Zweiradmechaniker Florian Ohnesorg Spezialwissen sichert Kundschaft

Zweiradmechanikermeister Florian Ohnesorg zieht nach zwei Jahren Selbstständigkeit Bilanz. Der ehemalige Bundessieger punktet mit besonderen Kenntnissen. Unglücklich ist er nur mit der Konkurrenz, die es seiner Ansicht nach eigentlich nicht geben dürfte.

Frank Muck

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    Befreiende Erfahrung: Selbstständig zu sein, ist für Florian Ohne­sorg ein Gefühl von Freiheit. Auch wenn er sich nach eigenem Bekunden manchmal nur schwer selbst zufriedenstellen kann, blickt er doch optimistisch in die Zukunft.
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    Ohnesorgs Fachkenntnisse ziehen auch Kunden aus dem weiteren Umkreis an.
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    Detailwissen: Kunden bringen gerne ihre alten Fahrradschätze zur Reparatur. Der Zusammenbau einer alten Drei-Gang-Nabe gehört deswegen immer noch zum Standardrepertoire.

Bei Flowbikes geht es zu wie im Taubenschlag. Obwohl es ein wolkenverhangener, kühler Januar-Nachmittag ist, geben sich die Kunden in Florian Ohnesorgs Fahrradladen die Klinke in die Hand. Ein älterer Herr möchte ein spezielles Werkzeug für die Radnabe. Zusätzlich soll es ein Kettenschloss für die Fahrradkette sein. Ach ja, und eine Kette könne er gleich auch noch mitnehmen. Zwischendrin klingelt das Telefon. Ohnesorg berät geduldig. Ein jüngerer Mann gibt das bei einem Sturz beschädigte Laufrad ab. Der Schornsteinfeger will einen Termin für die Abnahme der Heizung ausmachen. Zu guter Letzt bringt der neue Lehrling seinen unterschriebenen Ausbildungsvertrag zurück.

Besser kann es sich der Meister in seinem Laden eigentlich nicht wünschen. Ohnesorg weiß, dass Ingenried im oberbayerischen Voralpenland vielleicht nicht die höchstfrequentierte Location im Umkreis ist und er ist sich sicher, dass es auch viele Tage ohne Aufträge geben wird. Doch der Bundessieger im Praktischen Leistungswettbewerb von 2016 ist nun mal sehr heimatverbunden und so hat er sich für seinen Heimatort als Standort für seinen Fahrradladen entschieden. Dass eine Werkhalle der inzwischen geschlossenen Spenglerei seines vor zwei Jahren verstorbenen Vaters frei geworden war, gab letztlich den Ausschlag. Ein Wegzug kam also nicht infrage.

Siege verschaffen ihm ausreichend Publicity

Knapp zwei Jahre ist er jetzt selbstständig – und hat es bei allen Unwägbarkeiten nicht bereut. Denn der 28-Jährige kann mit zwei besonderen Pfunden wuchern: seine gewonnenen Wettbewerbe und die Sachkenntnis in Spezialgebieten. Zusätzlich zu seinem Bundessieg im Leistungswettbewerb gewann Ohnesorg im gleichen Jahr den Europacup in Brünn – ein Wettkampf unter österreichischen, tschechischen, Schweizer und deutschen Mechanikern. "Die zwei Titel waren ein unheimliches Glück", weiß er heute. Haben sie doch für viel Publicity gesorgt – und damit auch für Kundschaft, die weit weg wohnt. Fahrradfahrer aus Kempten und aus dem 75 Kilometer entfernten Augsburg nutzen seine Fachkompetenz.

Ohnesorgs Selbstständigkeit, ja selbst sein Weg ins Handwerk waren lange nicht abzusehen. Nach einer Lehre als Einzelhandelskaufmann machte er sein Hobby zum Beruf und schloss eine Ausbildung zum Zweiradmechaniker an. Sofort nach der Lehre folgten Meisterbrief und eigener Betrieb. Dass es mit einem eigenen Geschäft auf dem Markt für Fahrradhandel und -reparatur nicht einfach sein würde, war Ohnesorg von Anfang an klar.

Online-Handel wächst weiter

Der Markt wächst zwar – vor allem bei E-Bikes – aber er ist umkämpft. Der Absatz lag für Fahrräder in den vergangenen fünf Jahren laut Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) zwischen 3,8 und 4,35 Millionen und stieg für E-Bikes von 2012 bis 2016 von 380.000 auf 605.000. Der Anteil der über das Internet verkauften Fahrräder ist laut ZIV zwischen 2012 und 2016 von 9 auf 15 Prozent angestiegen. Der Verkauf im Fachhandel stagniere dagegen bei knapp 70 Prozent. Der Anteil der SB-Warenhäuser, Baumärkte und des Lebensmitteleinzelhandels ist auf rund 16 Prozent gesunken. Gerade der Online-Handel mit seinem Druck auf die Preise macht dem Handel vor Ort das Leben schwer.

Ohnesorg ärgert sich jedoch weniger über Kunden, die im Internet bestellt haben und bei Problemen und Reparaturfällen in seinen Laden nach Service fragen. Bei denen sieht er inzwischen eher die Chance, sie duch gute Arbeit für den Kauf vor Ort zu begeistern. Was ihn viel mehr aufregt, sind Menschen, die ihm Preise für Fahrräder oder Fahrradteile aus dem Internet vorhalten und annehmen, er würde sich an den im Geschäft manchmal deutlich höheren Preisen bereichern.

Bundesinnungsmeister Frank Döring kennt natürlich das Preisdilemma. Online-Händler, aber auch große Handelsketten, können allein über die Menge an verkauften Fahrrädern und Zubehör notwenige Erlöse generieren und dementsprechend günstigere Verkaufpreise bieten. Doch der Fachhandel profitiere im Moment von dem Trend hin zu mehr Qualität.

Kunden schauen mehr auf Qualität

Die Kunden kaufen nach Erkenntnissen des ZIV immer hochwertigere Fahrräder, während gleichzeitig der Marktanteil von Händlern für Fahrräder im unteren Preissegment sinke. Zusätzlich wachse demografisch und kaufkraftbedingt der Bestand an E-Bikes und ersetzt dabei immer mehr das klassische Fahrrad. Dadurch brummt beim Fachhandel das Geschäft.

Weil ein Fahrrad heutzutage technisch so komplex ist, dass es nur die wenigsten Besitzer selbst warten und reparieren können, gehen sie zur Fachkraft. Folge davon ist, dass laut Bundesinnungsverband auch der Anteil der alljährlichen Inspektionen stetig steigt. Frank Döring: "Wie beim Auto wird es nach und nach zur Regel, dass die Kunden ihr Fahrrad jährlich warten und kontrollieren lassen."

Unübersichtlicher Markt

Fachhandel ist jedoch nicht gleich Fachhandel. Denn auf dem Markt tummeln sich viele Anbieter ohne Meister und manchmal auch ohne Ausbildung. Ein Problem, über das sich auch Florian Ohnesorg mächtig ärgern kann. Gerade im Fahrradhandel, so sein Eindruck, bekämen viele Anbieter Ausnahmebewilligungen von der Handwerkskammer.

Hubertus Zummach, bei der Handwerkskammer für München und Oberbayern zuständig für Ausnahmebewilligungen, widerspricht Ohnesorgs Eindruck. Die Zahl der jährlichen Ausnahmen schwanke zwar, sei aber im Kammerbezirk immer im einstelligen Bereich und übersteige nicht die Genehmigungen in anderen vergleichbaren Branchen. Die Kammer halte sich im Übrigen eng an die Vorgaben der Handwerksordnung. Wer etwa ohne eine langjährige Berufspraxis oder eine Gesellenprüfung eine Ausnahmegenehmigung beantrage, müsse seine theoretischen und praktischen Kenntnisse vor der Innung unter Beweis stellen.

Laut Zentralverband des Deutschen Handwerks gibt es rund 4.100 in die Handwerksrolle eingetragene Zweiradmechanikerbetriebe (inklusive motorisierte Zweiräder). Deren Zahl ist seit 2008 um knapp 400 gestiegen.

Anbieter ohne Fachkenntnis sorgen für Ärger

Ohnesorgs Ärger könne er trotzdem nachvollziehen, so Zummach. Denn zusätzlich zu Meisterbetrieben und Betrieben mit Ausnahmebewilligungen gebe es Unternehmen, die nicht in die Handwerksrolle eingetragen sind, so genannte Nebenbetriebe, die unter bestimmten Voraussetzungen "Leistungen untergeordneter Art zur gebrauchsfertigen Überlassung" ausüben dürfen, wie es in der Regelung heißt. Das trifft in diesem Fall auf zum Teil große Fahrradhändler zu, die natürlich auch Fahrräder montieren und Servicearbeiten leisten, aber dafür keine individuelle Prüfung vor der Handwerkskammer ablegen müssen.

Diese in § 3 der Handwerksordnung geregelte Ausnahme sieht laut Zummach auch die Handwerksorganisation kritisch. Viele dieser Tätigkeiten seien schließlich anspruchsvoll und zum Teil gefahrengeneigt – nicht zuletzt durch den wachsenden Anteil an E-Bikes.

Forian Ohnesorg setzt der ungeliebten Konkurrenz seine Expertise entgegen. Zusätzlich zu seinen Fachkenntnissen als Meister hat er sich weitere Spezialkenntnisse erworben. Diese sichern ihm auch Nachfrage nach Leistungen, die nur wenige Mechaniker bieten: die Wartung und Reparatur von Federgabeln und Stoßdämpfern beispielsweise. Er sagt: „Ich muss etwas haben, wo ich mich absetzen kann.“ Dass Ohnesorg mit dieser Strategie nicht ganz falsch liegen kann, weiß er, wenn er an einem normalerweise ruhigen Wintertag Überstunden machen muss.