verlust von einer Million Arbeitsplätzen zu rechnen. Im Herbst werde die Marke von vier Millionen Arbeitslosen in Deutschland wieder übertroffen.
Im Schnitt prognostizieren die Wirtschaftsforschungsinstitute für dieses Jahr 3,718 Millionen Arbeitslose und eine Arbeitslosenquote von 8,6 Prozent. Für das kommende Jahr seien die Aussichten noch schlechter. Zum Jahresende 2010 sei mit knapp unter fünf Millionen Arbeitslosen zu rechnen und einer Arbeitslosenquote von 10,8 Prozent.
Die Konjunkturprogramme, die wegbrechenden Steuer- und Beitragseinnahmen sowie angesichts der rasant steigenden Arbeitslosenzahlen die erhöhten Arbeitsmarktausgaben belasten die öffentlichen Budgets erheblich. Für 2009 sagen die Wirtschaftsexperten daher ein Staatsdefizit von 3,7 Prozent und für 2010 von 5,5 Prozent vorher.
Handwerk: Augenmass statt Aktionismus
"Die Korrektur der BIP-Veränderungsrate auf nunmehr minus 6 Prozent für 2009 spiegelt vor allem den extremen Einbruch der Export- und Investitionsgüternachfrage in den letzten sechs Monaten wieder. Bei dieser deutlichen Korrektur darf nicht übersehen werden, dass es erste Hoffnungszeichen gibt: Wir gehen davon aus, dass sich der bisher freie Fall verlangsamt und zu einem Ende kommt", kommentierte Handwerkspräsident Otto Kentzler. Auch deshalb sei es folgerichtig, dass sich die Wirtschaftsweisen ausdrücklich gegen weitere Konjunkturprogramme aussprechen. Dafür bestehe derzeit weder Bedarf noch Spielraum. "Die beiden beschlossenen Konjunkturprogramme leisten gegenwärtig, was über Programme getan werden kann und müssen teilweise ihre Wirkung noch entfalten. Umso wichtiger ist, dass Bund, Länder und Kommunen weiter an einer finanziellen Umsetzung vor Ort arbeiten", sagte Kentzler.
Die Handwerkskonjunktur könne sich dem schlechten wirtschaftlichen Umfeld nicht gänzlich entziehen. Sie ist aber weiterhin vergleichsweise zufriedenstellend. "Wir gehen für das Jahr von einem Umsatzrückgang um zwei Prozent aus und hoffen, unter diesen Voraussetzungen auch die Beschäftigung einigermaßen stabil halten können. Das Gleiche gilt für die Ausbildungsquote", sagte der Handwerkspräsident.
Wirtschaftsinstitute fordern Leitzins von 0,5 Prozent
Außerdem fordern die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute die Europäische Zentralbank (EZB) auf, den Leitzins auf 0,5 Prozent zu senken. Angesichts der Tiefe des konjunkturellen Einbruchs und der niedrigen Inflation im Euroraum sei dies notwendig. Jedoch wäre auch ein Zins von null Prozent keine ausreichende Reaktion auf die Krise. Vielmehr sollte die EZB ihre internationalen Ausschreibungsgeschäfte längerfristiger als bisher gestalten und notfalls auch zu einer quantitativen Lockerung übergehen. Das bedeute, dass sie Unternehmens- und Staatsanleihen kaufen sollte.
Nach Einschätzung der Experten ist eine Rekapitalisierung der Banken dringend notwendig. Es bestehe das Risiko, dass es zu einer regelrechten Kreditklemme komme. Durch ein Aufschieben könnte sich die Situation zuspitzen, zumindest würde die Krise sehr lange andauern. Notfalls müssten Banken gezwungen werden, staatliche Hilfen anzunehmen, hieß es weiter.
$(LC3506409:Die Eckpunkte des Frühjahrsgutachtens 2009 im Überblick >|_top)$
ddp