Gefahrensucher Jogi, der vierfache Gekas und ein Bienenschwarm ohne Eintrittskarten. DHZ-Fußball-Kolumnist Stefan Galler zum vorletzten Spieltag der Qualifikation für die WM in Südafrika 2010.
Spannend bis zur letzten Minute
Meisterbetrieb: Salto unter erschwerten Bedingungen
Es war ein richtiger Krimi, spannend bis zur letzten Minute, bestückt mit großen Helden und bösen Buben: Deutschlands Fußball-Nationalmannschaft hat sich am Samstag mit einer einwandfreien Taktik, einer kämpferisch vorbildlichen Leistung und einer gehörigen Portion Dusel in Moskau direkt für die Weltmeisterschaft in Südafrika qualifiziert. Doch wer will schon Wasser in den Wein gießen, schließlich haben die Jogi-Buben auch ihr neuntes Gruppenspiel ohne Niederlage überstanden, den vor allem in der Offensive bärenstarken Russen ordentlich Paroli geboten und am Ende sogar endlich die Torwartfrage geklärt: René Adler parierte alles, was auf seinen Kasten kam – und das war jede Menge.
Also viele Fragen geklärt, auch jene nach dem großen Mysterium Kunstrasen: Ungewohntes Geläuf, hieß es im Vorfeld und prompt hatte der ein oder andere DFB-Kicker mit Standproblemen zu kämpfen. Für den deutschen Mittelstürmer Miroslav Klose waren die Bedingungen jedoch geradezu ideal. Weil er bei den Bayern in der Allianz Arena auf saftigem Grün unter Coach van Gaal bislang kaum zum Einsatz kommt, war der Synthetik-Platz für den bisherigen Null-Tore-Stürmer ein Rasen wie jeder andere. Prompt markierte er sein 48. Länderspieltor, ließ damit in der ewigen Bestenliste Klinsmann und Völler hinter sich und legte beim anschließenden Torjubel einen Salto hin, der technisch und künstlerisch eher daneben ging. Vermutlich lag es nur daran, das Torlos-Miro schon so lange nicht mehr Gelegenheit zum Üben hatte. Nur die ganz Bösen behaupten, es lag am Kunstrasen.
Gesellenstück: Die einzig siegreiche Herta
Wenn man es nicht so mit ihm hat, kann man Jogi Löw ja schon mal grundsätzlich einiges vorwerfen: Dass er kein "ch“ sprechen kann und statt "auch“ immer "au“ sagt. Dass er aussieht wie Tom Cruise und damit wie einer der führenden Gurus der höchst umstrittenen Scientologen-Bande. Dass er immer schwarze Klamotten trägt, obwohl ein Fußballtrainer doch eher optimistisch rüberkommen sollte. Wäre nun am Samstag in Moskau die Geschichte mit Jerome Boateng so richtig schief gegangen, es hätten wohl einige kein gutes Haar am Bundes-Jogi gelassen, auch diejenigen nicht, die mit Schwaben-Dialekt, Sekten oder modisch zur Schau gestellter Schwarzmalerei keine Probleme haben.
Ausgerechnet im wichtigsten Spiel des Jahres warf der Coach den Neuling vom HSV ins kalte Wasser. Und wäre beinahe bestraft worden, schließlich leistete sich der etwas leichtsinnige U21-Europameister zunächst ein paar haarsträubende Böcke, ehe er 20 Minuten vor Schluss auch noch vom Platz gestellt wurde. Gut, dass die verbliebenen zehn DFB-Balltreter den knappen 1:0-Vorsprung auch ohne Boateng über die Zeit schaukelten. Und das obwohl für den Ausgeschlossenen ausgerechnet Arne Friedrich die Position rechts in der Viererkette übernahm und beinahe in letzter Minute noch einen Elfmeter verursacht hätte.
Friedrich dürfte froh gewesen sein, dass er endlich mal die fußballerische Krisenhauptstadt Berlin verlassen konnte, doch irgendwie ist die Hertha in diesen Tagen so oder so omnipräsent. Und in Bezug auf den Literaturnobelpreis für Herta Müller muss der Fan aus der Hauptstadt mit Wohlwollen registrieren: Endlich mal eine Herta, die was gewinnt.
Erstes Lehrjahr: Kampf der Magier
Unterhaltsam ging es ja nicht nur in Moskau, sondern auch an einigen anderen europäischen Schauplätzen zu: Man nehme Athen, wo Otto Rehhagels Elf im Wettstreit mit Lettland nach 1:2-Rückstand noch den Kopf aus der Schlinge zog und sich mit 5:2 durchsetzte. Nicht zuletzt dank Leverkusens Stürmer Teofanis Gekas, der gleich viermal traf und hinterher ein dezentes Lob von seinem Sportdirektor Rudi Völler erhielt: "Selbst gegen Lettland musst du erst mal vier Tore machen“, sagte Völler.
Der Mann weiß, wovon er spricht, schließlich kam die deutsche Nationalelf unter seiner Leitung bei der EM 2004 gegen die tapferen Männer aus dem Baltikum über ein verstörendes 0:0 nicht hinaus. Es war überhaupt ein lustiges Spiel in Athen. Schon alleine die Tatsache, dass Schiedsrichter Övrebo den Griechen einen Elfmeter schenkte, sorgte für Erheiterung. Ausgerechnet der Norweger Övrebo, der im Champions-League-Halbfinale zwischen Barcelona und Chelsea im Frühjahr den Engländern nicht mal dann einen Strafstoß gewährt hätte, wenn einer von ihnen im Sechzehner der Katalanen sein Leben gelassen hätte. Lustig war es auch in Lissabon, wo die Portugiesen gerade noch dem sportlichen Tod von der Schippe gesprungen sind und nun gegen Malta den Playoff-Platz klar machen können.
Allerdings ohne Cristiano Ronaldo, der beim 3:0 gegen Ungarn schon nach 25 Minuten passen musste. Seine Knöchelverletzung soll übrigens keine rein organische Blessur sein. Vielmehr behauptet ein spanischer Hexer namens Pepe, er hätte den 94-Millionen-Mann verzaubert. Der Gegenzauber von Pepes Berufskollegen Fafe verpuffte ziemlich wirkungslos. Pepe behauptet, im Auftrag einer reichen und berühmten Frau zu handeln. Victoria Beckham? Paris Hilton? Angela Merkel? Man weiß es nicht, aber eines ist klar: Wenn es um Ronaldo geht, drehen einige ziemlich am Rad.
Zwei linke Hände: St. Martin entscheidet die Regenschlacht
Womit wir den europäischen Kontinent verlassen, nicht jedoch die Grundthematik "Verrückte Geschichten“: In Mexiko sorgte ein Bienenschwarm während der Anfangsphase der Qualifikationspartie gegen El Salvador im Aztekenstadion für Aufregung. Die fleißigen Honigproduzenten machten es sich hinter dem Tor der Gäste gemütlich, bedrohten Fotografen, Reporter und den Keeper von El Salvador. Nach einer neunminütigen Unterbrechung war der Spuk vorbei, die Insekten waren mit Rauch und Wasser vertrieben worden. Behaupten jedenfalls die Sicherheitskräfte.
In Wirklichkeit haben wohl eher ein paar Medizinmänner Maja und ihre Freunde einfach weggezaubert. Mexiko schaffte übrigens durch einen 4:1-Sieg die Qualifikation und dürfte sich in Südafrika wieder mit diesem Thema beschäftigen. Nein nicht mit Bienen, sondern mit weggezaubert werden. Und zwar frühzeitig aus dem WM-Turnier. Ob Diego Maradona als Nationaltrainer Argentiniens weggezaubert wird, entscheidet sich am Mittwoch in Uruguay, wo seine Mannschaft noch einen Punkt braucht, um die große Blamage abzuwenden.
Martin Palermo sicherte am Samstag in einer legendären Regenschlacht gegen Südamerika-Kanonenfutter Peru erst in der Nachspielzeit den 2:1-Sieg für die Gauchos. Mit Maradona gingen anschließend ziemlich die Gäule durch, er rutschte bäuchlings über den nassen Rasen und faselte unverständliches Zeug: "Der heilige Palermo hat uns neues Leben gegeben.“ Fragt sich nur, was am 36-jährigen Angreifer heilig sein soll, 1999 hat er mal in einem Länderspiel gegen Kolumbien drei Elfmeter verschossen. Das ist dann doch eher irdisch, genauer gesagt unterirdisch.