Nur wenige Wähler arbeiten sich durch die vollständigen Wahlprogramme der Parteien. Ein Grund: Die schwer verständliche Sprache. Wissenschaftler der Universität Hohenheim haben die Programme der Parteien sprachlich analysiert und kommen zu einem vernichtenden Fazit.
Mirabell Schmidt

"Terrorismusbekämpfungsergänzungsgesetz" (FDP), "Bundes-Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz" (Grüne) oder "Rundfunkänderungsstaatsvertrag" (Piraten): Mit dem, was nach dem Unwort des Jahres klingt, wollen die Parteien die Wähler in ihren Wahlprogrammen überzeugen.
Kommunikationswissenschaftler der Universität Hohenheim haben die Wahlprogramme der Parteien nun auf Verständlichkeit untersucht. Das Ergebnis: Die Parteien formulieren noch unverständlicher als 2009. Und schon damals hatten viele Wahlprogramme nur wenig besser abgeschnitten als politikwissenschaftliche Doktorarbeiten.
CDU/CSU schneiden am besten ab
"Das ist enttäuschend", sagt Institutsleiter Prof. Frank Brettschneider. "Denn alle Parteien haben sich in den letzten Jahren Transparenz und Bürgernähe auf ihre Fahne geschrieben."
Ausschlaggebend für die Beurteilung waren Satzlängen sowie die Verwendung von Fremdwörtern, Fachbegriffen und zusammengesetzten Wörtern. Nach dem "Hohenheimer Verständlichkeitsindex" sind Texte, die einen Wert von 20 erreichen sehr verständlich, bei einer Punktzahl von 0 sind sie völlig unverständlich.
Ganz so schlecht hat jedoch keine Partei abgeschnitten. Durchschnittlich erreichten die Wahlprogramme einen Wert von 7,7 - vor vier Jahren waren es 9 Punkte. Das Programm der CDU/CSU ist mit 9 Punkten am verständlichsten, das der Piraten mit 5,8 Punkten am wenigsten verständlich. Die Grünen liegen auf Platz zwei (8,4), gefolgt von SPD und FDP mit jeweils 7,3 Punkten.
Fachbegriffe verwirren Wähler
Die größten Hürden hinsichtlich der Verständlichkeit seien lange Sätze und zusammengesetzte Wörter oder Fremdwörter, die ohne Erklärung im Text verwendet werden. Vor allem die Piratenpartei verwirre in ihrem Programm mit Insiderbegriffen, wie "Comprehensive Test Ban Treaty", so die Wissenschaftler. Doch auch unter "Substitutionstherapie" (Linke) oder "Marktradikalisierung" (SPD), wissen nur wenige Leser etwas anzufangen.
Einen Negativ-Rekord hinsichtlich der Satzlänge stellt Die Linke auf: In ihrem Wahlprogramm findet sich der längste Satz mit 71 Wörtern. Das längste Wahlprogramm haben die Grünen. Es ist mit 82.746 Wörtern auf mehr als 300 Seiten etwa doppelt so umfangreich, wie die Programme der übrigen Parteien.
Parteien verpassen Chance
Während die Kurzfassungen der Wahlprogramme meist noch einigermaßen verständlich seien, würden die Langfassungen oft von innerparteilichen Expertenrunden verfasst, so Brettschneider. "Diesen ist meist gar nicht mehr bewusst, dass der Wähler ihr Fachchinesisch nicht versteht. Wir nennen das 'Fluch des Wissens'".
Parteien nutzten abstraktes Verwaltungsdeutsch aber auch, um unklare oder unpopuläre Positionen absichtlich zu verschleiern – die sogenannte taktische Unverständlichkeit, erläutert der Kommunikationswissenschaftler. "Mit ihren teilweise schwer verdaulichen Wahlprogrammen schließen die Parteien einen erheblichen Teil der Wähler aus und verpassen damit eine kommunikative Chance."